PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1979Die Standhaftigkeit der Nato wurde belohnt – nach zehn JahrenStand: 07:14 UhrLesedauer: 5 MinutenDrei SS-20-Mittelstreckenraketen in einer Kolonne von MilitärfahrzeugenQuelle: ITAR-TASS/dpa/picture-allianceAuf Initiative von Helmut Schmidt beschloss die Nato am 12. Dezember 1979 einen flexiblen Umgang mit der UdSSR: Nachrüstung – und gleichzeitig das Angebot von echten Abrüstungsgesprächen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der Kanzler war ernsthaft besorgt. Deshalb wählte Helmut Schmidt ein vor allem für Fachleute interessantes Forum statt der großen außenpolitischen Bühne: Ihm ging es um die Sache und nicht um maximale öffentliche Wirkung. Also nutzte der Sozialdemokrat den Gastvortrag beim Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS), um seine weitreichenden Überlegungen zu entwickeln – er wusste, dass sämtliche an Sicherheitspolitik interessierten Kreise diese Rede lesen würden. „Eine auf die Weltmächte USA und Sowjetunion begrenzte strategische Rüstungsbeschränkung muss das Sicherheitsbedürfnis der westeuropäischen Bündnispartner gegenüber der in Europa militärisch überlegenen Sowjetunion beeinträchtigen“, führte der Kanzler aus, „wenn es nicht gelingt, die in Europa bestehenden Disparitäten parallel zu den SALT-Verhandlungen abzubauen.“Schmidt sorgte sich, dass über den Anstrengungen zu einer Einigung der beiden Supermächte (genannt „Strategic Arms Limitation Talks“ oder kurz SALT) die westeuropäischen Interessen zu kurz kommen könnten. Deshalb ergänzte er, der selbst seit Mitte der 1950er-Jahre Sicherheitspolitik im Kalten Krieg betrieb: „Die Allianz (gemeint: die Nato, d. Red.) muss bereit sein, für die gültige Strategie ausreichende und richtige Mittel bereitzustellen und allen Entwicklungen vorzubeugen, die unserer unverändert richtigen Strategie die Grundlage entziehen könnten.“Doch der Kanzler sprach an diesem 28. Oktober 1977 in London zu Fachleuten, nicht zu einem allgemeinen Publikum – da musste er konkreter werden. Schmidt formulierte klar: „Man könnte auf der Seite des westlichen Bündnisses massiv aufrüsten und die Zahl der Soldaten und der Waffensysteme hochtreiben. Man könnte aber auch sowohl auf der Seite der Nato wie des Warschauer Paktes die Streitkräfte reduzieren, um so zu einer niedrigeren Gesamtstärke auf beiden Seiten zu kommen.“Dies war die Geburtsstunde des Nato-Doppelbeschlusses, jener Strategie, mit der die westliche Wertegemeinschaft schließlich den Kalten Krieg gegen den kommunistischen Ostblock gewann. Mehr als zwei Jahre nach seiner Rede beim IISS in London beschloss am 12. Dezember 1979 der Nato-Rat, die in Westeuropa stationierten US-Atomwaffen ab 1983 schrittweise zu modernisieren. Gleichzeitig machte der Rat der UdSSR ein Angebot: Man werde auf die Modernisierung verzichten, sofern die seit 1976 stationierten hochmodernen Mittelstreckenraketen abgerüstet würden. Dieses zweiteilige Konzept, das direkt Schmidts Vorschlag aus der Rede am IISS 1977 aufgriff, wurde bald als Nato-Doppelbeschluss bekannt. Gesteuert von KGB und DDR-Staatssicherheit, erregten sich in den kommenden Jahren Teile der Öffentlichkeit in der Bundesrepublik und anderen Nato-Staaten. Demonstrationen einer selbst ernannten „Friedensbewegung“ mobilisierten Millionen, doch erst Schmidt und dann sein Nachfolger im Kanzleramt Helmut Kohl hielten ebenso an dieser grundvernünftigen Strategie fest wie der ab 1981 amtierende US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher.