PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungPartisanen-EhrungMit dieser Entscheidung entfernt sich die Ukraine von EuropaStand: 07:25 UhrLesedauer: 2 MinutenJacques Schuster, Chefredakteur WELT AM SONNTAGQuelle: Marlene Gawrisch/WELTNicht nur Polen ist zu Recht empört: Wie kann Präsident Selenskyj einer Spezialeinheit seiner Streitkräfte einen Ehrentitel im Namen des ukrainischen Schlächters Stepan Bandera verleihen?Die Ukraine gehört zu Europa. Mehr als das: Sie hat sich eines Vernichtungskrieges der Russen zu erwehren und kämpft für die Freiheit des Kontinents. In einem solchen Krieg ist es schwierig, sich den inneren Problemen zu stellen oder gar länger über die Werte nachzudenken, die für Europa stehen.Dass dies nötig ist, sollte den Ukrainern allerdings klar sein. Europa ist die Gabe, sich selbst infrage zu stellen, schrieb der polnische Philosoph Leszek Kołakowski. In diesem Satz steckt – letztlich – alles drin, was Europa ausmacht. Verständlicherweise findet Kiew kaum Zeit, darüber nachzudenken, was das heißt. Unter anderem beinhaltet dies den kritischen Umgang mit der eigenen Geschichte.Lesen Sie auchIn einer schonungslosen Selbstbefragung müsste Präsident Wolodymyr Selenskyj selbst zu dem Ergebnis kommen, dass er einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte nicht den Ehrentitel der Partisanenarmee unter ihrem berüchtigten Anführer Stepan Bandera verleihen darf. Bandera und seine Soldaten haben während des Zweiten Weltkriegs nicht nur Zehntausende polnische Zivilisten erschossen, sondern den Deutschen auch bei der Ermordung der Juden geholfen. Polen schäumt über Selenskyjs Entscheidung – und das zu Recht.Nicht allein dies zeigt: Kiew ist noch nicht so weit, Vollmitglied der Europäischen Union zu werden. Als assoziiertes Mitglied ohne Stimmrecht – so wie es Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron vorschlagen – mag es sich nach dem Ende des Krieges die Zeit nehmen, nicht nur die Auflagen der EU-Kommission zu erfüllen, sondern auch Europas Werte zu verinnerlichen. Und zwar alle.