PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1970Als der Amoklauf der Terroristen gegen den Rechtsstaat begannStand: 13.05.2026Lesedauer: 5 MinutenFür schnelle, elegante Autos interessierten sich die Linksextremisten um Andreas Baader schon 1970: Ihr Fluchtwagen bei der Befreiungsaktion war ein gestohlener Alfa RomeoQuelle: Burger/ullstein bildEine Vorzugsbehandlung genoss der Linksextremist Andreas Baader schon vor der Gründung der Rote Armee Fraktion. Nur sie ermöglichte seine gewaltsame Befreiung am 14. Mai 1970. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Wie ein schlechter Film. Jeder seriöse Drehbuchautor hätte sich geschämt, eine Häftlingsbefreiung so unglaubwürdig zu erfinden, selbst für eine Komödie. Doch leider war an dem, was von Ende April bis Mitte Mai 1970 in West-Berlin geschah, nichts witzig. Und schlimmer noch: Es kostete einen völlig Unbeteiligten die Gesundheit.Spätestens am 30. April 1970 wusste Gefängnisdirektor Wilhelm Glaubrecht Bescheid. An diesem Tag erfuhr der Leiter der Strafanstalt Berlin-Tegel, dass einer der Inhaftierten „mit Hilfe der Apo“ befreit werden solle. Dem Gerücht zufolge handele es sich um Andreas Baader, einen 27-jährigen Linksextremisten, der seit dem 24. April 1970 hier seine Reststrafe wegen einer Brandstiftung in Frankfurt 1968 absaß.Er war am 4. April bei einer Verkehrskontrolle in West-Berlin festgenommen worden und zunächst in Untersuchungshaft gekommen. Doch auf eine erneute Anklage wegen des Führens gestohlener Papiere (Baader hatte den Ausweis eines gewissen Peter O. Chotjewicz bei sich, in den er sein Foto geklebt hatte) verzichtete die Staatsanwaltschaft.Nicht das einzige Entgegenkommen: Allein in den ersten drei Wochen nach seiner Festnahme bekam Baader zehnmal Besuch, meist von der bekannten linksradikalen Journalistin Ulrike Meinhof – das war deutlich öfter als üblich und zulässig. Glaubrecht erschien ein Fluchtversuch unwahrscheinlich. Immerhin konnte Baader schon im Juli 1970 nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung erwarten – obwohl er sich bereits einmal dem Vollzug durch Untertauchen entzogen hatte. Der Direktor glaubte an eine Verwechslung mit dem zu lebenslang verurteilten Mörder Paul Bader: „Bei diesem Bader wurde daraufhin eine verstärkte Bewachung angeordnet und, als sich nichts in Richtung einer Befreiung tat, der gesamte Vorgang ad acta gelegt“, registrierte das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit fassungslos.Immerhin: Als Anfang Mai 1970 Andreas Baader einen Antrag auf begleiteten Ausgang stellte, zögerte Glaubrecht. Im Vorjahr waren Strafgefangene des Gefängnisses Tegel 379-mal ausgeführt worden, begleitet stets von zwei bewaffneten Justizbeamten. Meist ging es zu Arztpraxen, weil die angeblich oder tatsächlich notwendigen Untersuchungen in der anstaltseigenen Sanitätsstation nicht möglich waren. Manchmal hatte Glaubrecht zudem Ausgänge zur „Unterstützung des beruflichen Fortkommens“ als Teil der angestrebten Resozialisierung genehmigt.Genau das verlangte auch Baader: Er wolle in der Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in der Miquelstraße 83 in Dahlem über die „Organisation randständiger Jugendlicher“ arbeiten. Diesmal lehnte der Gefängnisleiter ab, denn Baader hätte sich notwendige Literatur in die Haft kommen lassen können.Doch mit dieser Entscheidung mochte sich sein Anwalt Horst Mahler nicht abfinden. Am