Vor 70 Jahren wurde aus dem „Amt Blank“ das Bundesministerium für Verteidigung. Der Aufbau neuer westdeutscher Streitkräfte war eine Mammutaufgabe und hatte viele Tücken. Erst nach Jahrzehnten war die Bundeswehr voll einsatzbereit.Kleider machen Leute, und das gilt ganz besonders für die Teilnehmer bedeutender, ja geschichtsträchtiger Anlässe. Die dann zur Schau gestellte Garderobe wird von Kommentatoren meist aufmerksam begutachtet. Ein solcher Termin ereignete sich am 7. Juni 1955. An jenem Dienstag erschien bei Bundespräsident Theodor Heuss in Bonn ein Mann namens Theodor Blank, um seine Ernennungsurkunde zum ersten Verteidigungsminister der Bundesrepublik zu erhalten. Der „Bild“-Zeitung war dies am Folgetag eine Schlagzeile auf der Titelseite wert: „Blank kam mit ZYLINDER“. In einem kurzen Artikel wurde zunächst vermeldet, dass Blank, abgesehen von seiner Kopfbedeckung, im „Diplomatenanzug, Cutaway mit lichtgrauer Weste“ gekommen sei. Dann wurde noch bemerkt, der Minister sei vorläufig „ohne Ministerium. Seine Dienststelle, die Ermekeil-Kaserne, muss erst noch zu einem Verteidigungsministerium umgebaut werden“.So knapp der Artikel war, warf er dennoch ein Schlaglicht auf zwei zentrale Aspekte, die Blank (und später seine Nachfolger) herausforderten: Seine sehr formelle, offenbar bewusst altmodische Montur, mit der er bei Heuss vorsprach, war wie ein Sinnbild für das so große wie heikle Thema „Vergangenheit“ – die Frage, wie das neue Ministerium und die neu aufzubauenden Streitkräfte mit dem schweren Erbe deutscher Verbrechen im Zweiten Weltkrieg umgehen sollten, und auf welche Traditionen sie sich berufen konnten. Eine Thematik mit vielen Aspekten, darunter auch Fragen der Optik. Denn auch hier galt: Kleider machen Leute – die Gestaltung der Uniformen und Helme sagt viel über den Geist einer Truppe aus.Lesen Sie auchDie von „Bild“ süffisant erwähnten, noch nicht hergerichteten Räumlichkeiten für den Minister deuteten wiederum an, welch monumentale Aufgabe der Auf- und Ausbau einer neuen Armee in organisatorischer und materieller Hinsicht war, und dass dabei auch mit Rückschlägen und Verzögerungen zu rechnen war. In der Gegenwart ist dieses Thema wieder weit oben auf der politischen Agenda: In seiner ersten Regierungserklärung kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz am 14. Mai 2025 an, die Bundeswehr solle „konventionell zur stärksten Armee Europas“ werden. Die Bundesregierung werde „zukünftig alle finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, die die Bundeswehr braucht“. Der Blick zurück zu den Anfängen der Bundeswehr legt nah, dass dieses ambitionierte Unterfangen mehr Zeit und Mühe in Anspruch nehmen wird, als vielen bewusst ist. Damals sollte es Jahrzehnte dauern, bis die neuen Streitkräfte vollständig einsatzbereit waren – obwohl die Bundesrepublik bis 1967 durchweg mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr in die Verteidigung investierte. Lesen Sie auchDoch Fragen der Tradition und Logistik waren beileibe nicht alles, was Theodor Blank Kopfzerbrechen bereitete – weshalb ihn in Bonn wohl keiner um seinen Posten beneidete. Denn die deutsche Wiederbewaffnung war ein höchst schwieriger Prozess, gegen den es erhebliche Widerstände gab. Die große Mehrheit der Bevölkerung war damit nicht einverstanden, für viele kam sie einem Tabubruch gleich, wie der Historiker Stig Förster in seinem