KNDS profitiert wie kein anderer Konzern vom Rüstungsboom. Jetzt will der deutsche Staat mitbestimmenDie deutsche Regierung beteiligt sich am Panzerbauer – um die Kontrolle über die eigene Sicherheit nicht an Frankreich zu verlieren. Die beiden Länder haben unterschiedliche Vorstellungen, wie moderne Panzer aussehen sollen.Eine Fabrik des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS in München.Leonhard Simon / GettyDie Auftragsbücher von KNDS sind so voll wie nie. Nach eigenen Angaben lag der Auftragsbestand des deutsch-französischen Rüstungskonzerns zuletzt bei mehr als 23 Milliarden Euro. Das ist doppelt so viel wie noch vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine und ein stärkeres Wachstum als bei fast allen anderen Konkurrenten. Ob Kampfpanzer, Artillerie, Radpanzer, Brückenlegesysteme, Munition oder die Digitalisierung bestehender Flotten – viele europäische Armeen reissen sich um die Produkte des Konzerns.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die Sicherheit eines ganzen Kontinents wird KNDS damit immer wichtiger. So wichtig, dass sich die deutsche Regierung jetzt Anteile am Konzern sichert, um die Kontrolle nicht an die Franzosen zu verlieren.Machtverhältnis drohte zu kippenDer Rüstungskonzern KNDS entstand 2015 durch eine Fusion des französischen Staatskonzerns Nexter mit dem deutschen Panzerbauer Krauss-Maffei Wegmann, einem privaten Unternehmen im Besitz der Familien Bode und Braunbehrens. Der fusionierte Betrieb folgte dieser staatlich-privaten Besitzstruktur: Die eine Hälfte der Anteile an KNDS hält der französische Staat, die andere die deutschen Besitzer. Den Hauptsitz hat das Unternehmen in Amsterdam.Doch das eingespielte Machtverhältnis im Konzern drohte zu kippen.Die deutschen Besitzerfamilien wollen ihre Anteile nämlich verkaufen. So kündigte die Firma KNDS Ende des vergangenen Jahres ihre Pläne für einen Börsengang an, der laut Medienberichten noch im Juni erfolgen soll. Dieser dürfte den Eigentümern viel Geld einbringen: Der Gesamtwert des Unternehmens wird auf 18 bis 20 Milliarden Euro geschätzt, angetrieben von der starken Nachfrage der letzten Jahre.Viele deutsche Sicherheitspolitiker sahen in dem Börsengang jedoch ein Risiko. Verstreut sich der private Besitz von KNDS, könnte die französische Regierung plötzlich das alleinige Sagen im Konzern haben und den Panzerbau dann gezielt auf die Anforderungen der eigenen Armee ausrichten.Für die deutsche Regierung drängte daher die Zeit. Sie wollte noch vor dem Börsengang bei KNDS einsteigen, um so den Einfluss des französischen Staates zu kontern. Dabei soll es regierungsintern jedoch unterschiedliche Haltungen gegeben haben: So habe Verteidigungsminister Boris Pistorius auf eine staatliche Beteiligung Deutschlands im gleichen Umfang wie bei Frankreich gepocht. Die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hingegen plädierte für einen geringeren Anteil. Für sie sollte der Börsenanteil möglichst hoch sein, da private Anleger den Innovationsdruck auf einen Rüstungskonzern erhöhen können.Herausgekommen ist jetzt eine Kompromisslösung: Deutschland startet mit demselben Anteil wie Frankreich, verkauft bald aber wieder Teile davon – mit dem Ziel, dass die Franzosen dasselbe tun.Hoffnung auf staatlichen RückzugDie französische Regierung plant, mit dem Börsengang ihre Anteile von 50 auf 40 Prozent zu reduzieren. Die deutsche Regierung will erst eine gleich hohe Beteiligung erwerben, die restlichen 20 Prozent der Anteile sollen an der Börse an private Anleger gehen. Die Kosten für die Beteiligung der deutschen Regierung sollen dem Wert beim Börsenstart entsprechen.Innert zwei bis drei Jahren will die deutsche Regierung dann ihre Anteile an KNDS auf 30 Prozent reduzieren. Nach niederländischem Aktienrecht räumt ihr dieser Anteil ebenfalls Kontrollrechte ein. Im Idealfall sollen aus deutscher Sicht aber auch die Franzosen ihren Staatsanteil perspektivisch senken – ähnlich, wie es die beiden Länder in den 2010er Jahren beim Airbus-Konzern vereinbarten. Bis jetzt gibt es aber keine verbindlichen Zusagen der Franzosen.Eine kleinere Staatsbeteiligung entspricht auch den Wünschen der Unternehmensleitung. «Ziel muss sein, über Zeit die Staatsanteile deutlich abzuschmelzen», sagte Tom Enders, Vorsitzender des Verwaltungsrats von KNDS, der Nachrichtenagentur Reuters. Am Ende sollten Deutschland und Frankreich zusammen weniger als 50 Prozent halten. Interessen der nationalen Sicherheit sollten stattdessen über Aufträge und spezifische Vereinbarungen gesichert