PfadnavigationHomeSportFußballSergej Barbarez„Auf die ersten Anrufe unseres Präsidenten meldete ich mich gar nicht zurück“Von Torsten RumpfStand: 07:36 UhrLesedauer: 5 MinutenBlutgrätsche, Fäuste und Zusammenstöße ‒ bei dem hart umkämpften Unentschieden zwischen Kanada und Bosnien-Herzegowina schenkten sich beide Mannschaften nichts. Hier eine Auswahl der Kampfszenen im Video.Trainer Sergej Barbarez qualifizierte sich mit Bosnien-Herzegowina überraschend für die WM. Doch ein Missverständnis hätte die Zusammenarbeit beinahe verhindert. Nun will er seine Karriere fortführen – gern in Deutschland.Für Bosnien-Herzegowina begann die Weltmeisterschaft mit einem Erfolg. Auch wenn die Nationalmannschaft gegen Co-Gastgeber Kanada noch den Ausgleich zum 1:1 hinnehmen musste, überwog nach dem ersten Gruppenspiel bei Spielern und Fans Zufriedenheit. Das Turnier ist im Vierjahresplan von Trainer Sergej Barbarez ohnehin nur ein Bonus, wie der 54-Jährige im Interview erklärt.Frage: Herr Barbarez, wie stolz sind Sie, Bosnien-Herzegowina zur WM geführt und dabei den viermaligen Titelträger Italien in den Play-off-Spielen aus dem Weg geräumt zu haben?Sergej Barbarez: Sehr stolz. So eine Begeisterung für unsere Nationalmannschaft – auch hier in Nordamerika – haben wir noch nie erlebt. Jetzt interessieren sich sogar Menschen aus der Politik, die mit Fußball nichts zu tun haben, für uns. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Es macht ein ganzes Land stolz, vereint es noch mehr – egal, wie die WM für uns endet. Manchmal glaube ich: Das alles ist nur ein Fake.Frage: Sie übernahmen am 19. April 2024 das Amt des Nationaltrainers, als der bosnische Fußball am Boden lag.Barbarez: Ja, und unser Präsident musste eine große Überzeugungsarbeit leisten. Ich hatte mich anfangs nach seinen ersten Anrufen nicht bei ihm zurückgemeldet. Weil ich nicht davon ausging, dass man mich als Nationaltrainer will, sondern in einer anderen Rolle – etwa als Berater. Doch dann nahm ich mal das Telefonat an – und er fragte mich, ob ich die Nationalmannschaft nicht übernehmen möchte.Lesen Sie auchFrage: Die Antwort war klar, oder?Barbarez: Nein. Aufgrund der sportlichen Situation (Bosnien blamierte sich in der Quali zur EM 2024; d. Red.) bat ich um drei Wochen Bedenkzeit. Das war lustig, weil unser Präsident nach dieser Aussage total erschrocken war. Er wollte schon am Tag eins nach seinem Anruf eine Entscheidung von mir. Ich habe ihm nach langem Überlegen dann meine Vorstellungen genannt. Der Hauptpunkt war: vier Jahre Zeit für den Neuaufbau. Das Ziel lautete: Qualifikation für die EM 2028. Und jetzt sind wir bereits bei der WM dabei, das ist krass.Frage: Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war eine Reise nach Istanbul zu Edin Džeko, der damals für Fenerbahçe spielte. Wieso?Barbarez: Wir wollten von Edin wissen, ob er trotz seines Alters unter diesen Voraussetzungen noch Lust auf die Nationalmannschaft hat, denn sie durchlebte keine schöne Zeit mit vier Trainerwechseln in 16 Monaten. Er hat den Daumen nach oben gehoben. Seine einzige Bedingung lautete, ehrlich und korrekt zu ihm zu sein. Was ich nachvollziehen konnte.Frage: Warum?Barbarez: Weil wir uns nicht so gut kannten, ich der erste Nationaltrainer bin, der einen Vierjahresvertrag bekam, der seinen Staff selbst zusammenstellen durfte. Aber für mich war ohnehin klar: Wir brauchen Edin Džeko für unsere Ziele. Er ist das Idol. Es ist beeindruckend, wie die jungen Spieler auf dem Platz oder im Hotel zu ihm aufschauen. Sie kannten ihn zuvor nur aus dem Fernsehen oder wollten früher ein Foto beziehungsweise ein Autogramm von ihm. Das Gute ist: Edin ist komplett auf dem Boden geblieben. Das merken die Jungs schnell, und das gibt ihnen Sicherheit.Frage: Was zeichnet Dzeko, der beim WM-Auftakt nach seiner im März erlittenen Schulterverletzung weiter geschont wurde, noch aus?Barbarez: Er lebt Fußball. Er liebt Fußball. Um wieder zu spielen, ging er aus der Serie A von Florenz in die 2. Liga zu Schalke. Wir haben zuvor über seinen Wechsel gesprochen. Er fragte mich, was ich davon halte – auch was seine Situation dann in der Nationalmannschaft betrifft.Frage: Was antworteten Sie ihm?Barbarez: Mir ist nur wichtig, dass du glücklich bist, dass du Bock auf die Aufgabe hast. Und man hat gesehen: Er hatte Bock, großen Bock sogar. Ihm lagen sicher andere Angebote vor – auch aus exotischen Ländern –, und dort hätte er mehr Geld verdienen können. Aber so denkt er nicht.Frage: Schalke will nach dem Aufstieg Dzeko, dessen Vertrag am 30. Juni endet, halten. Kann er mit 40 noch Bundesliga spielen?Barbarez: Schalke und Edin, das hat super gepasst. Und natürlich kann er noch Bundesliga spielen. Für mich ist nicht nur wichtig, wie er auf dem Platz agiert, seine Tore schießt und die Mitspieler in Szene setzt, sondern auch, wie ein Gegner auf ihn reagiert. In den Länderspielen, die ich betreut habe, war das immer mit höchstem Respekt. Er hat zwei Gegenspieler gebunden. Das zeigt mir, dass er immer noch ein Weltklassespieler ist.Frage: Sie übernahmen mit 52 erstmals einen Trainerjob. Bleibt die Aufgabe, Bosnien zu betreuen, eine Ausnahme, oder haben Sie nun Blut geleckt?Barbarez: Ja, ich bin jetzt voll drin im Trainerjob, es macht großen Spaß. Ich habe richtig Bock auf die Aufgabe als Nationaltrainer, in einem Land etwas zu bewegen. Sollte diese wunderbare Zeit mal enden, kann ich mir das auch bei einem Verein vorstellen.Frage: Reizt Sie die Bundesliga?Barbarez: Natürlich. Dort habe ich meine schönste Zeit als Fußballer gehabt. Und ich glaube, mein Weg als Trainer ist noch lange nicht zu Ende.Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung Ihres Ex-Vereins HSV?Barbarez: Ich sah einige Spiele – und war vom neuen HSV teilweise sogar richtig begeistert. Merlin Polzin macht es als junger Trainer sehr gut. Dennoch muss allen klar sein: Das zweite Jahr nach einem Aufstieg ist schwieriger. Ich bin davon überzeugt, dass der HSV sich weiter stabilisiert.Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
WM 2026: Sergej Barbarez – „Auf die Anrufe unseres Präsidenten meldete ich mich nicht zurück“ - WELT
Trainer Sergej Barbarez qualifizierte sich mit Bosnien-Herzegowina überraschend für die WM. Doch ein Missverständnis hätte die Zusammenarbeit beinahe verhindert. Nun will er seine Karriere fortführen – gern in Deutschland.














