Russland verliert jeden Tag zwei Bataillone Soldaten, aber das bedeutet für Europa keine EntwarnungIst Russland so unbesiegbar, wie Putin behauptet? Ist die Nato so schwach, wie sie scheint? Der Historiker Matthias Uhl analysiert Europas Sicherheitslage. Und räumt mit Mythen auf.Thomas Speckmann18.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenGegen aussen wird Stärke demonstriert: Russische Soldaten, die an der militärischen Invasion in der Ukraine beteiligt waren, jubeln während der Parade zum Tag des Sieges am 9. Mai 2026 in Moskau.ontributor / GettyDas Cover des neuen Buchs von Matthias Uhl könnte schon jetzt etwas Historisches haben: Es zeigt russische Kampfpanzer, die bei der jährlichen Parade am 9. Mai über den Roten Platz in Moskau rollen. Dieses Jahr aber fehlten sie dort zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten – aus Angst vor ukrainischen Angriffen mit Drohnen und Raketen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ist Russland wirklich so schwach, könnte man fragen, um Uhls Buchtitel in abgewandelter Form aufzugreifen. Der langjährige wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau, der seit dessen Schliessung im Verbund des Max-Weber-Netzwerks Osteuropa forscht und unter anderem eine inzwischen als Standardwerk geltende Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes GRU geschrieben hat, analysiert nun die – vermeintliche – Stärke von Putins Militärmacht.Um diese dürften sich ähnliche Mythen ranken wie bereits um die Armeen der Zaren und der Sowjets: mal tödlich unterschätzt wie von Napoleon und Hitler, mal tödlich überschätzt – nicht zuletzt von sich selbst – bei den Invasionen von Afghanistan 1979 und der Ukraine 2022. Kann Uhl etwas Licht in die traditionelle Dunkelheit hinter dem erneut vom Kreml heruntergelassenen Eisernen Vorhang bringen?Zunächst gibt er sich bescheiden und zitiert eingangs Carl von Clausewitz, der bereits im frühen 19. Jahrhundert feststellte: «drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger grossen Ungewissheit». Dem hält Uhl dann allerdings entgegen, dass sich dieser Nebel heutzutage erheblich gelichtet habe, da Telegram, X und andere soziale Netzwerke nahezu minütlich Updates zur Lage an der Front lieferten. Bei seiner Analyse stützt sich Uhl nicht nur auf seine Einblicke in das Innengefüge des Landes, sondern insbesondere auf die Auswertung aktueller russischer Quellen.Täglich zwei BatailloneAuf ihrer Grundlage entwirft er ein Bild von der Kriegslage in der Ukraine. Dort beziffert er die personellen Verluste der russischen Streitkräfte auf täglich mindestens rund 300 Gefallene, was etwa der Stärke von drei Kompanien entspräche. Da Uhl davon ausgeht, dass auf jeden Gefallenen mindestens zwei Verwundete kommen, die längerfristig für den weiteren Kampfeinsatz ausfallen, liegt für ihn der Schluss nahe, dass Russland täglich knapp zwei Bataillone Soldaten verliert.Als nachweisbar bezeichnet er 20 000 Gefallene seit Jahresbeginn, was nach seinen Berechnungen im Umkehrschluss bedeutet, dass die russische Armee innerhalb von zwei Monaten mindestens das Personal von rund sechs ihrer Divisionen eingebüsst hat. Das entspräche etwa der derzeitigen Stärke des Heeres der deutschen Bundeswehr.Was folgt daraus für den weiteren Kriegsverlauf? Uhl greift einen Vergleich auf, den Admiral Sir Tony Radakin, der ehemalige Berater des britischen Verteidigungsministers, gewählt hat, um das Angriffstempo der russischen Streitkräfte in der Ukraine zu beschreiben: «Wenn eine Schnecke am 24. Februar 2022 in Rostow am Don gestartet wäre, hätte sie bis jetzt die gesamte Ukraine sowie halb Polen durchquert. Russland dagegen würde bei seinem gegenwärtigen Angriffstempo knapp viereinhalb weitere Jahre benötigen, um sich die vier