Herr Hohenwarter, warum soll im Panzerbau gelingen, was beim Kampfflugzeugbau gerade misslang, nämlich Deutsche und Franzosen zusammenzubringen?Weil die Ausgangslage eine andere ist. KNDS ist bereits ein deutsch-französischer Konzern, und wir haben ein intrinsisches Interesse daran, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Wir unterbreiten konkrete Angebote für Kooperationen zwischen den Ländern.Welche?Nehmen Sie die Weiterentwicklung von Kampfpanzern, eine unserer Kernkompetenzen. Vor der Indienststellung des nach heutiger Planung für 2040 vorgesehenen Kampfpanzersystems MGCS haben wir gerade auf der Eurosatory-Messe bei Paris eine mögliche Überbrückungslösung für Frankreich mit dem Capint vorgestellt. Diese Lösung bringt Technik aus beiden Ländern zusammen: Der untere Teil dieses Kampfpanzerkonzepts basiert auf dem Leopard 2 von KNDS Deutschland, der Turm kommt auf Wunsch des französischen Militärs von KNDS Frankreich. So schaffen wir Synergien über den Rhein, die Beschaffung wird schneller, und wir erhöhen die Interoperabilität der Systeme. Ähnlich verhält es sich bei unserem neuen Artilleriesystem langer Reichweite Loras.Es sind die allerersten deutsch-französischen Produkte, die es wohlgemerkt elf Jahre nach der Fusion von Krauss-Maffei Wegmann und Nexter zu KNDS gibt.Ja, aber es gibt auch etliche Beispiele, wo wir schon seit Längerem sehr eng zusammenarbeiten und voneinander lernen. Beim Produktionshochlauf etwa haben wir von unseren französischen Kollegen gelernt, wie wir auf höhere Stückzahlen kommen. Sie haben aufgrund der Auftragslage schon früher auf eine Flussfertigung umgestellt. Auch beim Thema Automatisierung sind unsere französischen Kollegen weiter. Wenn Sie heute in ein Werk von KNDS Frankreich gehen, sehen Sie, wie Roboter Aluminiumzellen schweißen. Zudem können wir als paneuropäischer Konzern unseren Kunden ein breites Portfolio und somit maßgeschneiderte Lösungen anbieten: Litauen oder Kroatien etwa haben sich für deutsche Leopard 2 und französische Caesar-Haubitzen entschieden. Sprich: Bei uns ist für jeden etwas dabei.Florian Hohenwarter im Gespräch: „Rechnen damit, dass sich die Belegschaft von KNDS Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts verdoppelt.“Simone PerolariKNDS sitzt bei einem Jahresumsatz von 4,4 Milliarden Euro auf Rekordaufträgen im Wert von 33,1 Milliarden Euro. Wie gelingt der Produktionshochlauf?Zum einen, indem wir organisch wachsen. Um Ihnen die Dimension zu verdeutlichen: Wir werden mittelfristig viermal so viele Boxer und Artillerie, dreimal so viele Leoparden und doppelt so viele Pumas herstellen. Daher schauen wir uns an, in welchen Bereichen wir neue Mitarbeiter brauchen. Erfreulicherweise ist das Interesse an unserer Industrie heute viel größer als früher. Vor vier Jahren hatten wir 6000 Bewerbungen im Jahr, vergangenes Jahr waren es 60.000. Aber das organische Wachstum, selbst bei guten Bewerberzahlen, wird nicht reichen, um den Hochlauf zu bewältigen. Daher sind Partnerschaften mit fähigen Partnern wie dem Autozulieferer Dräxlmaier so wichtig. Sie unterstützen uns bei der neuen Fertigungslinie für den Boxer. Doch selbst mit neuen Mitarbeitern und Partnern allein ist es nicht getan.Weil?Weil Sie sich auch überlegen müssen, wie Sie Industriezweige transformieren, also bestehende Ökosysteme nutzbar machen. Ein Beispiel ist Görlitz, wo wir vergangenes Jahr ein Bahnwerk