PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1955„Einen 18-jährigen General nimmt mir die Nato nicht ab“Veröffentlicht am 27.04.2026Lesedauer: 5 MinutenZwei der ersten hundert freiwilligen Soldaten der Bundeswehr erhalten ihre Ernennungsurkunden. Rechts Theodor Blank Quelle: picture alliance/akg-imagesAm 12. November 1955 bekam Westdeutschland seine eigene Armee. Anfangs allerdings fehlte es so ziemlich an allem: geeigneten Freiwilligen, Waffen, Kasernen und sogar Uniformen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Uniformen gab es nur für die Männer in der ersten Reihe. Als Theodor Blank, seit fünf Monaten und fünf Tagen im Amt als Bundesminister der Verteidigung, am Samstag, dem 12. November 1955, die Ernennungsurkunden an die ersten Angehörigen der Bundeswehr verteilte, trugen 89 der 101 angetretenen Männer private dunkle Anzüge. Die neue Armee begann ihre Existenz in einer provisorisch geschmückten Garage der alten Ermekeil-Kaserne in der Bonner Südstadt vorwiegend in Zivil – nur zwölf Mann hatten militärische Kleidung an. Dabei handelte es sich fast durchweg um Offiziere, die an diesem Tag offiziell in den Dienst eintraten: zwei Generale, 18 Oberstleutnants, 30 Majore, 40 Hauptleute und fünf Oberleutnants. Lediglich sechs der Angetretenen waren fortan Unteroffiziere, nämlich ein Stabs- und fünf Oberfeldwebel. Jedoch hatten die Uniformschneider einfach nicht schnell genug gearbeitet, zumal die neue Kleidung eben gerade nicht deutschen Traditionen entsprach.Im Gegenteil orientierten sich die Uniformröcke, also die Oberteile, der neuen Soldaten am Vorbild der US-Armee. Im Volksmund wurden sie bald „Affenjacken“ genannt, weil Spötter dabei an die Monturen dressierter Äffchen dachten, die seinerzeit Leierkastenmänner begleiteten.Das Datum der Ernennung sollte aus symbolischen Gründen trotzdem unbedingt eingehalten werden, denn es handelte sich um den 200. Geburtstag des preußischen Generals und Heeresreformers Gebhard von Scharnhorst. Walter Görlitz, WELT-Geschichtsredakteur, erinnerte aus diesem Anlass in einem halbseitigen Artikel an den „Mann, der das deutsche Volksheer schuf“, und seine „Reform, die unvollendet blieb“.Wie eine Erläuterung zur Bonner Zeremonie las sich Görlitz’ Erklärung der Scharnhorst’schen Neuerungen: „Offizier konnte fürderhin jeder werden, der über die notwendigen Charaktereigenschaften und die für die neue Kriegskunst erforderlichen wissenschaftlichen Kenntnisse verfügte. Das Ideal war der gebildete Offizier, der im Einklang mit den politischen und geistigen Strömungen der Zeit lebte. In diesem Einbruch der Bildungswelt in das bislang streng feudale preußische Offizierkorps enthüllte sich vielleicht am stärksten das Wesen dieser ,stillen Revolution‘ in Preußen.“Tatsächlich kam der Auswahl der künftigen Offiziere entscheidende Bedeutung zu. Nur vier Wochen vor der ersten Ernennung hatte WELT mitgeteilt, welche Führungskräfte den personellen Aufbau der Bundeswehr organisieren sollten. Die Auswahl unter den Bewerbern oblag dem eigens gegründeten Personalgutachterausschuss. Dessen selbst erarbeitete Richtlinien legten fest, nach welchen Kriterien die Prüfung der persönlichen Eignung der künftigen Soldaten ablaufen sollte. Von der Aufnahme in die Bundeswehr waren demnach vollständig ausgeschlossen erstens ehemalige Führer der Waffen-SS im militärischen Range von Obersten (das entsprach dem Waffen-SS-Rang eines SS-Standartenführers) oder höher. Aber auch frühere Angehörige der Waffen-SS in niedrigeren Rängen durften nur nach einer besonderen Prüfung als Freiwillige in die Bundeswehr aufgenommen werden – denn die Waffen-SS war im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/46 als „verbrecherische Organisation“ eingestuft worden. Außerdem ausgeschlossen bleiben sollten „Mitglieder von Parteien und Vereinigungen, die die freiheitliche demokratische Grundordnung verneinen“. Damit waren in erster Linie Bewerber gemeint, die der 1952 verbotenen NSDAP-Nachfolge-Gruppe „Sozialistische Reichspartei“ angehört hatten oder anderen Gruppierungen auf der extremen Rechten. Ungeklärt war allerdings das Verhältnis zur HIAG, dem Veteranenverband der Waffen-SS mit dem verharmlosenden Namen „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS“. Deren Ziel war die pauschale Gleichstellung ehemaliger Waffen-SS-Mitglieder mit den Soldaten der Wehrmacht und ganz allgemein die Rehabilitierung der Waffen-SS. Aufgrund geschickter Lobbyarbeit schaffte es die HIAG, bei der Rentenberechnung eine Gleichstellung ihrer Mitglieder mit regulären Soldaten zu erreichen; Vertreter der demokratischen Parteien CDU/CSU, FDP und SPD gingen darauf ein, um HIAG-Anhänger in die Gesellschaft zu integrieren und sie als Wähler zu gewinnen. Grundsätzlich ausgeschlossen von der Aufnahme in die Bundeswehr waren verurteilte Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Nur mit persönlicher Genehmigung von Blank durften ehemalige Angehörige des kommunistischen „Nationalkomitees Freies Deutschland“ angenommen werden, ferner ehemalige Fremdenlegionäre, von nicht westlichen oder westdeutschen Gerichten wegen Kriegsverbrechen verurteilte Deutsche sowie Nichtdeutsche.So sollte sichergestellt werden, dass die Bundeswehr gerade nicht an die Tradition der Hitler-Armee anknüpfen würde – obwohl die ersten rund 6000 Freiwilligen nahezu ausnahmslos bis 1945 im Dienste des Dritten Reiches gekämpft hatten. „Einen 18-jährigen General nimmt mir die Nato nicht ab“, soll Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Verfahren der Personalprüfung gesagt haben. Das Zitat ist zwar nicht zweifelsfrei belegt, aber in jedem Fall treffend.Die reichlich improvisierte und karg ausgestattete Zeremonie am 12. November 1955 war symptomatisch für den Druck, unter dem Theodor Blank auch ansonsten stand. Denn auf Drängen Adenauers war geplant, die Bundeswehr innerhalb von drei Jahren auf eine Stärke von 500.000 Mann zu bringen. De facto war das unmöglich, denn es fehlte zunächst an allem: an Infrastruktur wie Kasernen, an den für eine Armee nun einmal notwendigen Waffen und an genügend Freiwilligen – daran änderte sich auch nach der Einführung der Wehrpflicht Anfang 1956 nicht unmittelbar etwas.Immerhin die Uniformschneiderei kam rasch in Gang: Allein bis Anfang 1957 gab das Verteidigungsministerium Aufträge im Wert von 232 Millionen Mark heraus, übrigens ausschließlich bei westdeutschen Produzenten. Das wirkte: Nie wieder mussten Soldaten bei feierlichen Anlässen Zivilkleidung tragen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
1955: „Einen 18-jährigen General nimmt mir die Nato nicht ab“ - WELT
Am 12. November 1955 bekam Westdeutschland seine eigene Armee. Anfangs allerdings fehlte es so ziemlich an allem: geeigneten Freiwilligen, Waffen, Kasernen und sogar Uniformen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