ukrainischen Gebiete – die es als zugehörig zur Russischen Föderation reklamiert – vollständig einzuverleiben. Bei den dafür nötigen Kämpfen wäre der Verlust von weiteren zwei Millionen russischen Soldaten wahrscheinlich.»Hierzu ergänzt Uhl mit einem Produktionsbeispiel aus Russlands Rüstungsindustrie: Vergangenes Jahr sei es dort gelungen, rund tausend Panzer zu produzieren, was zwar gerade noch ausgereicht habe, um die Verluste in der Ukraine zu ersetzen. Aber bei nur etwa 200 bis 250 von ihnen habe es sich um neu gefertigte Panzer gehandelt. Der Rest seien instand gesetzte Exemplare gewesen, die zumeist seit Sowjetzeiten in Depots gelagert hätten. Damit sieht Uhl das Land bei den Produktionszahlen auf Nato-Niveau angekommen.Der Westen braucht mehr RaketenEntwarnung für Europa bedeutet all dies aber nicht. Zwar hält Uhl die weitverbreiteten Szenarien für einen russischen Angriff auf das Baltikum gegenwärtig für militärisch wenig plausibel, da er Russland weiterhin stark im Ukraine-Krieg gebunden sieht, wo es hohe Verluste erleide. Auch misst er den russischen Streitkräften nur eine begrenzte Offensivkraft bei, die im Ernstfall selbst Kaliningrad kaum halten könnten.Wahrscheinlicher ist daher in seinen Augen weniger eine gewaltsame Eskalation gegen die Nato, die er als «schlafenden Bären» charakterisiert, an dem Russland allenfalls sanft knabbern könne, sondern die Fortsetzung und die Intensivierung von Moskaus bisheriger Kriegführung in Form von Cyberangriffen, Desinformation, Geheimdienstoperationen und politischen Destabilisierungsversuchen.Für den Fall, dass diese Schwelle doch überschritten würde, nennt Uhl fünf Bereiche, in denen Europa weiteren Nachrüstungsbedarf hätte: erstens bei der Luftverteidigung, die in die Lage versetzt werden sollte, neben Raketen und Marschflugkörpern auch Hyperschallgleiter und nicht zuletzt Drohnen abzuwehren. Und um Russland von einem Angriff auch ohne den nuklearen Schutzschirm der USA abschrecken zu können, benötigen die Europäer nach Uhls Ansicht auch weit reichende konventionelle Präzisionswaffen wie Raketen oder Weiterentwicklungen der Marschflugkörper vom Typ Taurus.Hinzu kommt, drittens, der Ausbau der Rohr- und Raketenartillerie der Heerestruppen, die sowohl die Feuerkraft von neu aufzustellenden Unterstützungseinheiten für die Nato-Korps als auch für weitere Kampfbrigaden verstärken soll. Viertens mahnt Uhl Investitionen in das Feld der Logistik an, um die Kampfausdauer der europäischen Streitkräfte zu erhöhen, sowie, fünftens, in die Bereiche Digital und Elektronik, damit die Truppen den neuen Anforderungen der Gefechte im 21. Jahrhundert gerecht werden könnten.Abschreckung reicht nichtZugleich sollte sich das westliche Bündnis nach Uhls Empfehlung aber auch daran erinnern, dass Abschreckung allein keine Dauerstrategie sein könne. Sie sei sinnvoll, um eine aggressiv agierende Gegenseite einzudämmen und ihr die möglichen Kosten eines unüberlegten Schrittes klarzumachen. Unter veränderten Bedingungen gilt nach Uhls Überzeugung jedoch auch, dass an die Stelle von Sprachlosigkeit wieder ein Dialog treten müsse, der die Gefahr von militärischer Konfrontation verringere. Dass diese Entwicklung unausweichlich sei, habe die Geschichte nur zu oft gezeigt.Gezeigt haben sich nun am 9. Mai schon einmal keine Panzer auf dem Roten Platz in Moskau. Ihr Fehlen beruhte auf der russischen Angst vor den weit reichenden konventionellen Präzisionswaffen der Ukraine – Waffen, die das übrige Europa noch nicht ausreichend besitzt, um Russland von einem weiteren Angriffskrieg abzuschrecken. Noch wirken die Europäer ohne die Amerikaner dafür zu schwach und die Russen zu stark.Matthias Uhl: Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2026. 368 S., Fr. 27.10.Passend zum Artikel