Niemand weiß, was im Kopf des australischen Schiedsrichters Shaun Evans los ist. Offenbar nicht einmal Shaun Evans selbst. Denn das ist die Erklärung für das Handzeichen, das Shaun Evans am Sonntagabend auch dem deutschen TV-Publikum (knapp 23,5 Millionen) gesendet hat: Ein „unterbewusstes, unabsichtliches Zucken“ sei das gewesen, das er in jenem Moment nicht einmal mitbekommen habe.Jener Moment dauert etwa sieben Sekunden: Evans steht im Raum in Dallas, in dem die Videoschiedsrichter die WM-Spiele verfolgen.. Die fünf Finger seiner rechten Hand formen sich zu einem Zeichen, das in rechtsextremen Kreisen als „White Power“-Gruß gelesen werden kann. Er schaut lächelnd direkt in die Kameralinse. Dann lösen sich die Finger, er wendet seinen Körper um eine Vierteldrehung in Richtung der Bildschirme, die Regie blendet zurück zum Spiel Deutschland gegen Curaçao in Houston.Da gibt es nichts zu sehenDa gab es nichts zu sehen, teilte die FIFA der Welt mit, als Deutschland in den Dienstag schlief. Jedenfalls keinen Verstoß gegen den Disziplinarkodex des Internationalen Fußballverbands. Shaun Evans bleibt im Spiel.„Unterbewusst, unabsichtlich“: Shaun Evans (hier bei einem Spiel in Australien 2025)Picture AllianceUnd falls ihn die FIFA nun trotzdem nicht noch einmal nominiert, so muss man den nonverbalen Teil der Verbandskommunikation verstehen, dann keinesfalls aufgrund der Wertung der Signale, die Evans unkontrolliert und unabsichtlich sendet. Eine Wertung, die nur interessierte und informierte Empfänger nach dem Prinzip dog whistle (Hundepfeife) in diese Signale hineinlesen können, weil sie ihrem Weltbild entspricht und der Signalcode dieses Weltbild bedient.Für die FIFA genügt, dass Shaun Evans sagt, dass er mit einem solchen Weltbild, etwa jenem von Neonazis, das in die unterbewusst gesendeten Signale seines Körpers hineingelesen wird, nichts zu schaffen habe. Schon die Berichterstattung darüber spiegele nicht wider, wer er sei. Es bleiben zwei Fragen. Erstens: Vertraut die FIFA einem Schiedsrichter, der sich selbst nicht erklären kann, was in seinem Kopf los ist?Zweitens: Ist irgendjemand überrascht, dass bereits nach dem vierten Tag dieser Fußball-Weltmeisterschaft darüber diskutiert werden muss, ob rechtsextreme Codes bewusst oder unbewusst versendet wurden? Diese WM findet zu wesentlichen Teilen im Land des Präsidenten statt, anlässlich dessen Vereidigung der reichste Mann der Welt mit einer Armbewegung für viele Beobachter einen der bekanntesten rechtsextremen Codes überhaupt gesendet hatte.Aus der FIFA-WM ist eine MAGA-WM gewordenWoraufhin Elon Musk mitzuteilen hatte, dass der Vorwurf, „jeder sei Hitler“, so ausgelutscht sei und seine Gegner „bessere schmutzige Tricks“ brauchten. Anschließend machte sich Elon Musk an die Arbeit für Donald Trump, anschließend wurde Elon Musk noch reicher.Eineinhalb Jahre später macht die FIFA mit dem WM-Tagesgeschäft weiter, wird noch reicher. Ihr Präsident, Gianni Infantino, Gast bei Trumps Vereidigung, lässt Spiel für Spiel Anti-Rassismus-Botschaften einblenden und trägt sein Mantra in die Welt, dass der Fußball dieselbe vereine. Und wenn das Spiel läuft, dann schimmert der FIFA-Schriftzug, der zu jeder Zeitlupeneinspielung eingeblendet wird, so golden wie die Lettern, die Donald Trump am Oval Office hat anbringen lassen.Sechs Tage ist die WM alt. Infantinos Organisation hat ohne öffentlichen Protest akzeptiert, dass Trumps Behörden Omar Artan, Afrikas besten Schiedsrichter 2025, abweisen und lässt einen anwesenden Schiedsrichter im Spiel, der auf der Bühne der „größten, inklusivsten und großartigsten WM aller Zeiten“ (Infantino) ein Signal in alle Welt sendet, das nicht nur von Experten der Anti-Rassismus-Organisation FARE als eindeutig rechtsextrem gewertet wird. Sechs Tage haben genügt, der Welt zu zeigen, dass unter Gianni Infantino und Donald Trump aus der FIFA-WM eine MAGA-WM geworden ist.