«Wir repräsentieren mehr als nur Fussball»: Der Nationaltrainer Sergej Barbarez verkörpert den Spirit von Bosnien-HerzegowinaDer Jugoslawien-Krieg trennte Barbarez von seiner Familie, dann wurde er ein Star in der deutschen Bundesliga. An der WM will er der Verantwortung gerecht werden, die er gegenüber seiner Heimat verspürt.18.06.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Die Nationalmannschaft ist etwas Persönliches»: Sergej Barbarez, seit 2024 Trainer von Bosnien-Herzegowina.Defodi.de/ImagoSergej Barbarez war noch nie Trainer, bevor der 54-Jährige im April 2024 das bosnische Nationalteam übernahm. Das ist ungewöhnlich. «Die Nationalmannschaft braucht Menschen, die ihr wirklich verbunden sind», sagt Barbarez der NZZ, «es geht um die besondere Energie unseres Nationalteams.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dieser «besonderen Energie» hat Barbarez mit der Auswahl des jungen Balkanstaates im Play-off gegen Italien die WM erreicht. Nur: Was ist «die besondere Energie», von der Barbarez spricht?Sie muss mehr sein als fussballtechnische Aspekte wie «Disziplin, Charakter und die Fähigkeit, im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen», wie Barbarez mit Blick auf die WM und das Spiel gegen die Schweiz sagt. Die «besondere Energie» muss aus anderen Quellen kommen. Woher sie strömt, lässt sich anhand von Barbarez’ Weg in den Profifussball illustrieren.Ohne Sprache, ohne UmfeldBarbarez ist im ehemaligen Jugoslawien in Mostar aufgewachsen. Die mittelalterliche Stadt gilt mit der berühmten Brücke aus dem 16. Jahrhundert als Symbol für den geglückten Austausch zwischen Religionen und Kulturen, zwischen Okzident und Orient. «Mostar erinnert mich an die Unbeschwertheit der Kindheit in einer Zeit, die heute wie aus einer anderen Welt wirkt», sagt Barbarez.Er sei «in einem gesunden Umfeld aufgewachsen, wir waren den ganzen Tag draussen, spielten viele Sportarten». Fussball wurde früh seine grösste Leidenschaft. Mostar sei damals «eine Stadt voller Leben und Energie» gewesen, erinnert sich Barbarez. Bis 1991 der Jugoslawien-Krieg ausbrach.«Als junger Mensch versteht man vielleicht die politischen Vorgänge nicht, aber man spürt die Atmosphäre und die Spannungen. Ich erinnere mich, wie die Gespräche sich veränderten und die Menschen besorgt waren», sagt Barbarez. Der Vater schickte den damals 20-Jährigen nach Hannover zu Onkel Mujo.«Du kannst nicht nach Hause kommen», sagte der Vater nach ein paar Tagen am Telefon. Aus dem kurzen Besuch wurde eine lange Trennung. «Wenn dir ein Elternteil sagt, dass du nicht nach Hause zurückkehren sollst, dann verstehst du, wie ernst die Situation ist», sagt Barbarez. «Ich war jung, wollte bei meiner Familie sein, aber man konnte nichts tun, ausser auf Nachrichten zu warten. Das sind Dinge, die man nie vergisst.»Die Turnschuhe packte er in eine PlastiktüteUm ihn auf andere Gedanken zu bringen, schickte ihn der Onkel ins Probetraining zu den Amateuren von Hannover 96. Barbarez erschien nur mit Turnschuhen in einer Plastiktüte. Nach einer Woche sagte der Trainer: «Du kannst bleiben.»Der Trainer hiess Frank Pagelsdorf. «Er war einer der Ersten, die etwas in mir gesehen und mir eine Chance gegeben haben. Für einen jungen Spieler, der aus einem völlig anderen Umfeld kommt, ohne Sprache und ohne vertraute Menschen, bedeutet Vertrauen alles. Er hat mich nicht nur als Fussballer gesehen, sondern auch als Menschen, der Unterstützung braucht.»Pagelsdorf war nach der Zeit in Hannover auch Barbarez’ Trainer bei Union Berlin, Hansa Rostock und im Hamburger SV, wo der Stürmer 2001 mit 22 Treffern Torschützenkönig der Bundesliga wurde und sich bis zum Rücktritt 2008 mit insgesamt 164 Toren als schlauer, temperamentvoller Stürmer in die Geschichtsbücher geschrieben hat.Wenige Wochen nach dem Dayton-Abkommen 1995 spielte erstmals eine Auswahl des neuen Staates Bosnien-Herzegowina, 1998 gab Barbarez sein Debüt als Nationalspieler beim 0:5 gegen das grosse Argentinien in Córdoba. «Die Niederlage war nicht angenehm, aber für uns war allein die Tatsache, dass Bosnien-Herzegowina eine Nationalmannschaft hatte und gegen einen Weltmeister spielte, von enormer Bedeutung», sagt Barbarez, «wir hatten das Gefühl, viel mehr als nur Fussball zu repräsentieren.»Hoch soll er leben: Sergej Barbarez wird nach der WM-Qualifikation gegen Italien von seinen Spielern gefeiert.ImagoDieses Gefühl hat ihn, der in Hamburg eigentlich ein zufriedenes Leben als Fussballpensionär führte, wieder zur Nationalmannschaft gedrängt, als die Auswahl eine schlechte Phase durchlebte und eine Verjüngung nötig wurde.Barbarez sagt: «Die Nationalmannschaft ist etwas Persönliches, etwas, das man in sich trägt. Wenn man für Bosnien-Herzegowina spielt, spürt man Verantwortung gegenüber dem ganzen Land – das ist schwer, Menschen zu erklären, die so etwas nie erlebt haben.»Viele Beziehungen zur SchweizBarbarez sagt, er habe grossen Respekt für die Strukturen und die Aufbauarbeit des Fussballs in der Schweiz. Denn profitiert die Schweiz seit Jahren vom Nachwuchs eingewanderter Eltern mit oft ähnlichen Biografien wie derjenigen von Barbarez, ist es im Team von Bosnien-Herzegowina eher umgekehrt.Viele Spieler sind als Secondos aufgewachsen und wurden in Nordeuropa Profis. Das gilt etwa für Haris Tabakovic aus Grenchen, er wurde im YB-Nachwuchs ausgebildet, im WM-Play-off gegen Italien schoss er den Siegtreffer. Oder den ehemaligen GC-Junior Izet Hajrovic, der einst für Bosnien spielte.Senad Lulic, aufgewachsen in Chur, nahm mit Bosnien 2014 an der WM in Brasilien teil. Sead Kolasinac und Edin Dzeko sind aus jener Mannschaft noch immer dabei. Kolasinac ist in Deutschland geboren. Der 40-jährige Dzeko kickte als Kind zwischen den Schutthaufen im zerschossenen Sarajevo.Passend zum Artikel
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