Wie gut die Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina darin ist, Träume zu zerstören, davon konnte man sich mit einem Blick nach Südeuropa überzeugen. In Mailand, in Rom, in Bologna und Turin fanden sich Ortszeit Freitagabend keine tausende Menschen zusammen, um eine italienische WM-Auftaktpartie gemeinsam zu genießen. Nein, es herrschte schweigende Stille in Italien. Tapfer berichtete dennoch die Gazzetta dello Sport über diese Partie in Toronto, bei der Bosnien-Herzegowina gegen die Gastgebernation Kanada antrat und nicht die Squadra Azzurra, deren WM-Traum im Frühjahr in einem Playoff in Zenica zu Ende gegangen war.Die bosnischen Traumzerstörer, sie traten in Toronto zum zweiten Mal nach 2014 bei einer WM an, erneut mit derselben Mission: Auf der anderen Seite schließlich standen elf Spieler mit einem großen Traum, die vor dem Spiel gemeinsam mit Alanis Morissette die kanadische Nationalhymne sangen. Kanada hat in seiner Geschichte bislang alle WM-Partien verloren, und weil auf der anderen Seite nicht das große Italien wartete, sondern das vermeintlich kleine Bosnien-Herzegowina, hatte sich bei den Gastgebern vor der Partie der Eindruck breit gemacht: Es war an der Zeit, für diesen ersten Sieg, für die Maple Leafs – mit ihrem wirklich ansehnlichen Fußball.Der zum Auftakt zumindest zu einem redlich verdienten 1:1 reichte. Zu einem auch schon historischen Punkt.Kanadas Trainer Jesse Marsch, bekannt unter anderem aus der Bundesliga nach einem Zwischenspiel bei RB Leipzig, war einer der Gründe für diese Hoffnung vor dem WM-Auftakt. Der US-Amerikaner hat in Kanada eine bemerkenswerte sportliche Weiterentwicklung zu verantworten, vom Außenseiterfußball der WM 2022 in Katar ist nicht mehr viel übrig geblieben. Und auch ohne den vorerst weiter verletzten Alphonso Davies vom FC Bayern begann Kanada die Heim-WM zwar verständlicherweise nervös, aber mit einer ersten guten Chance: In der 17. Minute kam Stürmer Jonathan David von Juventus Turin frei aus etwa elf Metern zum Abschluss. Er vergab allerdings die erste Chance auf Euphorie leichtfertig.Was machen opportunistische Traumzerstörer in solchen Situationen? Sie gehen in Führung. Keine vier Minuten nach der kanadischen Großchance flog eine bosnische Ecke in den Strafraum, wurde am ersten Pfosten verlängert und landete bei Jovo Lukic, der aus kurzer Distanz zum 1:0 traf. Ein eher unbekannter Protagonist spielte sich bei Bosnien in den Fokus: Lukic ist Torschützenkönig in der rumänischen ersten Liga und als solcher ein hervorragender Sturmpartner für Stuttgarts Ermedin Demirovic, sowie ein Ersatz für den geschonten Schalker Edin Dzeko und den angeschlagenen Gladbacher Haris Tabakovic.Der für die WM nominierte Edin Dzeko fehlt Bosnien-Herzegowina – nochKanada also sah sich einem Rückstand gegenüber – und lehnte sich vor allem in der zweiten Halbzeit mutig dagegen auf. Marschs Mannschaft spielte den wesentlich aktiveren Fußball als die Elf seines Gegenübers Sergej Barbarez. Allerdings: Der kanadische Sturmlauf blieb vorerst erfolglos, aufgrund eigener Ungenauigkeiten und bosnischer Heldentaten. Einmal klärte in der 53. Minute der einstige Schalker Sead Kolasinac kurz vor der Linie über den Umweg der Latte in höchster Not. Etwas später gelang ein ähnliches Kunststück Nikola Katic per Kopf. Demirovic hätte zwischenzeitlich nach einem Konter das 2:0 erzielen können, scheiterte allerdings im Eins-gegen-Eins mit Kanadas Torhüter Maxime Crepeau.Dann allerdings folgte zumindest der Ausgleich: Cyle Larin kam in der 79. Minute zentral vor dem bosnischen Tor an den Ball, leicht abgefälscht fand sein Schuss den Weg ins Netz. Zu einem gerechten 1:1, das die Gastgebernation einigermaßen zufriedenstellte, ihr den ersten WM-Punkt brachte – und den Beweis, dass Träumereien bei dieser Weltmeisterschaft offensichtlich erlaubt sind. Auch wenn sie nicht immer in Erfüllung gehen: In der finalen Minute der Nachspielzeit verpasste Larin aus kurzer Distanz das 2:1.
Fußball-WM: Zumindest ein Traum der Kanadier erfüllt sich gegen Bosnien
Kanadas Nationalteam kämpft gegen Bosnien nach frühem Rückstand aufopferungsvoll – und belohnt sich in der zweiten Halbzeit mit einem historischen 1:1. Auch Bekannte aus der Bundesliga haben ihren Auftritt.
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