PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1989Die beste Fake News des 20. JahrhundertsStand: 14:22 UhrLesedauer: 5 MinutenMenschen auf der Mauer am Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989Quelle: picture alliance/imageBROKER/Norbert MichalkeDer 9. November 1989 brachte für alle überraschend den Fall der DDR-Todesgrenze. Der Verleger Axel Springer erlebte diesen Triumph nicht mehr – er war 1985 gestorben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Die Freude verdrängte alles, denn nach 28 Jahren, zwei Monaten und 27 Tagen war der Horror zu Ende. Endlich: „Man möchte lachen und weinen, alles in einem. Man möchte sie alle, die da kommen, in die Arme nehmen und sie drücken – aus Ost-Berlin, Sachsen oder Thüringen.“ An sich war Dorothee Wilms, im Kabinett Kohl III die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen, eher für ihre Nüchternheit bekannt als für überschwängliche Emotionen. Doch am 10. November 1989 vormittags gingen die Gefühle mit ihr durch.Rückblende – 18 Stunden vorher: In einer offiziellen Pressekonferenz unterlief Günter Schabowski, immerhin als Mitglied des SED-Politbüros einer der mächtigsten Männer der DDR, kurz vor 19 Uhr am 9. November 1989 das entscheidende Missverständnis. Auf die Frage des italienischen Korrespondenten Riccardo Ehrman: „Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“ antwortete er nämlich: „Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der die stän... – wie man so schön sagt oder so unschön sagt – die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik.“Mehrere Journalisten fragten nach, was es denn damit auf sich habe und ab wann das gelte? Schabowski kratzte sich ratlos am Kopf, dann sagte er: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich.“ Es war 18.58 Uhr. Vier Minuten später setzte die Nachrichtenagentur Reuters eine Eilmeldung ab, in der es hieß: „Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich.“ Und um 19.05 Uhr schickte die Konkurrenz von Associated Press die Information: „DDR öffnet Grenzen.“ Aus der sehr weiten Interpretation von Schabowskis Äußerung wurde damit eine Fake News – allerdings die beste des 20. Jahrhunderts. Wegen einer Fußballübertragung begannen an diesem Donnerstagabend die ARD-„Tagesthemen“ etwas verspätet. Moderator war Hanns-Joachim Friedrichs, der weißhaarige Grandseigneur des deutschen Fernsehens. „Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren“, sagte er mit seiner sonoren Stimme: „Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“Das stimmte allerdings (noch) nicht. Erst nach Friedrichs’ Anmoderation kam es zum Ansturm auf die Mauer, gleichermaßen von Ost wie West. Der evangelische Pfarrer Rainer Eppelmann, von der SED lange als „Staatsfeind Nr. 1“ betrachtet und mit allerlei Schikanen verfolgt, kam gerade zurück nach Hause. Hier hörte er, die Mauer sei gefallen, und machte sich sofort mit einem Kollegen auf den Weg.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenGeschickt bahnten sich die beiden Pfarrer ihren Weg, so weit wie möglich Richtung Grenze, zur Bornholmer Straße. Schließlich standen sie ganz vorn am Schlagbaum der Kontrollstelle: keine Spur von Maueröffnung. Dafür wurden die Sprechchöre immer lauter. Aus Tausenden Kehlen schallte es jetzt: „Tor auf! Tor auf!“Gegen 23.30 Uhr in dieser Nacht musste der Kommandeur des hier gelegenen DDR-Grenzübergangs, ein Oberstleutnant der Stasi, die Schlagbäume heben lassen: „Wir fluten jetzt!“, teilte er seinem Vorgesetzten noch per Telefon mit. Eine Minute später hielt die West-Berliner Polizei fest: „Übergang Bornholmer Straße praktisch offen.“ Um 00.05 Uhr wurde der Ausländerübergang an der Friedrichstraße, besser bekannt unter der US-Bezeichnung Checkpoint Charlie, für alle geöffnet, und den Rest der Nacht tanzten Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor.„Ist das ein Märchen?“, fragte ein junger Mann mit brauner Lederjacke und beantwortete sich die Frage gleich selbst: „Das ist wohl der Anfang der Freiheit und fast zu schön, um wahr zu sein.“Hans-Rüdiger Karutz, seit Jahrzehnten WELT-Reporter in der geteilten Stadt, berichtete über das weitere Geschehen der Nacht: „Beiderseits der Kurfürstendamm-Fahrbahnen das schrillste Freiluftkonzert der Saison – West-Berliner hupen, applaudieren, stimmen Klatschmärsche an. Die Kneipentheken ringsum wie in der ,Eierschale‘ oder in der ,Ranke 1‘ sind in Viererreihen umlagert.“ Karutz zitierte einen Ost-Berliner, den er nicht weit von der Gedächtniskirche in Charlottenburg traf: „Diese Nacht führt Berlin wieder zusammen.“Lesen Sie auchGenau das hatte die SED-Führung um Parteichef Egon Krenz nicht beabsichtigt. Zwar sollte tatsächlich eine neue Reiseregelung den Druck auf andere sozialistische Länder senken, die Ausreise sollte jedoch geregelt und kontrolliert vonstatten gehen. Daher war eigentlich vorgesehen, die neuen Regeln mitten in der Nacht zu veröffentlichen, damit eben kein Run auf die Grenzübergangsstellen einsetzte. Doch Schabowskis unabgesprochene Äußerung führte zum Gegenteil: Die Mauer fiel am späten Abend des 9. November 1989.„Ein ganz irdisches Wunder scheint geschehen“, kommentierte der im Unfrieden mit der SED ausgereiste Schriftsteller Joachim Seyppel auf der Titelseite von WELT am 11. November 1989: „Erstmals seit einer Generation bewegten sich Deutsche im Osten frei nach Westen.“ Der aus der DDR 1982 ausgebürgerte Autor sah allerdings auch voraus: „Die Zeiten werden aber nicht leichter werden. Nicht nur blutige, auch unblutige Revolutionen fressen ihre Kinder. Das Land drüben darf nicht auslaufen, das Land hüben droht überzulaufen.“Im Leitartikel erinnerte Enno von Loewenstern an den vier Jahre zuvor verstorbenen WELT-Verleger Axel Springer, der immer geglaubt hatte, dass die Mauer fallen würde. „Axel Springer blieb unerschütterlich. Es war wohl nicht nur der Glaube an die Macht der Freiheit, sondern auch seine tiefe Religiosität, nicht zuletzt seine Verbundenheit mit den Juden und ihrer leidvollen Geschichte, die ihm die Gewissheit gaben, dass der Gott der Geschichte auf die Dauer kein Unrecht duldet.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt neben dem Nationalsozialismus die SED-Diktatur. Schabowskis Pressekonferenz hatte er als West-Berliner live im DDR-Fernsehen gesehen – und stand am folgenden Morgen am Brandenburger Tor auf der Mauer.
DDR: Die beste Fake News des 20. Jahrhunderts - WELT
Der 9. November 1989 brachte für alle überraschend den Fall der DDR-Todesgrenze. Der Verleger Axel Springer erlebte diesen Triumph nicht mehr – er war 1985 gestorben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







