Tagesspiegel-Gründer Erik Reger sah den Attentats- und Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 kritisch. Nichts zu tun hatte seine Sicht aber mit dem deutschen Nachkriegs-Zeitgeist, den die Publizistin Ruth Hoffmann mit Blick auf die Widerständler um Claus Schenk Graf von Stauffenberg so auf den Punkt bringt: „Nach dem Krieg sollte es viele Jahre dauern, bis sie nicht mehr als ,Landesverräter’ galten.“In ihrem 2024 erschienenen Buch „Das deutsche Alibi“ befasst sich Ruth Hoffmann mit dem „Mythos Stauffenberg-Attentat“ und analysiert, „wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird“. Kurz gesagt: Wie das, was lange als verräterisch galt, schließlich staatstragend wurde – und nicht zuletzt entlastend sowie politisch nutzbar.Erik Reger bemühte sich schon 1946 um eine differenzierte Haltung. Dazu gehörte, „Mut und Opferbereitschaft“ anzuerkennen. (Wir zitieren in dieser historischen Serie wie immer in der damaligen Rechtschreibung.)Ebenso also erkannte Reger die Motive der „heterogenen Elemente der Verschwörung“ an, „deren Vielfalt nicht zu verkennen“ sei, wie es im weiteren Verlauf seines hier zu lesenden Leitartikels heißt.Damit widersprach Reger einem im Juni 1946 erschienenen Tagesspiegel-Beitrag, in dem abwertend von einem „Generalsputsch“ die Rede war.Trotz aller Vielfältigkeit bescheinigt Reger den gescheiterten Attentätern eine „Beziehungslosigkeit zur Masse des Volkes“ im politischen Sinne.Interessanterweise liegt der Tagesspiegel-Leitartikler damit auf einer Linie mit der von Ruth Hoffmann in ihrem Buch wiedergegebenen Sicht aus dem Osten Deutschlands. Demnach sei der Umsturz gescheitert, „weil den Beteiligten die Verbindung zum Volk gefehlt habe“. Allerdings hatte es durch beteiligte Gewerkschafter und Sozialdemokraten wie Wilhelm Leuschner und Julius Leber sehr wohl diese Verbindung gegeben.Auch mit den Folgen des gescheiterten Attentats setzt sich Reger auseinander. „Von hier aus gesehen, hat der 20. Juli geradezu zu der unsinnigen Verlängerung des Krieges beigetragen“, schreibt er. Die Nationalsozialisten hätten die Gelegenheit ergriffen, um dem Volk das „Wunder der Errettung“ Hitlers als ein Werk der Vorsehung darzustellen, die noch Großes mit diesem „Führer“ vorhabe. „Das Volk wurde durch die Propaganda aufgeputscht und für eine letzte Terrorisierung reifgemacht.“Gleich zu Beginn seines Leitartikels verweist Reger darauf, dass in derselben Tagesspiegel-Ausgabe „eine gedrängte Darstellung der Aktionen“ jenes Tages zu finden sei. Deren Überschrift las sich knallig-forsch, eher un-tagesspiegelig: „Was am 20. Juli 1944 wirklich geschah“.Johannes Tuchel, von 1991 bis 2025 Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, hat sich den Artikel, den Sie hier als Dokument nachlesen können, für uns angeschaut. Der Text sei „eine Mischung aus präzisen Fakten und Falschinformationen, sehr merkwürdig“.Der Historiker merkt zum Beispiel an, dass es dafür, dass Hitlers bei der Explosion getöteter Stenograf „gelegentlich als Double Hitlers“ aufgetreten sei, keinen Beleg gebe. Falsch sei zudem die Behauptung, dass Italiens „Duce“ Benito Mussolini zum Zeitpunkt des Attentats schon einige Tage in der „Wolfsschanze“, dem „Führerhauptquartier“ im ostpreußischen Rastenburg, zu Gast gewesen sei. Er kam kurz nach dem Attentat an.Auch habe im Bendlerblock in Berlin nicht Ludwig Beck, 1938 als Generalsstabschef zurückgetreten und in einem Nach-Hitler-Deutschland für das höchste politische Amt vorgesehen, „die Befehlsgewalt übernommen“. Im Gegenteil: „Er war in Zivil gekommen, um den zivilen Charakter als Staatsoberhaupt zu betonen.