jüngst erschienenen großen Überblickswerk „Deutsche Militärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ beschreibt (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung bei C. H. Beck. 1312 Seiten, 49,90 Euro). Nach dem Sieg über den deutschen Aggressor hatten die Siegermächte das Land 1945 entmilitarisiert, die Streitkräfte aufgelöst und jegliche Form militärischer Organisation verboten. Doch der Beginn des Kalten Krieges mit wachsenden Spannungen zwischen Ost und West veränderte die geopolitische Lage.Lesen Sie auch1949 schlossen sich zwölf westliche Länder zu einem Verteidigungsbündnis gegen die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten zusammen. Dem Nordatlantikpakt (Nato) gehörten zunächst die USA, Großbritannien, Frankreich, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal, Belgien und Dänemark an. Im selben Jahr wurden die beiden deutschen Staaten gegründet, und bald setzten sich in der Nato primär die USA für eine Wiederbewaffnung und einen Nato-Beitritt der Bundesrepublik ein – auch vor dem Hintergrund des 1950 begonnenen Koreakriegs, der US-Kräfte in Asien band. Nicht nur die Sowjetunion versuchte, dies zu verhindern. Insbesondere in Frankreich gab es etliche Stimmen, die sich vehement dagegen aussprachen, dass Deutsche je wieder Waffen tragen sollten. Gleichzeitig galt es, der Bedrohung durch die Sowjets entgegenzutreten, weshalb Bundeskanzler Konrad Adenauer einen Nato-Beitritt befürwortete. Über den Umweg der Wiederbewaffnung wollte er die Integration der Bundesrepublik in den Westen und die Rückkehr zu voller Souveränität erreichen. Im Herbst 1950 gab Adenauer seinem durchsetzungsstarken CDU-Parteifreund Blank mit Billigung der Westmächte die Aufgabe, den Aufbau einer westdeutschen Armee vorzubereiten; Blank wurde nun reichlich verschämt als „Beauftragter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“ tituliert. Seine Dienststelle, genannt „Amt Blank“, wurde bis zur Umfirmierung zum Verteidigungsministerium formal dem Kanzleramt angegliedert. Bewusst wählte Erzzivilist Adenauer mit Blank einen Ex-Gewerkschaftler, der es „nur“ zum Oberleutnant der Reserve gebracht hatte – ein besonders begeisterter Soldat konnte Blank nicht gewesen sein und somit nicht mit Militarismus in Verbindung gebracht werden. Ende 1954 gab auch Paris grünes LichtDer Kanzler legte größten Wert auf den Primat der Politik. Keinesfalls sollte es wieder eine Art „Staat im Staate“ geben wie die Reichswehr in der Weimarer Republik. Statt des Kadavergehorsams der Wehrmacht in der NS-Zeit galt als neues Prinzip die „innere Führung“, die Vorstellung vom „Staatsbürger in Uniform“ – eine Neukonzeption des Militärischen. Neben den Widerständen im In- und Ausland musste Blank auch Reibereien in der eigenen Truppe aushalten, wenn es galt, dies gegen die militärische Kompetenz zahlreicher Ex-Wehrmachtsgeneräle durchzusetzen, die er mangels Alternativen einstellte. Nachdem das Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) am Widerstand Frankreichs gescheitert war, gab Paris Ende 1954 zur Erleichterung der übrigen westlichen Partner grünes Licht für einen westdeutschen Nato-Beitritt. Am 9. Mai 1955 und damit zehn Jahre nach der deutschen Kapitulation unterzeichnete Adenauer in Paris die Urkunde über den Beitritt der Bundesrepublik zur Nato. Am 14. Mai 1955 gründete der Ostblock unter Führung der UdSSR den