PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1968„Brennende Autos sind kein Protest, sondern zeugen von Terror“Veröffentlicht am 07.05.2026Lesedauer: 5 MinutenPolizisten hindern am späten Abend des 11. April 1968 Demonstranten am Sturm auf das Verlagshaus Axel SpringerQuelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/HERRMANNAm 11. April 1968 schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann in Berlin auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Dessen Anhänger griffen daraufhin den Axel Springer Verlag an und setzten Lieferwagen in Brand – mit dabei: Ulrike Meinhof. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der Attentäter wollte auf Nummer sicher gehen. „Sind Sie Rudi Dutschke?“, fragte Josef Bachmann den dunkelhaarigen kleinen Mann, der gerade aus dem Haus Kurfürstendamm Nr. 140 getreten war, obwohl er dessen Gesicht genau kannte. Als der Angesprochene bejahte, schrie der junge Hilfsarbeiter aus München: „Du dreckiges Kommunistenschwein!“, und schoss sofort. Schon die erste Kugel traf Dutschke in die Wange, und noch zweimal feuerte Bachmann. Dann flüchtete er, während sich der Schwerverletzte trotz seiner Wunden aufrichtete, ein paar Meter am Straßenrand entlang torkelte und erst dann das Bewusstsein verlor. Es war genau 16.39 Uhr am 11. April 1968 – Gründonnerstag.Während Dutschke bereits operiert wurde, belagerte die Polizei den Attentäter in einem Rohbau. Bachmann würgte eine Handvoll Schlaftabletten herunter und feuerte wild um sich – er wollte sich von den Beamten erschießen lassen. Diesen Gefallen taten ihm die Polizisten nicht: Schwer verletzt wurde er festgenommen und in dasselbe Klinikum gebracht, in dem die Ärzte um das Leben seines Opfers rangen. Am späteren Abend versammelten sich rund 2000 gewaltbereite Demonstranten vor dem Verlagshaus von Axel Springer in der Kochstraße und begannen, Steine auf die Glasfassade zu werfen. Anführer war der Rechtsanwalt Horst Mahler. Die wenigen Polizisten konnten Druckerei und Redaktionsgebäude nicht schützen.Jedoch warteten in der Eingangshalle neben einigen Beamten und Wachleuten eine große Zahl technischer Mitarbeiter des Verlages, darunter etwa fünfzig Drucker. Der späte Abend war für sie die Hauptarbeitszeit, und den traditionell selbstbewussten Männern musste niemand etwas befehlen. Die meisten hatten etwa 45 Zentimeter lange Hartgummi-Stäbe in den Händen, Ersatzteile für die Papier-Schneidemaschinen. Es war klar: Sie würden ihre Arbeitsplätze verteidigen. Leitende Mitarbeiter des Verlages, darunter Berlin-Chef Peter Tamm, beruhigten die erregten Drucker. So kam es nicht zum Gegenangriff auf die Demonstranten, bei dem es leicht Tote hätte geben können. Lediglich einige Eindringlinge wurden mit Feuerlöschschläuchen weggespritzt.Derweil fackelten einige besonders aggressive Angreifer auf dem gegenüberliegenden Parkplatz die Lieferfahrzeuge ab, mit denen frisch gedruckte Zeitungen zu den Kiosken gebracht werden sollten. Mehr als ein Dutzend Wagen wurden zerstört. Unmittelbar dabei stand die linksextreme Journalistin Ulrike Meinhof, später Mitgründerin der Terrorgruppe RAF.Angesichts dessen kommentierte WELT am 13. April 1968 die Vorgänge erstaunlich moderat: „Ist es illusionär, angesichts des Berliner Attentats eine Rückbesinnung auf die Kraft der Vernunft zu fordern?