Synchronisierung der Gefühle: wie Flaggen an der Fussball-WM die eigene Nation spürbar machenSelten sind Nationalflaggen so präsent wie während einer Fussball-Weltmeisterschaft. Man sieht sie auf den Balkonen, auf Autos oder in Schrebergärten. Woher kommt das Phänomen?19.06.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenEnglische Fans feiern mit der Nationalflagge während des WM-Fussballspiels zwischen England und Kroatien.Scott Heppel / AP«Gib mir Freiheit, gib mir Feuer, gib mir Sinn, bring mich höher hinaus. Sieh, wie die Champions das Spielfeld betreten, vereine uns, lass uns stolz sein.» Mit diesen Worten beginnt «Wavin’ Flag», der Song zur Fussball-WM 2010 des kanadisch-somalischen Musikers K’naan. Er ruft dazu auf, die eigene Flagge zu schwenken und gemeinsam zu feiern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während viele WM-Lieder schnell in Vergessenheit geraten, erklingt K’naans Song bei jeder Weltmeisterschaft in Fanmeilen und im Radio. Er vermittelt ein Gefühl, das grosse Fussballturniere immer wieder wecken: den Wunsch, die Unterstützung für das eigene Team öffentlich zu zeigen.Auch in der Schweiz lässt sich das in diesen Tagen wieder beobachten. Mit jedem Spiel der Fussball-WM sind mehr Flaggen im öffentlichen Raum zu sehen. Menschen, die im Alltag nie eine Schweizer Flagge hissen würden, schmücken ihre Häuser, Autos und Gärten damit. Dass sie dabei zu einem Stück Stoff greifen, um die eigene Nation zu feiern, ist keineswegs selbstverständlich. Lange erfüllte die Flagge eine andere Funktion.Eine Anhängerin der kapverdischen Fussballnationalmannschaft lässt sich die Wange in den Farben der Nationalflagge bemalen. Es ist das erste Mal, dass der Inselstaat an der WM teilnimmt.Danilson Sequeira / ReutersGrosse Begeisterung bei den Algerien-Fans beim WM-Auftakt. Das Spiel verloren sie jedoch 3:0 gegen Argentinien.Claudia Greco / ReutersVom Feldzeichen zum StaatssymbolEmil Dreyer ist Vexillologe und präsidiert seit fast drei Jahrzehnten die Schweizerische Gesellschaft für Fahnen- und Flaggenkunde. Dass Menschen bei Grossanlässen zu Flaggen greifen, sei ein neues Phänomen. Die Römer etwa kannten keine Landesflaggen; im Kolosseum wurde ohne sie gefeiert. Lediglich die Legionen führten Stoffbanner, die sie kennzeichneten.Die heutigen Flaggen entstanden erst im Mittelalter. Auf dem Wasser nutzten Schiffe sie, um etwa ihren Heimathafen kenntlich zu machen. An Land standen sie für feudale Herrschaft. Wer keinen besonderen Status innehatte, konnte sich weder eine Flagge leisten, noch war er berechtigt, eine zu hissen.Zu einem grundlegenden Bedeutungswandel kam es im 18. und 19. Jahrhundert. «Flaggen wurden erst im Zuge der Entstehung moderner Nationalstaaten zu Symbolen nationaler Zugehörigkeit», sagt Sebastian W. Hoggenmüller, Soziologe an der Universität Luzern. Eine Flagge repräsentiere die Nation dabei nicht nur. Vielmehr verleihe sie einer Gemeinschaft eine sichtbare Form, die sonst vor allem als geteilte Vorstellung existiere.Diese symbolische Bedeutung ist bis heute unverändert. Die Schweizer Flagge steht für rund neun Millionen Menschen und ebenso viele Lebensrealitäten. Tatsächlich kennt jedoch kaum jemand mehr als einen kleinen Teil seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger.Eine Flagge allein stiftet deshalb noch keine Gemeinschaft, sagt Hoggenmüller. «Erst in kollektiven Ritualen entfalten solche Symbole ihre Wirkung.» Weltmeisterschaften sind dafür ein gutes Beispiel: Durch Flaggen, Trikots, Gesänge und Choreografien wird die Nation für einen Moment erlebbar. Auf den Tribünen, beim Public Viewing oder vor dem Fernseher verfolgen Millionen Menschen dieselben Spiele, diskutieren dieselben Szenen und erleben ähnliche Emotionen.Hoggenmüller spricht von einer «Synchronisierung unterschiedlicher Lebenswelten». Damit sei nicht gemeint, dass die Weltmeisterschaft Unterschiede oder Konflikte aufhebe. Es werden jedoch gemeinsame Bezugspunkte für Menschen geschaffen, die sonst in sehr unterschiedlichen sozialen Welten leben. Über ein Tor von Captain Xhaka jubelt der Bundesrat in Bern ebenso wie die Studentin in Genf oder der Landwirt in Appenzell. Es sind jene Momente, in denen zu Flaggen gegriffen wird. «Flaggen machen sichtbar, was die Spiele für einen Moment ermöglichen: die Erfahrung, Teil eines grösseren Ganzen zu sein.»Fans der Schweizer Fussballnationalmannschaft verfolgen in der Fanzone von Vevey auf einer Grossleinwand das Spiel Schweiz gegen Katar.Cyril Zingaro / KeystoneAuch Curaçao hat sich erstmals für eine WM qualifiziert. Bei ihrem ersten Spiel gegen Deutschland verloren sie zwar das Spiel mit 7:1. Ein Highlight war es dennoch. Die Fans feierten das erste Tor ihrer Mannschaft an einer WM frenetisch.Annegret Hilse / ReutersAchtung, MehrdeutigkeitWas nach dem Ende des Spektakels mit den Flaggen geschieht, hängt laut dem Flaggenforscher Emil Dreyer stark vom jeweiligen Land ab. In autoritären Staaten wie Katar verschwänden nach Grossanlässen wie der WM die meisten Flaggen wohl wieder im Schrank. Ihre Verwendung sei streng reglementiert, die Deutung nationaler Symbole liege weitgehend in den Händen der politischen Machthaber.Anders sei die Situation in der Schweiz, die im öffentlichen Raum eine der höchsten Flaggendichten der Welt aufweise, sagt Dreyer. «In einer Demokratie gehört die Flagge allen.» Zwar symbolisiere sie auch hier den Staat. Was dieser genau repräsentiere, lasse sich jedoch unterschiedlich interpretieren. Dasselbe Symbol kann also Verschiedenes bedeuten – von der Unterstützung einer Sportmannschaft über ein Bekenntnis zur Freiheit bis hin zu nationalistischen Vorstellungen.Wie wandelbar die Bedeutung einer Flagge sein kann, zeigt sich auch in K’naans Song. Der WM-Hit von 2010 basiert auf einem Lied, das bereits zuvor veröffentlicht worden war. In der Originalversion ging es nicht um Fussball, sondern um Krieg, Flucht und Entbehrung in seiner Heimat Somalia. Geblieben ist der Refrain, der in beiden Fassungen identisch ist: «Wenn ich älter werde, werde ich stärker sein. Man wird mich ‹Freiheit› nennen, genau wie eine wehende Flagge.»Grosse Begeisterung. Ein Fussballfan aus Deutschland hat sein Haus mit allen 48 Nationen geschmückt, die an der Weltmeisterschaft teilnehmen.Angelika Warmuth / ReutersPassend zum Artikel
Warum wir an der WM Flagge zeigen
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