Thomas Tuchel soll England endlich wieder zum WM-Titel führen. Dass er statt auf Starspieler auf Teamgeist setzt, irritiert die FussballnationTuchel bestreitet das erste Turnier als Nationaltrainer – vieles macht der Deutsche anders als seine Vorgänger. Am Mittwoch trifft seine Mannschaft auf Kroatien.Sven Haist, Dallas17.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEnglands Nationaltrainer Thomas Tuchel beobachtet das Vorbereitungsspiel gegen Costa Rica in Orlando.Eddie Keogh / GettyZur Vorbereitung auf seine Aufgabe als englischer Nationaltrainer suchte Thomas Tuchel den Rat eines früheren Fussball-Weltmeisters. Der Deutsche wollte wissen, was eine Mannschaft, die im Viertelfinal scheitert, von einem späteren Titelträger unterscheidet. Schliesslich soll er das Mutterland des Fussballs nach sechs Jahrzehnten wieder zum Weltmeister machen – der einzige Triumph stammt noch immer von der Heim-WM 1966.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tuchel berichtet, er habe zur Antwort erhalten, dass die Fähigkeiten der Teams auf diesem Niveau nahezu identisch seien. Entscheidend sei vielmehr, «als echte Bruderschaft zusammenzufinden und füreinander zu sterben».Diese Einschätzung prägte seine Kaderwahl vor seinem ersten Turnier als Nationaltrainer. Zum Auftakt trifft England am Mittwoch in Dallas auf Kroatien. Tuchel nominierte aus seiner Sicht die bestmögliche Mannschaft – und nicht zwingend die 26 talentiertesten Einzelspieler.Trent Alexander-Arnold fehlt, Phil Foden ebensoSo verzichtete er auf zahlreiche Akteure, die in vielen anderen WM-Kadern als gesetzt gelten würden: Trent Alexander-Arnold (Real Madrid), Phil Foden (Manchester City), Cole Palmer (Chelsea FC), Harry Maguire und Luke Sha­w (beide Manchester United). Bei der EM 2024 waren vier dieser fünf Spieler noch im Kader gestanden; Maguire fehlte verletzungsbedingt. Das Quintett hätte es zweifellos in ein fiktives All-Star-Ensemble jener Spitzenspieler geschafft, die die WM vor dem Fernseher verfolgen müssen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenStattdessen erhielten deutlich weniger renommierte Profis wie Djed Spence (Tottenham Hotspur), Jarell Quansah (Bayer Leverkusen) oder der bei Al-Ahli in Saudiarabien unter Vertrag stehende Ivan Toney eine Zusage.Dabei stützte sich Tuchel insbesondere auf die Aufgebote der erfolgreichen Qualifikationspartien in der zweiten Jahreshälfte 2025, in denen die nun nicht berücksichtigten Akteure weitgehend gefehlt hatten – aufgrund von Verletzungen oder Formkrisen.Damals begann sich ein Teamgeist zu entwickeln, den Tuchel durch personelle Veränderungen nicht gefährden wollte. Zudem wollte er eine Situation wie unter manchen Vorgängern ve­rmeiden. Diese versuchten teilweise, das auf der Insel stets nach grossen Persönlichkeiten verlangende Fussballpublikum zufriedenzustellen.Als Warnung diente die EM 2004, als England mit David Beckham, Paul Scholes, Steven Gerrard und Frank Lampard über vier aussergewöhnliche Mittelfeldspieler verfügte, die Coach Sven-Göran Eriksson allesamt in die Startelf integrieren wollte. Dafür modifizierte er das System. Doch dann war im Viertelfinal gegen Portugal Schluss.Als hätte er die Three Lions gezähmtSolche taktischen Anpassungen hat Tuchel bislang abgelehnt. Das führt zu einem Überangebot auf gewissen Positionen wie jener des Spielmachers. Dort konkurrieren gleich drei international prominente Profis: Jude Bellingham (Real Madrid), Morgan Rogers (Aston Villa) und Eberechi Eze (Arsenal FC).Um