Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 hat sich die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Deutschland mindestens verdreifacht. Diese Zahlen veröffentlichte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) am Mittwoch. Im vergangenen Jahr wurden 8725 Vorfälle erfasst. Bei zwei Dritteln der Vorfälle hat es demnach einen Israelbezug gegeben.Beispielhaft für Übergriffe im Alltag nennt RIAS den Fall eines Rabbiners, der in einem Supermarkt in Hessen vor den Augen seiner Kinder gestoßen worden sei. Außerdem sei ihm sein Handy entrissen worden, während er für israelisches Handeln verantwortlich gemacht worden sein soll.Überregional bekannt wurde zudem ein Anschlag am Holocaust-Mahnmal. Im Februar 2025 hatte ein damals 19-jähriger Syrer im Namen des Islamischen Staates einen spanischen Touristen hinterrücks angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil der Verteidiger des Syrers Revision eingelegt hatte. Ein Viertel online Mehr als ein Viertel aller antisemitischen Vorfälle ereignet sich online, darunter sind auch Morddrohungen. Und mit 807 rechtsextremen Fällen erfasste die Informationsstelle im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung 2020. Dokumentiert wurden demnach Verschwörungsmythen, NS-Verherrlichung und Wünsche nach einer Wiederholung der Schoah. So habe eine rechtsextreme Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern in einem Bus „Juden an die Wand“ gerufen, die Schoah verhöhnt und Flüchtlinge sowie andere Fahrgäste bedroht.„Antisemitismus ist für Jüdinnen und Juden in unserem Land immer noch und leider immer mehr bittere Realität“, sagte Kirsten Fehrs, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Tagesspiegel. Die aktuellen Zahlen zeigten dies in erschütternder Weise und machten deutlich, in welcher Angst und unter welchen Bedrohungen jüdische Menschen heute leben müssten. „Entschieden und mit vereinten Kräften setzen wir uns als Kirche für ein freies, sichtbares und sicheres Leben jüdischer Menschen in Deutschland ein“, betonte Fehrs.8725antisemitische Vorfälle hat die Informationsstelle 2025 erfasstJüdisches Leben müsse ohne Angst möglich sein. „Jede Form von Antisemitismus, jede Bedrohung, jede Relativierung jüdischer Sicherheit ist auch ein Angriff auf unsere Demokratie und widerspricht unserem christlichen Selbstverständnis und unserer Verantwortung in diesem Land“, so die EKD-Ratschefin. „Wir rufen insbesondere alle Christinnen und Christen zu sichtbarer Solidarität mit unseren jüdischen Geschwistern auf.“Antisemitismus bedrohe die demokratische Kultur als Ganzes, warnte auch RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz. „Es braucht nicht nur ein entschlossenes Handeln von Staat, Justiz und Verwaltung, sondern auch eine resiliente Zivilgesellschaft“, so Steinitz. Bund und Länder müssten dafür die dauerhafte Finanzierung zivilgesellschaftlicher Melde- und Beratungsstellen sicherstellen.„Der Jahresbericht von RIAS zeigt, Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch“, warnte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein und lobte die Arbeit von RIAS. „Ohne diese Arbeit könnten wir über viele Entwicklungen nicht mit der notwendigen Klarheit sprechen.“ Zentralratspräsident Josef Schuster nannte die im Schnitt 24 Vorfälle pro Tag „bedrückende Realität in Deutschland“. Man erlebe eine Verfestigung des Antisemitismus auf Rekordniveau.