„Dreißig Jahre nach seiner Gründung steht der Nordatlantikpakt in dieser Woche vor der vielleicht entscheidenden Bewährungsprobe“, kommentierte der stellvertretende WELT-Chefredakteur Friedhelm Kemna den bevorstehenden Beschluss. Der Außenpolitik-Experte erinnerte: „Zu den ,Früchten‘ der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre gehört eben auch der im Westen vielfach nahezu unbemerkte, von den politisch Blinden immer noch bezweifelte Ausbau der russischen nuklearen Rüstung weit über das sinnvolle Maß der Verteidigung hinaus.“ Das war schlicht zutreffend, denn der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew ließ seit August 1976 in schneller Folge mobile Raketensysteme des Typs RSD-10 aufstellen, die bei der Nato SS-20 hießen. Anfang 1977 waren 50 Systeme einsatzbereit, ein Jahr später doppelt so viele und 1979 bereits mehr als 160.Lesen Sie auchDie meisten SS-20 verfügten über je drei unabhängig voneinander steuerbare Atomsprengköpfe mit jeweils 150 Kilotonnen Sprengkraft. Als die Nato am 12. Dezember 1979 den Doppelbeschluss fasste, war also auf hochmodernen (und damit zuverlässigen) sowjetischen Raketen eine Zerstörungskraft auf Westeuropa gerichtet, die fast 5000 Hiroshima-Bomben entsprach. Genau das hatte Helmut Schmidt 1977 gemeint, als er das „Sicherheitsbedürfnis“ Westeuropas ansprach.Schließlich zeigte sich die Richtigkeit des Nato-Doppelbeschlusses. Obwohl beispielsweise 61 Prozent der repräsentativ befragten Deutschen sich für eine Verschiebung der Nachrüstung aussprachen, hielt Kohl daran fest – und setzte die Aufstellung erster Pershing 2 und Cruise-Missiles in der Bundesrepublik im Herbst 1983 durch.Die UdSSR, besorgt um ihren Vorsprung, rüstete weiter auf, bis auf 499 Startfahrzeuge für die SS-20 mit je mindestens einer Rakete; einschließlich aller Vorserien- und Testexemplare wurden 654 Raketen hergestellt. Doch damit überspannte die UdSSR ihre eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten deutlich – die SS-20 und weitere überteuerte Rüstungsprojekte wurden zum Sargnagel der kommunistischen Kommandowirtschaft.1987 schließlich lenkte der seit 1985 amtierende sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow ein: Durch den INF-Vertrag kam es, mit Verspätung, aber immerhin doch noch zur allgemeinen Verschrottung von Mittelstreckenraketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5000 Kilometern in Europa. Die Nachrüstung, erkämpft gegen die Stimmung in der Bundesrepublik, hatte direkt zum Sieg des Westens im Kalten Krieg geführt.Spätestens 2014 verstieß der russische Machthaber Wladimir Putin allerdings gegen den INF-Vertrag. Der damalige US-Präsident Barack Obama kritisierte den Test eines bodengestützten Marschflugkörpers mit einer Reichweite von 1000 bis 1500 Kilometern. Unter dem Druck europäischer Staats- und Regierungschefs entschieden sich die USA trotzdem gegen einen Austritt aus dem Vertrag, da ein solcher Schritt ein Wettrüsten hätte neu entfachen können.2019 trat die Regierung des nun amtierenden US-Präsidenten Donald Trump aus dem INF-Vertrag aus. Diese Vorlage nahm Putin gern auf und erklärte den wichtigsten erfolgreich umgesetzten Abrüstungsvertrag der Geschichte für „tot“.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen neben Nationalsozialismus und SED-Diktatur der Kalte Krieg. Schon Anfang der 1980er-Jahre war er als Schüler und in der Kirchengemeinde mit der selbst ernannten „Friedensbewegung“ konfrontiert.
1979: Die Standhaftigkeit der Nato wurde belohnt – nach zehn Jahren - WELT
Auf Initiative von Helmut Schmidt beschloss die Nato am 12. Dezember 1979 einen flexiblen Umgang mit der UdSSR: Nachrüstung – und gleichzeitig das Angebot von echten Abrüstungsgesprächen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