Rangeleien und Eitelkeiten vorzubeugen, die das Team schwächen könnten, legt Tuchel ähnlich grossen Wert auf menschliche Eigenschaften wie sportliche Fähigkeiten. Immer wieder betonte der Trainer, dass alle nominierten Profis bereit seien, «uneigennützig zu handeln», wofür es «Beweise» gebe. Es wirkt, als habe Tuchel seine Three Lions vor der WM gezähmt.Englands Fussballöffentlichkeit reagierte nach dem ersten Schock über die Kaderbekanntgabe mit der gewohnten Polemik auf die Entscheidungen. Tuchel wurde von stimmungsmachenden Medienportalen und in Internetforen zum sogenannten «meistgehassten Mann» Englands erklärt – was gewissermassen bereits vor der Nominierung feststand, angesichts der Vielzahl englischer Topspieler, die er zwangsläufig nicht alle berücksichtigen konnte.Eine sachliche Betrachtung lässt seine Entscheide indes bei einigen Spielern nachvollziehbarer erscheinen. Sowohl Foden, Palmer als auch Alexander-Arnold haben für ihre Verhältnisse in den Klubs allenfalls durchwachsene Saisons erlebt. Palmer und Alexander-Arnold wurden kontinuierlich von Verletzungen zurückgeworfen, Foden verlor in der Rückrunde seinen Stammplatz bei Manchester City. Auch im Nationalteam konnten sie bei ihren sporadischen Einsätzen unter Tuchel kaum überzeugen.Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel instruiert seine Spieler während einer Trainingseinheit in Palm Beach Gardens vor dem WM-Start.Rebecca Blackwell / APShaws Alternativen sind unerfahrenBessere Argumente hatten Maguire und Shaw, die mit ihren Leistungen wesentlich zur Qualifikation von Manchester United für die Champions League beitrugen. Der Innenverteidiger Maguire war in der vergangenen Hinrunde angeschlagen und hat noch nicht seine Bestform erreicht. Deshalb wurde er in der Nationalmannschaft vom ebenso durchsetzungsstarken Dan Burn (Newcastle United) verdrängt.Der Linksverteidiger, der erstmals seit Jahren verletzungsfrei durch die Saison kam und in sämtlichen Ligaspielen für United auflief, gehört zu den Spezialisten in seiner Rolle. Im Nationalteam zählte er ebenfalls lange zum Inventar; die zwei verlorenen EM-Finals 2021 und 2024 absolvierte er über die volle Distanz. Trotzdem wurde er von Tuchel nicht berücksichtigt.Im Gegensatz zu den Sturmpositionen, auf denen England selbst ohne Palmer und Foden auf Ausnahmekönner wie Marcus Rashford (FC Barcelona), Bukayo Saka (Arsenal) oder den nun zu Barcelona gewechselten Anthony Gordon zurückgreifen kann, sind die Alternativen für Shaw auf Turnierebene unerfahren.Einzig Maguire übt KritikDer Umgang der Spieler mit ihren Nichtberücksichtigungen fiel unterschiedlich aus. Viele verzichteten auf eine Stellungnahme, manche kündigten an, weiter an sich arbeiten zu wollen. Kritik übte einzig Maguire, zeigte sich in einem Statement «schockiert und zutiefst getroffen». Für ihn war es wohl die letzte Chance auf einen Titel mit der Nationalmannschaft gewesen; bei der EM 2028 im eigenen Land wäre er 35 Jahre alt. Sein Beitrag erhielt über eine Million Likes.Bislang scheinen die Überlegungen von Thomas Tuchel aufzugehen. Sowohl das Vorbereitungscamp in Miami als auch der Umzug ins WM-Quartier nach Kansas City am vergangenen Samstag verlief harmonisch.Tuchels befragter Weltmeister fügte einst an, der damals erlebte Teamgeist sei so ausgeprägt gewesen, dass es «kein Problem» dargestellt hätte, selbst zwei Monate gemeinsam zu verbringen. So lange wären die Engländer bei dieser WM am Ende zusammen, sollten sie den Titel gewinnen.Passend zum Artikel