werden, findet der Konzernchef.Grossauftrag von 40 Milliarden Euro steht im RaumUnd diese Interessen sind hoch – nicht nur für Deutschland und Frankreich: Allein der Kampfpanzer Leopard 2A8 steht auf der Liste zahlreicher europäischer Staaten, das derzeitige Auftragsvolumen liegt bei mindestens 10 Milliarden Euro.Ein Kampfpanzer Leopard 2A8 von KNDS.Angelika Warmuth / ReutersDer grösste Coup könnte aber das «Projekt Arminius» der deutschen Bundeswehr werden: Deutschland bereitet laut Industriekreisen und Medienberichten ein milliardenschweres Beschaffungsprogramm für verschiedene Varianten des Transportpanzers Boxer vor, das mehrere tausend Fahrzeuge umfassen könnte. Geschätztes Auftragsvolumen: 40 Milliarden Euro. Produziert wird er von Artec, einem Gemeinschaftsunternehmen von KNDS und Rheinmetall.Erst im April hat KNDS in München-Allach eine neue Fertigungs- und Produktionsstrasse für Boxer-Fahrmodule eröffnet. Kommt es tatsächlich zum Auftrag des deutschen Verteidigungsministeriums, wird das achträdrige, gepanzerte Fahrzeug zu einem der wichtigsten Waffensysteme der Bundeswehr. Denn es gibt den Boxer in verschiedenen Varianten: Vom Sanitätsfahrzeug über den Flugabwehrpanzer bis hin zum Brückenlegepanzer soll das Fahrzeug als Grundmodul dienen.Zukunftsprojekt steht auf dem SpielDer heikelste Prüfstein für die neue deutsch-französische KNDS-Ordnung dürfte das Main Ground Combat System (MGCS) werden. Grundsätzlich soll es in den vierziger Jahren die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc ersetzen.Dabei geht es nicht mehr nur um einen klassischen Kampfpanzer, sondern um ein vernetztes System aus bemannten und unbemannten Geräten, modernen Waffensystemen, Sensoren und digitaler Kommunikation zur Steuerung und Führung. Eine grosse Herausforderung wird es sein, das MGCS so gut wie möglich gegen Drohnenschwärme zu schützen beziehungsweise den Kampfpanzer an das moderne Gefechtsfeld anzupassen.Auf dem Papier ist MGCS das europäische Prestigeprojekt der Landstreitkräfte. In der Praxis ist es seit Jahren ein Testfall dafür, ob Deutschland und Frankreich bei Schlüsseltechnologien wirklich gemeinsam führen können. Die derzeitigen Spannungen beim Future Combat Air System (FCAS), einem Luftkampfsystem, das vor allem von Deutschland und Frankreich entwickelt werden soll, lassen wenig Gutes ahnen.Besonders heikel ist das Verhältnis zwischen KNDS Deutschland, KNDS France, Rheinmetall und Thales. Rheinmetall ist für Deutschland als mit Abstand grösster Rüstungskonzern des Landes industriell unentbehrlich, für Frankreich aber ein zusätzlicher Akteur in einem Projekt, das ursprünglich stärker als KNDS-Kernvorhaben gedacht war.Streitpunkt schon bei der GrösseEin weiterer Streitpunkt sind die militärischen Anforderungen. Deutschland denkt aus der Logik des Leopard-Systems, grosser Nato-Verbände und der Ostflanke. Gemeinsam mit Rheinmetall arbeitet KNDS Deutschland an einem Leopard 3 als deutscher Überbrückungslösung. Frankreich wiederum lässt KNDS France einen französischen Übergangspanzer entwickeln.Und während Deutschland einen Panzer mit einem Kanonenkaliber von 130 Millimetern entwickelt, sollen es beim französischen Modell 140 Millimeter sein. Damit gäbe es in Europa drei Grössen für Panzermunition, denn derzeit sind 120 Millimeter Standard. Ein Konflikt bei der Konstruktion des MGCS dürfte also bei der Frage der Kalibergrösse programmiert sein. Zehn Millimeter entscheiden über Europas Sicherheit.Der deutsche Staatseinstieg bei KNDS löst diese Konflikte also nicht, sondern macht sie politischer. Berlin könnte künftig stärker darauf drängen, dass deutsche Standorte, deutsche Zulieferer und deutsche Systemarchitektur im MGCS stärker berücksichtigt werden. Paris wiederum wird verhindern wollen, dass aus einem gemeinsamen Projekt ein deutscher Leopard-Nachfolger mit französischer Beteiligung wird.Gelingt es, das MGCS erfolgreich zu konstruieren, entsteht ein europäischer Standard für den Landkrieg der Zukunft. Scheitert es, bleibt Europa nach wie vor auch beim Kampfpanzer gespalten.3 KommentareKurt Engel GesternBis die Europäer bei einem Angriff Rußlands zu Potte kommen hißt der Russe bereits die Fahne auf dem BT und ist auf dem Weg nach Paris. Satire
Berlin beteiligt sich an KNDS – um die Kontrolle nicht an Paris zu verlieren
Die deutsche Regierung beteiligt sich am Panzerbauer – um die Kontrolle über die eigene Sicherheit nicht an Frankreich zu verlieren. Die beiden Länder haben unterschiedliche Vorstellungen, wie moderne Panzer aussehen sollen.











