PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1993Die „Staatsaffäre“ um Bad Kleinen beruhte auf Falschmeldungen linker MedienStand: 07:29 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Spurensicherer der Polizei am Tatort des Mordes am GSG-9-Beamten Michael Newrezella auf dem Bahnhof von Bad KleinenQuelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/FRANK HORMANNAm 27. Juni 1993 starben ein GSG-9-Beamter und ein RAF-Terrorist bei einer misslungenen Festnahme in Mecklenburg. „Monitor“ und „Spiegel“ machten daraus einen Skandal. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELTDer Skandal begann gut vier Tage nach dem eigentlichen Geschehen: Am 27. Juni 1993, einem sonnigen Sonntagnachmittag, wollte das Bundeskriminalamt gegen 15.15 Uhr auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg zwei lange gesuchte Terroristen festnehmen. Doch obwohl 16 Spezialisten der GSG 9 eingesetzt waren und Dutzende weitere Polizisten, konnte nur Birgit Hogefeld wie geplant überwältigt werden. Ihrem Begleiter Wolfgang Grams hingegen gelang es zu fliehen. Er rannte die Treppe zum nächsten Bahnsteig hoch, schoss hinter sich, traf den GSG-9-Beamten Michael Newrzella, wurde selbst getroffen und stürzte vom Bahnsteig. Statt zweier möglichst gewaltfreier Festnahmen zwei Tote: fraglos ein Fehlschlag. Zur Katastrophe entwickelte sich der Einsatz allerdings erst danach.Denn am vierten Tag nach Bad Kleinen streute das betont linke WDR-Magazin „Monitor“ einen „fürchterlichen Verdacht“. Moderator Klaus Bednarz verkündete, „dass Wolfgang Grams ... am Tatort regelrecht hingerichtet wurde“. Als der Terrorist bereits wehrlos auf den Gleisen gelegen habe, hätte ein GSG-9-Mann ihn mit einem gezielten Kopfschuss getötet. Das ergebe sich aus der „eidesstattlichen Erklärung“ einer Augenzeugin. In der Abmoderation fügte Bednarz hinzu: „Alles deutet auf Exekution. Ein ungeheuerlicher Vorgang, der in der Geschichte der Bundesrepublik – zumindest soweit bekannt – nicht seinesgleichen hat.“WELT-Mitarbeiter Volker Jacobs kommentierte daraufhin: „Der Vorwurf der Hinrichtung – und nichts anderes sagt eine Zeugin an Eides statt aus – ist ungeheuerlich. Es darf nicht die Spur eines Zweifels bleiben, ob ihre Darstellung zutrifft oder die der beteiligten Beamten.“ Denn die Konsequenzen wären erheblich: „Das Vertrauen der Bürger in die Polizei steht auf dem Spiel.“Am sechsten Tag legte das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ nach: Ein „Antiterror-Spezialist“, der am Einsatz beteiligt gewesen sei, beschrieb angeblich genau, wie die „Hinrichtung“ abgelaufen sei; diese Darstellung sei von einer weiteren Quelle bestätigt worden. Vorab verbreitet, führte diese Behauptung zum Rücktritt des Bundesinnenministers Rudolf Seiters; wenig später wurde Generalbundesanwalt Alexander von Stahl gefeuert. Bad Kleinen nehme die „Dimensionen einer Staatsaffäre an“, kommentierte WELT-Redakteur Peter Scherer.Der eigentliche Skandal allerdings kam erst Jahre später ins Bewusstsein der Öffentlichkeit – obwohl die beteiligten Ermittler sofort darauf hingewiesen hatten. Denn die Darstellungen von „Monitor“ und „Spiegel“ waren weitgehend erfunden.So beruhte die „Monitor“-Story auf der eidesstattlichen Erklärung der Kioskverkäuferin Joanna Baron. Sie hatte sich zum Zeitpunkt der Schüsse in ihrem Häuschen auf dem Bahnsteig 3/4 befunden, sich dort aus Angst versteckt und war erst mehr als eine Stunde nach der misslungenen Festnahme von der Polizei gefunden worden.In dem von dem „Monitor“-Mitarbeiter Philip Siegel getippten, auf den 30. Juni 1993 datierten und von Baron unterzeichneten Text hieß es (der Name des Terroristen war falsch geschrieben): „Ich sah dann einen Mann auf das Gleis am Bahnsteig 4 stürzen (...) Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden Grahms heran. Der eine Beamte bückte sich und schoss aus nächster Nähe mehrmals auf den Grahms. Dabei sah der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss.“Als die vermeintliche Augenzeugin allerdings am 27. Juni 1993, wenige Stunden nach den Ereignissen, polizeilich vernommen worden war, hatte sie davon noch nichts erzählt. Dass ein GSG-9-Beamter aus der Nähe auf Grams‘ Kopf gezielt habe, fand sich erst in der vom WDR-Reporter am 30. Juni geschriebenen Erklärung an Eides statt. Auf diesen Widerspruch angesprochen, redete sich Baron heraus: „Hier steht: ,Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss.‘ Ich habe das nicht so gesehen. Ich habe nichts von Kopf gesagt. Das Wort ,Kopf‘ fiel nicht einmal aus meinem Mund.“Lesen Sie auchDesaströser noch die Situation beim „Spiegel“. Nach dem Relotius-Skandal um frei erfundene „Reportagen“ eines vielfach preisgekrönten Nachwuchsjournalisten veröffentlichte das Magazin im November 2020 einen Untersuchungsbericht zum Thema Bad Kleinen. Demnach hatte der für die Story um die angebliche Hinrichtung verantwortliche Reporter Hans Leyendecker „auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen“. Wörtlich hieß es weiter: „Die von Leyendecker behauptete Übereinstimmung ,in wesentlichen Teilen’ mit der Aussage der Zeugin Baron bei ,Monitor’, die sich später als falsch herausstellte, war nicht gegeben.“Der Reporter, der zeitweise als journalistische Legende gefeiert wurde, hatte die Story über Bad Kleinen schon vor vielen Jahren als den „größten Fehler“ seines Berufslebens bezeichnet. Allerdings hielt er daran fest, auf die Informationen einer Quelle vertraut zu haben, die er persönlich gekannt und auch getroffen habe. Die Untersuchungen der „Spiegel“-Kommission machten dies sehr unwahrscheinlich, wenngleich der letzte Beweis einer vorsätzlichen Falschdarstellung nicht geführt werden konnte.Im Gegensatz zum „Spiegel“ verweigerte sich „Monitor“ auch aus einer Distanz von mehr als einem Vierteljahrhundert jeder Aufklärung: Im November 2020 schickte WELT 16 detaillierte Fragen, doch der Bednarz-Nach-Nachfolger Georg Restle antwortete lediglich, man könne „beim besten Willen keine sachgerechten Antworten geben“. Es folgte immerhin ein Versprechen: „Wir nehmen die Recherchen aber zum Anlass, uns mit der Sache zu befassen. Auch uns ist daran gelegen, hier Klarheit zu schaffen, soweit dies möglich ist. Wann wir hier zu einer abschließenden Bewertung kommen können, kann ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht sagen.“ Im Sommer 2023, kurz vor dem 30. Jahrestag von Bad Kleinen und des anschließenden Medien-Skandals, schickte WELT dieselben Fragen erneut an „Monitor“. Dieses Mal reagierte Restle überhaupt nicht. Keine Antwort ist auch eine Antwort.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.
1993: Die „Staatsaffäre“ um Bad Kleinen beruhte auf Falschmeldungen linker Medien - WELT
Am 27. Juni 1993 starben ein GSG-9-Beamter und ein RAF-Terrorist bei einer misslungenen Festnahme in Mecklenburg. „Monitor“ und „Spiegel“ machten daraus einen Skandal. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT
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