Viele Fans der englischen Nationalmannschaft wünschten sich zum Amtsantritt von Thomas Tuchel als Nationaltrainer vor allem eines: mehr Offensive. Tuchels Vorgänger Gareth Southgate war mit den „Three Lions“ so erfolgreich wie seit Jahrzehnten nicht und erreichte zwei EM-Finals nacheinander, aber sah sich wiederkehrend dem Vorwurf des Langweiler-Fußballs ausgesetzt.Gerade bei den großen Turnieren wollte Southgate anscheinend jegliches Risiko vermeiden und erzielte gute Ergebnisse hauptsächlich mit minimalistischen Siegen. Dass er damit das herausragende individuelle Potential des mittlerweile beneidenswert starken Kaders der Engländer nicht ansatzweise ausschöpfte, nahm Southgate in Kauf.Genau darin schien die Aufgabe für Tuchel zu liegen: mehr Offensive wagen. Das versucht der erste deutsche Nationalcoach der Engländer bedingt, aber auch er hält eine gute Absicherung eigener Angriffe für wichtig. Die sogenannte Restverteidigung, also die Anzahl und Aufteilung der Spieler, die bei eigenen Angriffen hinter dem Ball bleiben, steht weiterhin im Zentrum des englischen Spiels – nur nicht mehr ganz so extrem. England rückt zwar nicht mehr übervorsichtig auf, aber zumindest noch immer dosiert.Verändert hat Tuchel vor allem die Qualität des englischen Ballbesitzspiels. Die Positionen in der bevorzugten 2-3-5-Formation bei Ballbesitz können auf verschiedenen Wegen besetzt werden. Auf die Halbpositionen der zweiten Aufbaulinie, also im Spielaufbau von hinten heraus die im Mittelfeld zwischen Außenbahn und Zentrum, können sowohl durch Außenverteidiger als auch durch Mittelfeldspieler eingenommen werden. Wenn beispielsweise Linksverteidiger Nico O’Reilly diese Aufgabe übernimmt, schiebt er von halblinks sogar mitunter bis in die letzte Linie vor.Aus dem Mittelfeld gehen Jude Bellingham und auch Declan Rice häufig mit in die Spitze, attackieren vor allem die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrkette im Rücken des Außenverteidigers. Auf Außen variieren die Engländer ihre Laufwege auffällig gut, etwa bei Doppelpässen oder wenn sie Dreiecke zum Kombinationsspiel bilden.Auf höchstem Niveau ist das englische Ballbesitzspiel trotzdem (noch) nicht. Schwierigkeiten hatte die Mannschaft bei der WM bisher insbesondere gegen tief stehende Gegner, primär weil das Timing bei vielen Aktionen nicht stimmt. Die Flügelstürmer kommen häufig einige Meter entgegen, um Pässe in den Fuß zu erhalten und dann die gegnerische Abwehr anzudribbeln. Doch verglichen etwas mit Michael Olise, der bei Frankreich Dribbler und Spielmacher ist, entwickeln die schnellen „Tempospieler“ Noni Madueke und Marcus Rashford weniger kreative Momente.Zudem schätzen sie Situationen gegen zwei oder drei Gegenspieler zu häufig falsch ein. In diesen Momenten geht es darum, zu entscheiden, wann man dribbeln und wann wieder zurückspielen sollte. Gerade an dieser Stelle lässt England bisher Potential liegen, weil die Flügelstürmer Pässe spielen, wenn sie eigentlich weiter dribbeln könnten.Obendrein landet der Ball gegen tief stehende Gegner ausgerechnet auf diesen Positionen sehr häufig, weil England in den zentralen Räumen noch kaum Überzahl bilden kann. Diese Schwierigkeiten gegen tief stehende Gegner erklären auch die bisherigen Unterschiede in den Ergebnissen im Verlauf der WM. Nach dem furiosen 4:2-Sieg gegen den nominell stärksten Vorrundengegner Kroatien mühte sich die englische Auswahl beim 0:0 gegen Ghana und beim späten 2:0 gegen Panama zum Gruppensieg.Im Sechzehntelfinale gegen die Demokratische Republik Kongo (2:1) verbuchte England in der ersten halben Stunde keinen einzigen Torschuss und lief lange einem Rückstand hinterher. Der besonders schwungvolle Auftritt zum Turnierstart hing entscheidend mit der Spielweise eines Gegners zusammen, der nicht nur tief verteidigte, sondern über viele Phasen höher anlaufen wollte.Das kroatische Pressing konnten die Engländer gut aushebeln, indem ihre Zentrumsspieler den Verteidigern weit entgegenkamen. Vor allem Harry Kane nahm dabei eine Schlüsselrolle ein – ähnlich, wie er sie gegen Angriffspressing des Gegners auch beim FC Bayern ausfüllt. Im Spielaufbau ließ sich Kane mitunter bis zum eigenen Sechzehner als zusätzliche Anspielstation zurückfallen, um Überzahl zu schaffen oder sich durch seine geschickten Auftaktbewegungen im Eins-gegen-eins aus dem Druck zu winden.Wo sich England schwertutSobald den Engländern dies gelungen war, konnten sie die Angriffe zügig fortsetzen und dafür das Tempo und die Athletik ihrer starken Individualisten auf den Flügeln einsetzen. Genau solche Möglichkeiten gab es in den drei nächsten Begegnungen jedoch deutlich seltener, weil die Gegner sich auf ein tiefes Verteidigen beschränkten. Und schon tat sich England schwerer.Der Offensivdrang ist etwas ausgeprägter als bei den vorigen Turnieren, und die Präzision im Ballbesitzspiel etwas höher, aber beides auch nicht so sehr, dass die Partien viel weniger zäh verliefen. Nun könnte es allerdings sein, dass sich England im Spiel gegen tief stehende Gegner womöglich gar nicht steigern muss, weil fortan in der K.-o.-Runde mehr Gegner wie Kroatien warten.Dass Underdogs ganz auf die Karte „tiefer Block“ setzen, wird schließlich im Turnierverlauf immer unwahrscheinlicher. In den Duellen mit den großen Namen oder ambitionierten Geheimfavoriten müsste England sich wohler fühlen. Der einzige Haken daran: Das wissen auch die Gegner.Es ist deshalb möglich, dass sich selbst eine Mannschaft wie der spielstarke Ko-Gastgeber Mexiko, auf den England im Achtelfinale in der Nacht zu Montag trifft (2.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei Magenta TV), über weite Strecken in die Defensive zurückzieht, weil sie erkannt haben, dass sich Tuchels „Three Lions“ dagegen schwertaten. Wie erfolgreich Tuchel und seine Auswahl bei dieser WM am Ende sein können, wird also auch entscheidend davon abhängen, wie viel die Gegner hoch anlaufen und wie viel sie mauern.