Schon die allererste Tagesspiegel-Schlagzeile war Ländersache: Mit „Drei süddeutsche Staaten“ betitelte unsere Zeitung in ihrer ersten Ausgabe vom 27. September 1945 den Aufmacher der Seite eins.In dem Artikel ging es darum, dass die Amerikaner in ihrer Besatzungszone die Nachkriegsländer Bayern, Württemberg-Baden und Großhessen gründen wollten.Im Osten hatten die Sowjets am 8. Juli 1945, auf den Tag genau zwei Monate nach der Kapitulation in Karlshorst, die Länder Mecklenburg, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen eingerichtet, aus denen die DDR dann 1952 die Bezirke ausgliederte.Im Westen war der Prozess, der letztlich zu den Bundesländern führte, deutlich komplizierter.Die Briten hatten es nicht leicht. Um die entstehenden großen Flächenländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gab es ein Hin und Her.Bedenken äußerte zum Beispiel Kölns „Erster Bürgermeister“ Robert Görlinger. Argumentiert wurde damit, dass es in einem neuen, demokratischen Deutschland keine Länder mit zu großem Einfluss und ausgeprägten Eigeninteressen geben dürfe wie einst die Hegemonialmacht Preußen oder auch das weiterhin starke Bayern. (Wir zitieren in der historischen Kolumne stets in damaliger Rechtschreibung.)Am 23. August 1946 bildete die Militärregierung der britischen Zone das Land Nordrhein-Westfalen. Dazu wurden der nördliche Teil der preußischen Rheinprovinz und die preußische Provinz Westfalen zusammengelegt.Die Begründung war wirtschaftlich: Es sei nicht durchdacht, „die Nord-Rheinprovinz, die nur aus Industriestädten besteht, dem Auf und Ab industrieller Konjunktur auszusetzen, während ihr überdies das notwendige landwirtschaftliche Hinterland fehlt“.In Niedersachsen waren die Widerstände noch stärker. Braunschweig und Oldenburg hatten seit Anfang 1946 eigene Landtage und Regierungen. Auch Hannover firmierte zunächst als Land.Oldenburgs Ministerpräsident Theodor Tantzen, der zwischenzeitlich ein „Küstenland“ Weser-Ems ins Spiel gebracht hatte, wandte sich – den Kölner Bedenken ähnlich – gegen allzu große, möglicherweise hegemoniale Länder. Sein scheinbar paradox klingendes Argument war, dass viele kleinere, aber gleich große Länder sich besser einigen und föderal vereinigen könnten als wenige Länder mit starkem Größengefälle.Aus der Viermächtestadt Berlin meldete sich der Tagesspiegel kommentierend zu Wort. Für Zeitungsgründer Erik Reger, ohnehin glühender Anhänger des Föderalismus und langjähriger Feind preußischer Hegemonie, waren starke Bundesländer eine antifaschistische Institution.„Bundesrepublik Deutschland“ tauchte im Tagesspiegel als Begriff schon zwei Monate nach der Zeitungsgründung 1945 erstmals auf, in einem Leitartikel Erik Regers. Zwei Jahre später plädierte der Tagesspiegel-Gründer für das „Muster“ oder die „Kernzelle“ einer Bundesrepublik in den Westzonen.In jenem Sommer hielt der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher eine Pressekonferenz in Berlin. Mit einer „lebhaften Debatte“ und in „gewohnter Freude am dialektischen Florettfechten“ ging es vor allem um die SPD und ihre Ziele sowie ihr Personal in Berlin.Doch dann kam die Frage, wie er, der Fürsprecher der deutschen Einheit, denn über den Vorschlag des Tagesspiegels denke, eine westdeutsche Bundesrepublik zu errichten. Schumacher: „Der Tagesspiegel ist kein Organ der SPD.“Der Spruch hatte seine ganz eigene Ironie, denn bald darauf erwies sich Kurt Schumacher selbst als Verfechter der „ökonomischen und politischen Sogwirkung“ einer westlichen Bundesrepublik auf den Osten, einer „Magnettheorie“, wie sie der Politikwissenschaftler Tilman Fichter nannte.Noch knapp ein Jahr vor der Gründung ebenjener Bundesrepublik gab der Tagesspiegel eigene Änderungsvorschläge zu den Ländern zu Protokoll, samt Karte (hier zu sehen) und aus „der vorurteilsfreien Sicht der allen Ländern gleich nahen oder gleich fernen Berliner Position“. Denn: „Gerade von Berlin aus, das keinen zentralistisch begründeten Führungsanspruch mehr erhebt, sind die Dinge viel eher objektiv zu sehen.“Und siehe: kein NRW weit und breit. Stattdessen schlug der Tagesspiegel sogar eine Dreiteilung in Westfalen, Ruhr und Rheinland vor.Warum ein „selbständiges“ Ruhrgebiet? Eben weil es nicht wirklich selbstständig sein werde: „Die Konstituierung eines Staates Ruhr wird unter anderem dem Umstand gerecht, daß das Gebiet internationaler Kontrolle unterstehen wird und schon daraus eine auch politisch begrenzte Einheit darstellen sollte.“Und was ist mit dem Problem, dass dem Ruhrgebiet „das notwendige landwirtschaftliche Hinterland fehlt“, wie es die Briten einst pro NRW formuliert hatten? Dazu der Tagesspiegel: „Es findet seinen agrarischen Ausgleich in der holländischen Nachbarschaft.“