Warschauer Pakt. Als Teil dieses Militärbündnisses beschloss die DDR am 18. Januar 1956 die Aufstellung der Nationalen Volksarmee (NVA).Der Name für die neuen westdeutschen Streitkräfte stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Nachdem es zunächst so schien, als würde die immer noch gängige Bezeichnung „Wehrmacht“ aus der NS-Zeit weiterverwendet, einigte man sich schließlich auf die Wortschöpfung „Bundeswehr“, die sich an der „Reichswehr“ orientierte – der Truppe in der ersten, wenngleich erfolglosen deutschen Demokratie der Jahre 1919 bis 1930/33. Der Sicherheitsausschuss des Bundestages beschloss am 22. Februar 1956 diese Namensgebung.Lesen Sie auchGut drei Monate zuvor hatte Blank am 12. November 1955 den ersten 101 Soldaten ihre Ernennungsurkunden überreicht. Ort des Geschehens war die Fahrzeughalle der Bonner Ermekeilkaserne, die man hastig geschmückt hatte. Denn das Datum hatte man so kurzfristig wie symbolisch gewählt, und es sollte unbedingt eingehalten werden: der 200. Geburtstag des preußischen Generals Gerhard von Scharnhorst. Nur ein Dutzend der neuen 101 Soldaten trug Uniformen. Ihre kurzen Jacken wurden im Volksmund „Affenjacken“ genannt, weil sie Spötter an die Monturen von dressierten Äffchen erinnerten, die Leierkastenmänner begleiteten. Dass die restlichen Soldaten auf schwarze Anzüge zurückgreifen mussten, lag daran, dass im Vorfeld nicht genügend der neuen Uniformen fertiggenäht werden konnten. Optisch waren sie modern und stark an US-Vorbilder angelehnt (wie auch die unbeliebten Helme, siehe unten), was neben der Westbindung symbolisierte, dass die neue Truppe ausdrücklich nicht an die Tradition der Hitler-Armee anknüpfen sollte. Gleichwohl waren die ersten 101 und auch die weiteren knapp 6000 Freiwilligen der ersten Ernennungswellen nahezu ausnahmslos Ex-Wehrmachtssoldaten. Auch der Mythos der „sauberen“ Wehrmacht wurde noch lange Zeit ausgiebig kultiviert, einige Kasernen nach „Helden“ des Zweiten Weltkriegs benannt. Ein Ausdruck mancher Widersprüche und Zweideutigkeiten, welche die holprige Neugründung charakterisierten. Über dem Rednerpult war ein großes Eisernes Kreuz als Symbol der neuen Truppe aufgehängt, das aus den Befreiungskriegen von 1813 stammt und sich darauf beziehen sollte (aber eben auch von der Wehrmacht verwendet worden war). In seiner Rede betonte Blank, es sei unbedingt notwendig, „aus den Trümmern des Alten wirklich etwas Neues wachsen zu lassen, das unserer veränderten sozialen, politischen und geistigen Situation gerecht wird“.Die reichlich improvisierte und karg ausgestattete Zeremonie war symptomatisch für den Druck, unter dem Blank auch ansonsten stand. Denn auf Drängen Adenauers war geplant, innerhalb von drei Jahren auf eine Stärke von 500.000 Mann zu kommen. De facto war das unmöglich, denn es fehlte zunächst an allem: An Infrastruktur, Gerät und Waffen sowie (bis zur Einführung der Wehrpflicht 1956) an genügend Freiwilligen.Ein großer Teil der Erstausstattung an Kriegsgerät wurde im Ausland zusammengekauft. In Frankreich und Norwegen wurden im Wert von insgesamt gut 50 Millionen Mark gebrauchte MG 42 erworben, welche die dortigen Streitkräfte von der Wehrmacht übernommen hatten, außerdem Gewehre der belgischen Marke FN. Deutsche Hersteller rüsteten die MG 42 vom alten Wehrmachts- auf das neue Nato-Standardkaliber um. Praktisch die gesamte Gewehr- und Pistolenmunition