Am 9. November 1989 fielen zwei historische Sätze. Der erste war geprägt von Verwirrung und löste den Fall der Mauer aus. Der zweite war wohlüberlegt und ordnete das Geschehen historisch ein. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, stammelte Günter Schabowski auf der Pressekonferenz, auf der er bekannt geben sollte, wie die neue Reiseregelung für DDR-Bürger lautete. Da gab es für viele kein Halten mehr.„Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging“, sagte Stefan Aust am selben Abend bei RTL, wo die Reporter von „Spiegel TV“ zeigten, was an der Bornholmer Straße und anderen Grenzübergängen vor sich ging. Der Journalist hatte erkannt, dass die deutsche Teilung, die europäische Nachkriegsordnung fallen würden.Das übliche Pensionsalter gilt für ihn nichtOhne Umschweife auf den Punkt zu kommen, den andere noch nicht sehen, ist Aust zu eigen. Er ist ein Ausnahmerechercheur, getrieben von Neugier, unermüdlich und unerschrocken. Geboren als Sohn eines Landwirts in Stade, brach er sein Soziologiestudium ab, schrieb als Zwanzigjähriger für „Konkret“ und die „St. Pauli Nachrichten“, ging zum NDR, wurde Redakteur bei „Panorama“, baute von 1988 das Fernsehmagazin „Spiegel TV“ auf, das der ganzen Branche einen Schub verpasste, und landete schließlich, vom Magazingründer Rudolf Augstein gefördert, 1994 im Chefredakteurssessel des „Spiegels“. Dort hielt er sich bis 2008 und brachte das Magazin mit seinem journalistischen Instinkt stets zu der Aufmachergeschichte, die die Woche bestimmen sollte – bis zur nächsten Ausgabe.Mit seinem unfreiwilligen Abgang, nach dem der „Spiegel“ seine Chefredakteure alle zwei, drei Jahre austauschen sollte, war für Aust, den Fachmann für Links- und Rechtsterrorismus und Geheimdienststorys, der mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“ ein Standardwerk über die RAF schrieb, noch lange nicht Schluss. Er stieg bei dem Nachrichtensender N24 ein und avancierte 2014, nachdem der Springer-Verlag N24 übernommen und in seine „Welt“-Gruppe integriert hatte, zum Herausgeber der „Welt“ und einem fleißig publizierenden Leitartikler. Die Aufgabe erfüllte er bis Ende 2024, da hatte er das übliche Pensionierungsalter längst überschritten.Anderes hätte zu dem Überzeugungsreporter Aust, der wenig Selbstzweifel kennt, nie für die Galerie oder die Berliner Politmedienblase schrieb und selten mit dem Mainstream-Meinungsstrom schwamm oder sich anbiederte und eine so ungewöhnliche Karriere machte, auch nicht gepasst. Stefan Aust zeigt, wie man Journalismus macht, den keine KI ersetzen kann. Heute wird er achtzig.