“Die gröbste Fehlinformation ist wohl die im Artikel auftauchende Zahl 16.000. Nach „zuverlässigen Mitteilungen“, schreibt der Autor des Beitrags, sollen derart viele Personen „in die Absichten des 20. Juli eingeweiht gewesen sein“, ein Heer von Verschwörern. Dazu Tuchel: „Wir gehen heute von rund 300 Beteiligten – Offiziere und Zivilisten – aus.“Gezeichnet ist der Artikel nur mit einem Nachnamen: von Wülcknitz. Der Autor dürfte Karl A. von Wülcknitz gewesen sein. Denn unter diesem Namen ist 1946 noch ein weiterer Artikel im Tagesspiegel-Archiv zu finden, wenn auch zu einem ganz anderen Thema („Balkan im Übergang“).Johannes Tuchel weist darauf hin, dass von Wülcknitz als CvD („Chef vom Dienst“) beim Tagesspiegel vorgesehen gewesen sei, und zwar von den lizenzgebenden Amerikanern, nachzulesen in dem Band „Zensur und Zensoren“ von Peter Strunk. Wenn überhaupt, dann war von Wülcknitz aber wohl nur kurz in dieser ohnehin eher technische Abläufe handhabenden Rolle tätig. Denn schon 1946 ging er zur sowjetisch lizenzierten „Täglichen Rundschau“.Entweder war es Ost- wie Westalliierten unbekannt oder gleichgültig, dass Militärexperte von Wülcknitz im Krieg für Nazi-Zeitungen geschrieben hatte. Etwa für die „Deutsche Zeitung im Ostland“ in Riga oder den „Ostdeutschen Beobachter“, ein „Organ der NSDAP – Verkündungsblatt des Reichsstatthalters im Reichsgau Wartheland und seiner Behörden“. Allerdings hatte auch Zeitungsgründer und US-Lizenznehmer Erik Reger selbst einige seiner Feuilletons im Nazi-Blatt „Krakauer Zeitung“ drucken lassen.Zu den Überraschungen der Archiv-Recherche über diesen frühen Jahrestag des Attentats gehört, dass Erik Reger einen Großteil seines Leitartikels gar nicht auf die Geschehnisse von 1944 verwendet, sondern auf „einen anderen 20. Juli“. Gemeint war der Tag des „Preußenschlags“ 1932, als Reichspräsident Paul von Hindenburg per Notverordnung die SPD-geführte preußische Regierung entmachtete und Reichskanzler Franz von Papen als „Reichskommissar“ einsetzte. „Dieses Attentat gelang“, schreibt Reger.Das passte zu einer von Erik Reger wiederholt vorgebrachten, aus heutiger Sicht zu Zwecken des „Wehret den Anfängen“ relevanten, aber durchaus auch sich selbst und andere „Innere Emigranten“ entlastenden Forderung.Der Tagesspiegel-Gründer vertrat die Ansicht, dass es beim Blick auf Schuld, Sühne und vor allem Analyse maßgeblich sei, auf das Verhalten vor 1933 zu schauen. Wer half den Nazis auf ihrem Weg zur Macht?Zuvor schon hatte der Tagesspiegel – wie oftmals bei seinerzeit Gegenwärtigem und Zeithistorischem – auch das Scheitern des Widerstands mit weiten Rückgriffen in die deutsche Geschichte erklärt.Schon damals gab es demnach Diskussionen um die Wertung des 20. Juli 1944. Der Tagesspiegel und dessen Gründer Erik Reger standen mittendrin in dieser intensiven Debatte, die sich vom zweiten Jahrestag des Attentats bis über den Jahreswechsel 1946/47 zog. Dazu mehr in einer der nächsten Kolumnenfolgen.