stammte aus der Türkei. Flugzeuge, Hubschrauber und Kampffahrzeuge für mehr als zwei Milliarden Mark wurden vor allem in Großbritannien angekauft, darunter britische Jagdbomber vom Typ Hawker Sea Hawk, Seeüberwachungsmaschinen des Musters Fairey Gannet sowie Percival Pembroke, zweimotorige Transporter. Bei Kampfpanzern gelang ein sehr guter Deal mit den Amerikanern: Weil die US Army das erst 1951 eingeführte Modell M-47 schon ab 1955 aus dem Dienst nahm und durch die Neuentwicklung M-48 ersetzte, konnten 1100 M-47 zwar gebraucht, dafür aber sehr günstig, größtenteils sogar kostenlos bezogen werden. Die USA lieferten auch etliches weiteres Material.Ihren vollen Kampfwert sollte die Bundeswehr allerdings erst in den 1970er-Jahren erreichen. Zuvor war man nur „bedingt abwehrbereit“ – so der Titel einer „Spiegel“-Titelgeschichte von 1962, die eine entsprechende Einschätzung des Nato-Oberkommandos enthüllte und enorme Wellen schlug. Die Veröffentlichung löste die „Spiegel“-Affäre aus, die zum Sturz des Verteidigungsministers führte. Dabei handelte es sich nicht mehr um Theodor Blank, der schon bald nach der Bundeswehr-Gründung unter starken innenpolitischen Druck geraten war. Er wurde am 16. Oktober 1956 durch Franz Josef Strauß ersetzt, einen seiner schärfsten Kritiker. Am Folgetag meldete WELT auf der Titelseite: „Eine der ersten Aufgaben des neuen Verteidigungsministers Strauß wird es sein, der Nato zu erklären, dass die Bundesrepublik die bisher gegebenen Zusagen nicht einhalten kann. Bundeskanzler Adenauer machte diese Ankündigung am Dienstag vor der Bundestagsfraktion der Christlichen Demokraten, als er den Abgeordneten die Gründe der Kabinettsumbildung erläuterte. Er sagte, die Bundesrepublik sei bei ihren bisherigen Zusagen für die Aufstellung der Bundeswehr zu weit gegangen“. Wenige Wochen zuvor hatte WELT berichtet, dass die Einberufungen von Freiwilligen gebremst werden musste – weil nicht genügend Unterkünfte zur Verfügung standen.Hintergrund: Die Helme von Bundeswehr und NVADie deutschen Armeen in West und Ost unterschieden sich grundlegend – auch optisch. Die NVA folgte in Doktrin, Ausbildung und Struktur vollständig dem Vorbild der Sowjet-Armee, auch ihre Bewaffnung stammte abgesehen von übrig gebliebenen Wehrmachtsbeständen ausschließlich aus sowjetischen Arsenalen. Der Wehrmacht stark ähnelnde Uniformen und Stechschritt bei Paraden gaukelten gleichzeitig deutsche militärische Tradition vor. Auch der charakteristische NVA-Helm M56 basierte auf dem noch im Zweiten Weltkrieg entwickelten Stahlhelm M45.Die ersten Helme der Bundeswehr glichen wie die Uniformen weitgehend denen der amerikanischen Truppe. Es handelte sich zunächst um belgische und schwedische Modelle, bei denen es sich im Prinzip um modifizierte Versionen des US-Helms M1 handelte. Kurze Zeit später wurden diese in Deutschland als Modell M56 nachgebaut. Populär waren sie allerdings nicht, denn sie konnten hinsichtlich Schutzwirkung und Tragekomfort nicht mit den Modellen der Wehrmacht mithalten. Deren Wiedereinführung wurde jedoch aus politischen Gründen strikt abgelehnt, stattdessen der M56 mehrfach modifiziert. Erst das Modell M92 griff ab 1992 die traditionelle deutsche Form wieder auf.Martin Klemrath ist Managing Editor bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen die Geschichte der USA, Technikgeschichte, Kulturgeschichte und Zeitgeschichte.