Dienstag, dem 12. Mai 1970, erfuhr Glaubrecht, dass der linke West-Berliner Verleger Klaus Wagenbach Baader einen Buchvertrag angeboten habe: Das Vorhaben schien also ernst gemeint. Doch noch zögerte Glaubrecht, denn er war Baader schon weit entgegengekommen. Zum Beispiel hatte er dem Strafgefangenen in einer Woche drei Besuche von Ulrike Meinhof sowie einer Frau genehmigt, die sich als Lektorin des Wagenbach-Verlags vorgestellt hatte.Lesen Sie auchAls Anwalt Mahler von Glaubrechts Ablehnung hörte, bestand er auf einem Gespräch mit dem Direktor. Ausschließlich Baader sei in der Lage, im Dahlemer Institut die benötigte Literatur auszuwählen, behauptete der Verteidiger. Daraufhin gab der Direktor nach und genehmigte für den übernächsten Tag die Ausführung: einmalig und maximal drei Stunden; für eine Wiederholung fehle Personal.Am 14. Mai 1970, einem Donnerstag, traf Baader gegen 9.45 Uhr in Begleitung zweier bewaffneter Justizbeamter in der Miquelstraße ein und setzte sich in den Lesesaal zu Ulrike Meinhof. Eine Dreiviertelstunde später erschienen zwei junge Frauen, die ebenfalls im Lesesaal zu arbeiten begehrten. Doch das wurde ihnen verweigert, weil dort bereits Meinhof, Baader und die beiden Wachen saßen; also nahmen die beiden in der Diele des Instituts Platz. Gegen 11 Uhr öffneten sie die Tür der Villa und ließen einen maskierten Mann hinein sowie eine Frau mit roter Perücke – die angebliche Wagenbach-Lektorin, in Wirklichkeit Gudrun Ensslin. Der Mann feuerte auf Georg Linke, einen Mitarbeiter des Instituts. Ein Bauchschuss verletzte den 62-Jährigen lebensgefährlich. Die beiden jungen Frauen schossen derweil Tränengaspatronen auf die Wachen im Lesesaal. Während des anschließenden Handgemenges sprang Baader aus dem Hochparterrefenster des Instituts in den Garten. Meinhof folgte ihm, dann kamen der maskierte Mann und die drei Frauen; Ensslin verlor dabei ihre Perücke. Mit einem Alfa Romeo und einem BMW flüchteten sie.Lesen Sie auch„Zweifelt einer, dass es sich hier um einen exorbitanten Fall von politischer Kriminalität handelt?“, fragte WELT-Redakteur Bernd Nellessen. Hellsichtig fügte der erfahrene Journalist mit Schwerpunkt Zeitgeschichte hinzu: „Auf der Strecke blieben ein Schwer- und zwei Leichtverletzte, und nun rotieren Mordkommission und politische Polizei, den Untergetauchten samt Helfer, die das Verbrechen eiskalt geplant hatten, zu finden.“Auch Nellessen konnte sich aber nicht vorstellen, den Beginn eines Amoklaufes gegen den Rechtsstaat erlebt zu haben, der in mehr als 28 Jahren 34 unschuldige Menschenleben kostete (die ebenfalls umgekommenen Terroristen nicht mitgezählt), mindestens 230 Menschen teilweise schwer verletzte und Kosten in Höhe vieler Milliarden verursachte. Georg Linke musste seinen Lebensabend im Krankenbett verbringen, in Hospitälern und Operationssälen. Meinhof nahm sich 1976 im Gefängnis Stammheim das Leben, Andreas Baader anderthalb Jahre später. Für seine gewaltsame Befreiung wurden Horst Mahler und die beiden jungen Frauen verurteilt. Klaus Wagenbach räumte sein Mitwissen um den Plan erst ein, als die Unterstützung strafrechtlich verjährt war.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seit mehr als 30 Jahren schreibt er über Linksterrorismus. Zu seinen einschlägigen Büchern zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ (2020), „Zielscheibe Axel Springer“ (2022) und „Der Stammheim-Prozess“ (2025).