von Alstom übernommen haben. Wir haben dort sehr fähige Mitarbeiter übernommen, die gut in unser Profil passen. In Görlitz wurde im alten Set-up in großen Hallen mit schweren Lasten ähnlich produziert – sehr reglementiert, mit größeren Stückzahlen und sehr auf den Kunden zugeschnitten. Das Werk transformieren wir jetzt zu einem wehrtechnischen Standort. Zukünftig wird er für Boxer und Leoparden Rohbauten liefern, also Schweißkonstruktionen.Es heißt, Gleiches planen Sie nun mit einem Mercedes-Werk in Ludwigsfelde.Ich möchte nicht spekulieren. Nur so viel: Wir sprechen mit Unternehmen und schauen uns mögliche Standorte an. Es sind aber noch keine finalen Entscheidungen getroffen.Wie viele neue Standorte benötigen Sie noch?In Deutschland werden wir nach jetziger Planung noch zwei zusätzliche Produktionsstätten aufbauen. Ein Standort wird sich der ganzen Produktionskette vom Rohbau bis zum fertigen Fahrzeug widmen, in dem Fall mit dem Schwerpunkt Radfahrzeuge, also Boxer. Der zweite Standort wird schwerpunktmäßig noch mal ein Schweißstandort sein, ähnlich wie Görlitz.KNDS-Deutschlandchef: „Primäres Ziel, Menschenleben so wenig wie möglich Gefahrensituationen auszusetzen“Simone PerolariWie viele Stellen wollen Sie dadurch in Deutschland schaffen?Wir rechnen damit, dass sich die Belegschaft von KNDS Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts verdoppelt, also 4000 bis 5000 Mitarbeiter dazukommen. Diese Entwicklung ist im wehrtechnischen Bereich groß. Zumal wir mal ausgerechnet haben, dass durch ungefähr 500 neue Arbeitsplätze bei uns noch einmal dreimal so viele bei Zulieferern und in anderen Branchen entstehen. In Görlitz hat das einen riesengroßen Einfluss auf die ganze Region. Ohne die Übernahme wäre das Werk geschlossen worden. Aber selbst wenn wir Arbeitsplätze in Deutschland über die Rüstung halten können, sind es natürlich andere Größenordnungen, als man sie aus anderen Industriezweigen wie etwa der Automobilbranche kennt.KNDS produziert Panzer, im Ukrainekrieg sind aber vor allem Drohnen gefragt. Braucht es Ihre Produkte überhaupt noch?Ja, es braucht sie, und ich wehre mich gegen die Behauptung, hierbei handele es sich um alte Technik. Wir modernisieren unsere Systeme ständig. Dabei nutzen wir Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg. Dort zeigt sich auch: Kampfpanzer, Artillerie und geschützte Radfahrzeuge haben eine unverändert hohe Relevanz auf dem Gefechtsfeld. Am wirkfähigsten sind militärische Systeme, wenn sie vernetzt sind und im Verbund operieren. Das war schon immer so. Früher gab es zunächst die Infanterie, dann kamen Panzer hinzu, später gepanzerte Fahrzeuge, Flugzeuge, die Flugabwehr, dann Raketen sowie Marschflugkörper und jetzt eben Drohnen.Das Gefechtsfeld verändert sich rasant weiter. Wie reagiert KNDS darauf?Schon heute haben wir viele Optionen für die Drohnenabwehr, auf dem Fahrzeug selbst oder auf Begleitfahrzeugen. Und die Mischung aus bemannten Kampfpanzern und verschiedenen autonomen Fähigkeiten in der Luft wie am Boden ist auch die Idee bei MGCS. Natürlich ist das primäre Ziel, Menschenleben so wenig wie möglich Gefahrensituationen auszusetzen. Deshalb wollen wir beim Kampfpanzer der nächsten Generation die Besatzung auch von vier auf drei Soldaten reduzieren. Allerdings, so glaube ich, werden die Fähigkeiten des Menschen in militärischen Fahrzeugen auf lange Sicht weiter unerlässlich sein.