PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungSelenskyj-EhrungDas Bandera-Problem der UkraineStand: 07:25 UhrLesedauer: 6 MinutenVeteran mit Porträt von Stepan Bandera (1909–1959) in KiewQuelle: picture alliance/AP Photo/EFREM LUKATSKYWolodymyr Selenskyj ehrt Soldaten im Namen des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. Damit setzt der ukrainische Staatspräsident ein verheerendes Zeichen missratener Geschichtspolitik.Kleine Ursache, große Wirkung. Der ukrainische Staatspräsident hat getan, was zu seinen Verpflichtungen als oberster Kriegsherr gehört: Er hat eine Spezialeinheit der ukrainischen Armee für ihren Einsatz im Kampf gegen die russischen Aggressoren ausgezeichnet. Am 26. Mai verlieh er der Einheit auf deren Bitten hin den Ehrentitel „Helden der UPA“. Damit setzte Selenskyj, in guter Absicht, ein verheerendes Zeichen missratener Geschichtspolitik. Und löste einen gravierenden Konflikt mit dem benachbarten Polen und insbesondere mit dessen Staatspräsidenten Karol Nawrocki aus.UPA ist die Abkürzung für die „Ukrainische Aufständige Armee“. Sie wurde 1942 als militärischer Flügel der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) gegründet. Die OUN kämpfte seit den 1920er-Jahren für die staatliche Unabhängigkeit eines ukrainischen Staates. Ihr Gegner war die Sowjetunion, die dem gerade erst gegründeten ukrainischen Staat ein Ende machte und sich dessen Territorium einverleibte.Als der Zweite Weltkrieg begann und Hitler die Eroberung des Ostens in Angriff genommen hatte, verbündete sich die UPA zeitweilig mit der Wehrmacht. Und zwar in der irrigen Hoffnung, die Deutschen – von der UPA als Befreier wahrgenommen – würden der Ukraine zur Selbstständigkeit verhelfen, gewissermaßen eine Hilfe von Nationalisten für Nationalisten. Kämpfer der UPA beteiligten sich an der Ermordung von Juden. Im Westen der heutigen Ukraine, in dem vor dem Krieg zu Polen gehörenden Wolhynien, war die UPA für die Ermordung von etwa 100.000 polnischen Zivilisten verantwortlich. Und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kämpfte die UPA bis Anfang der 1950er-Jahre aus dem Untergrund heraus gegen die Sowjetunion.Lesen Sie auchDiese Geschichte ist ein Grund für das bis heute belastete Verhältnis Polens zur Ukraine. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Ukraine Anfang der 1990er-Jahre unabhängig. Und die geschichtspolitischen Schleusen öffneten sich augenblicklich. Unter sowjetischem Regiment hatte jedes Bestreben nach nationaler Unabhängigkeit als faschistisch gegolten. Nun fiel ein anderes Licht auf die jüngere Geschichte. Die UPA galt nun vielen als Vorkämpfer der ukrainischen Souveränität. Man betonte ihren Widerstand gegen die sowjetische Zwangsherrschaft – und unterschlug systematisch den Mord an Juden und Polen.Seit den frühen 1990er-Jahren wurden im Westen der Ukraine zahlreiche Denkmäler errichtet, die an Stepan Bandera, den Anführer der OUN, erinnerten. Die Bandera-Ehrung war kein staatliches, sondern ein zivilgesellschaftliches Projekt. Der Staat duldete sie aber ausdrücklich. Von außen betrachtet war die Botschaft klar: Im Kampf um die nationale Unabhängigkeit darf man nicht zimperlich sein. Und: Nationalisten haben zur Not das Recht, anderen Nationalisten – etwa polnischen – den Garaus zu machen.Lesen Sie auchWeil der Nationalismus (im Verbund mit dem Katholizismus) eine wesentliche Kraft war, die Idee von der polnischen Nation über die Ostblockzeit hinweg zu bewahren, hat er bis heute in Polen einen guten Ruf und starken Rückhalt. Die radikalen Nationalisten Polens haben bis heute nicht verwunden, dass Wolhynien nie wieder Teil Polens wurde und heute Teil der Ukraine ist. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als erstaunlich, wie sich das offizielle Polen und die polnische Gesellschaft zum russischen Angriffskrieg auf den ungeliebten Nachbarn Ukraine positioniert haben. Gerade auch in den Regierungszeiten der rechtskonservativen PiS hat Polen wie kaum ein anderer Staat zur Ukraine gestanden. Polen hat die Ukraine massiv unterstützt, die eigene Infrastruktur zur Verfügung gestellt und fast eine Million Ukrainer bei sich aufgenommen.Das polnische Wolhynien-TraumaDas wird gemeinhin damit erklärt, dass man in Polen – wie in der Ukraine – ein genaues und mit viel historischer Erfahrung fundiertes kollektives Wissen davon hat, was von Russland zu erwarten ist: nie etwas Gutes. Wenn man aber bedenkt, wie