“, schrieb Bernt Conrad, der Leiter des Berliner WELT-Büros im attackierten Verlagshaus: „Die Zeichen der Stunde, so scheint es, stehen auf Sturm. Was sich seit Donnerstagabend in der Kochstraße unmittelbar an der Berliner Mauer und in anderen Städten abgespielt hat, zeugte von Wut und Gewalttätigkeit.“ Unmissverständlich stellte Conrad fest: „Zerbrochene Scheiben und brennende Autos sind kein Ausdruck verständlichen Protestes, sondern zeugen von Terror.“ Und er fügte hinzu: „Der Anschlag auf Rudi Dutschke wird mit der Härte des Gesetzes geahndet werden. Wer aber ein Verbrechen zum Anlass für neue Vergehen benutzt, verliert als politisch engagierter Bürger seine Glaubwürdigkeit.“Dutschke erholte sich trotz zweier Schussverletzungen im Kopf erstaunlicherweise wieder. Als Rekonvaleszent verließ er im Juni 1968 Berlin, ging erst in die Schweiz, dann nach Italien. Staaten wie Belgien, die Niederlande und Kanada verweigerten ihm die Einreise, weil sie seine destruktive Agitation fürchteten. In Großbritannien durfte er weiter studieren, aber nur, solange er sich politischer Aktivitäten enthielt; weil Dutschke sich daran nicht hielt, wurde er Anfang 1971 ausgewiesen. Er kam in Dänemark unter und lebte seit 1973 zeitweise auch wieder in Deutschland. Weiterhin engagierte er sich in linken Kreisen, erreichte aber nicht mehr annähernd die öffentliche Aufmerksamkeit wie 1967/68. Josef Bachmann wurde nach seiner Genesung im Frühjahr 1969 angeklagt und vom Landgericht wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. 1969 wechselte er mit seinem Opfer einige Briefe, aus denen die beiderseitige Realitätsblindheit sprach. So fragte Dutschke im Dezember 1968 den Mann, der ihn lebensgefährlich verletzt hatte: „Warum wurdest Du und wirst Du und mit Dir die abhängigen Massen unseres Volkes ausgebeutet, wird Deine Fantasie, wird die Möglichkeit Deiner Entwicklung zerstört? Warum werden wir alle noch immer geduckt und niedergehalten?“ Die Antwort lieferte er gleich mit: „Für die Schweine in den herrschenden Institutionen, für die Vertreter des Kapitals, für die Parteien und Gewerkschaften, für die Agenten der Kriegsmaschinerie und der ‚Medien gegen das Volk‘, für die Parteifaschisten gegen die Massen, die sich überall finden, dürft Ihr täglich schuften.“Bachmann antwortete: „Ich möchte nochmals mein Bedauern über das aussprechen, was ich Ihnen angetan habe. Ich kann nur hoffen, dass Sie in Ihrer Zukunft und Ihrer weiteren Laufbahn, die für Sie ja erst anfängt, keine ernstlichen körperlichen Schäden zurückbehalten werden.“ Ein freundlicher, gleichwohl irritierender Wunsch aus dem Munde eines Attentäters. Dann wurde er politisch: „Ich habe vielleicht von Ihnen eine ganz verkehrte Auffassung gehabt. Vielleicht haben Sie gar nicht so unrecht, wenn Sie meinen, dass unsere Ruhe und Ordnung schon etwas zu lange anhalten. Wenn ich Sie richtig verstehe und mir ein Bild von Ihnen erlauben darf, wollen Sie und Ihre Kommilitonen ein besseres System erreichen als das heutige. Aber jetzt kommt die Frage, was soll das sein und wie will man etwas ändern, was gar nicht zu ändern geht?“ Am 24. Februar 1970 nahm sich Josef Bachmann im Gefängnis das Leben. Fast zehn Jahre später, am 24. Dezember 1979, erlitt Rudi Dutschke einen epileptischen Anfall (eine Spätfolge des Attentats) und ertrank in seiner Badewanne.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. 2003 veröffentlichte er das Buch „Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern“, in dem auch Josef Bachmanns Mordversuch an Rudi Dutschke behandelt wird.