Vor wenigen Tagen, am 6. Juni, wurde meine Mutter 100. Sie war also 15, als Deutschland und seine Verbündeten am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfielen. Sie lebte damals im ostpreußischen Trakehnen. In dem Gestüt, das als das bedeutendste des Deutschen Reiches galt, wurden seit 1732 Pferde für die Kavallerie gezüchtet. Ihr Vater arbeitete dort, seine Vorfahren waren aus Litauen eingewandert.

Etwa vierhundert Kilometer südlich von Trakehnen lag Brest. Gegründet vor etwa tausend Jahren im Kiewer Rus, zeitweise mal litauisch, mal polnisch besetzt, seit 1795 gehörte Brest zum russischen Zarenreich. Zur Sicherung seiner Westgrenze errichteten die Russen dort eine gewaltige Festung, mit vier Quadratkilometern Ausdehnung die größte im russischen Reich des 19. Jahrhunderts. Entworfen hatte sie übrigens Karl Iwanowitsch Oppermann, ein russischer Militäringenieur deutscher Herkunft.

Bollwerk gegen den Ansturm aus dem Westen

In dieser Festung von Brest-Litowsk wurde am 3. März 1918 das Ende des Ersten Weltkrieges an der Ostfront besiegelt. Um Frieden zu bekommen, gab Sowjetrussland ein Viertel seines Territoriums in Europa her. Fast anderthalb Millionen Quadratkilometer und sechzig Millionen Menschen, dazu noch sechs Milliarden Goldmark als Entschädigung für deutsche Unternehmen.