tief gerade in Osteuropa lange tabuisierte Wunden reichen, dann ist es schon erstaunlich und bewundernswert, dass die große Mehrheit der Polen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ihr Wolhynien-Trauma entschlossen zurückstellte und die Ukraine unterstützte. Es schien, als sei man in Polen zu der Einsicht gekommen, dass Russlands Krieg ein Angriff auf alle Errungenschaften der postsowjetischen Ära ist. Und dass der richtige Zeitpunkt gekommen sein könnte, den alten Streit um ethnische Zugehörigkeit zu begraben und die Gegenwart siegen zu lassen. Viele in Polen sprangen über ihren Schatten.Wolodymyr Selenskyj hat dieser überfälligen Normalisierung der Beziehungen mit seiner zumindest unbedachten Ehrung im Namen der UPA einen schweren Schlag versetzt. Er hat nicht bedacht, wie Polens Präsident Karol Nawrocki darauf reagieren würde. Nawrocki kündigte an, er werde womöglich Selenskyj den Orden des Weißen Adlers aberkennen, die höchste Auszeichnung der Republik Polen. Nawrocki droht damit, weil er gerne provoziert und Konflikte sät. Er hat etwas von dem Zauberlehrling, dem der Meister nicht mehr Herr wird.Nawrocki ist deutlich radikaler als die PiS-Partei, die in zwei Legislaturperioden Rechtsstaat und Medien beschnitten hat. Dennoch wurde der parteilose Nawrocki Präsidentschaftskandidat der PiS. Denn diese fürchtete, andernfalls im konservativsten Teil ihrer Wählerschaft Verluste zu erleiden, sie wollte sich nicht rechts überholen lassen. Nawrocki, seit August vergangenen Jahres im Amt, zeigte aber schnell, dass er sich an die Parteiräson der PiS nicht gebunden fühlt. Er radikalisierte den Anti-EU-Kurs. Und vor allem begann er, die Hilfe für die Ukraine infrage zu stellen.Lesen Sie auchSo beginnen sich die politischen Gewichte in Polen zu verschieben. Bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr könnte dem liberal-konservativen Parteienbündnis von Ministerpräsident Donald Tusk entweder eine unter Nawrockis Druck noch weiter radikalisierte PiS gegenüberstehen. Oder eine neue nationalkonservative Partei, die noch entschiedener als die PiS bereit ist, europäische Übereinkünfte aufzukündigen.Selenskyj täte gut daran, die Ehrung der Spezialeinheit der ukrainischen Armee schnell zurückzunehmen und einen besseren Titel zu finden. Das würde in der Ukraine sicher zu Konflikten führen. Diese sind aber früher oder später unvermeidlich. In den Kampf gegen Russland fließen auch trübe ethnisch-nationalistische Motive ein. Solange die Ukraine noch Krieg gegen Russland führen muss, ist das sicher kein idealer Zeitpunkt, um sich über Schuld und geschichtspolitische Fragen zu verständigen. In Deutschland geschah das ja auch erst mit Nachdruck, als die Tätergeneration die Bühnen des aktiven Lebens schon verlassen hatte.Aber im Gegensatz zu Nazi-Deutschland führt die Ukraine – überraschend erfolgreich – einen ganz und gar legitimen Abwehrkampf gegen ein brutalisiertes Regime, das sich keinen Regeln verpflichtet fühlt. Es klingt pathetisch, aber es stimmt: Die Ukraine verteidigt am östlichen Rand Europas die westliche Zivilisation. Es tut ihrer Mission nicht gut, wenn sie die Glorifizierung dunkler Kapitel ihrer Geschichte um der nationalen Einheit willen weiterhin duldet.Die eiserne Hand der SowjetunionAdolf Hitler hat unter Duldung Großbritanniens und Frankreichs 1938/39 die Tschechoslowakei zerschlagen, 1939 Polen überfallen und 1941 den Vernichtungsfeldzug gegen den Osten begonnen. Die Sowjetunion hat nach 1945 ihre eiserne Hand auf den Osten des europäischen Kontinents gelegt und die Geschichte der okkupierten Länder eingefroren.Es darf niemanden wundern, dass auch Jahrzehnte nach dem Zerschmelzen des sowjetischen Eises in den östlichen Staaten Europas die Furien der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts noch immer nicht gebannt sind. Ein halbes Jahrhundert Verbot der freien Rede wirkt nach. Das sollte man in der EU, die noch immer ganz vom überraschenden westeuropäisch-karolingischen Erfolg der europäischen Einigung geprägt ist, endlich begreifen, anerkennen und in Rechnung stellen. Und etwas genauer, neugieriger und aktionsbereiter in Richtung Osten blicken.
Selenskyj-Ehrung: Das Bandera-Problem der Ukraine - WELT
Wolodymyr Selenskyj ehrt Soldaten im Namen des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. Damit setzt der ukrainische Staatspräsident ein verheerendes Zeichen missratener Geschichtspolitik.












