PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:MeinungWM-EuphorieWo bitte sind die Fähnchen?Stand: 14:37 UhrLesedauer: 3 MinutenSelbstverständlich: Gelsenkirchen im Sommer 2012 während der EuropameisterschaftQuelle: picture alliance/dpa/Caroline SeidelMit dem „Sommermärchen“ 2006 kamen die schwarz-rot-goldenen Fähnchen, die an Plastikhaltern in Autofenster geklemmt wurden. Es folgten die Strumpfsocken für den Außenspiegel. Zur WM 2026 sieht man bisher nichts davon. Was ist da los?Mag die Mannschaft, die nicht mehr unter dem Label „Die Mannschaft“ unterwegs ist, im angenehm auf 22 Grad klimatisierten Stadion der „Houston Texans“ endlich wieder in eine Fußball-WM mit einem Ergebnis eingestiegen sein, für die das Wort „standesgemäß“ erfunden wurde: Um zu sehen, dass trotz 7:1 längst noch nicht alles (wieder) gut ist im Sommer 2026 in der Heimat, genügt ein wacher Blick aus dem Autofenster.Denn dieser Blick sieht, ob man nun durch Großstädte wie Hamburg oder Berlin cruised, aber auch durch kleinere, eigentlich dekoaffinere Städte wie Elmshorn, Ahlen oder Solingen: wenig bis nichts. Kaum Flaggen, keine Fähnchen am Auto, keine Außenspiegelkondome in Nationalfarben. Für besonders feinfühlige Ästheten und Menschen, die bei den Farben Schwarz-Rot-Gold reflexhaft zusammenzucken (soll es ja geben in Deutschland, wegen Vergangenheit und so), mag das eine gute Nachricht sein. Für Freunde großer Fußballturniere, von Massenenthusiasmus, guter Laune und jenem speziellen Wann-wird’s-mal-endlich-wieder-Sommermärchen-Gefühl: eher nicht.Die WM ist jetzt eine knappe Woche alt, die Zeit seit dem Eröffnungsspiel in Mexiko-City fühlt sich bereits ewig her an, obwohl einige Mannschaften noch gar nicht gespielt haben. Das mag an dieser XXL-Vorrunde liegen, an vielen Spielen in der Nacht, an drei ebenso ermüdenden wie absteigend öden Eröffnungsfeiern (trotz Shakiras Hüftschwung), in jedem Gastgeberland eine. Auch daran, dass jetzt wirklich jeder Nebensatz-Kalauer des Experten-/Komiker-Duos Radio Müller und Posaune Klopp bei Magenta TV ermüdend seziert und zum „Skandal“ aufgebauscht wurde. Erinnert sich noch irgendjemand, wie Südkorea gegen Tschechien gespielt hat? Schottland gegen Wie-hießen-die-nochmal? Genau, Haiti.Jede Fußball-WM, das haben auch die vielen WM-Dokus über vergangene Schlachten wieder gezeigt, ist immer auch ein sichtbarer Ausdruck davon, wie sich die Menschen im Land grundsätzlich fühlen. Wie zuversichtlich, optimistisch und spendierfreudig sie sind. Eine Fußballweltmeisterschaft, könnte man sagen, ist die volksnahe Variante des Geschäftsklimaindex. Und ist auch in dieser Variante derzeit wirtschaftlich am Boden und sportlich allenfalls zart optimistisch – nach zwei Desaster-WMs und einer Heim-EM, die nach vielversprechendem Vorspiel in einem Coitus interruptus endete. Lesen Sie auchWie wenig Zutrauen gerade ins eigene Land und die eigene Mannschaft herrscht, zeigt sich allein daran, dass es in vielen Städten (Hamburg etwa oder Berlin) keine großen Public-Viewing-Areas gibt – es fand sich meist schlicht niemand, der das finanzielle Risiko eingehen wollte. Sicher auch, weil diese WM nicht nur geografisch, sondern auch gefühlsmäßig noch weit weg ist. Und weil so ein richtiges Wir-haben-Bock-auf-diese-WM-Gefühl es auch schwer hat, wenn viele Spiele (nicht die Deutschen) erst um 0, 3, 4 oder 6 Uhr deutscher Sommerzeit angepfiffen werden. Einer Zeit, in der die arbeitende Bevölkerung (ja, es gibt sie!) tatsächlich im Bett liegen will und muss. Lesen Sie auchAn der Grundskepsis, die die Heim-EM mit ihrem von den Spaniern kalt erstickten Euphorieflämmchen nicht vertreiben konnte, kann die junge, siegeshungrige, sich offenbar richtig gut verstehende deutsche Mannschaft natürlich etwas ändern. Sympathie allein, ein paar sehr schöne Spielzüge und ein Kantersieg gegen den kleinsten Fußballzwerg (Einwohnerzahl), den eine WM jemals sah, werden aber nicht reichen, damit wieder ein Euphorie-Ruck durchs Land geht. Für eine Stimmung, die die Fahnen an jeder Ecke und auf jedem Auto wehen läßt, müsste ein großer Sieg her. In einem K.O.-Spiel. Gegen einen Fußball-Giganten. Im Achtelfinale, wenn alles normal läuft, wartet Frankreich.
Fehlende WM-Euphorie: Wo bitte sind die Deutschland-Fähnchen? - WELT
Mit dem „Sommermärchen“ 2006 kamen die schwarz-rot-goldenen Fähnchen, die an Plastikhaltern in Autofenster geklemmt wurden. Es folgten die Strumpfsocken für den Außenspiegel. Zur WM 2026 sieht man bisher nichts davon. Was ist da los?












