Es ist gewiss keine Schande, mit Joachim Löw verglichen zu werden. Für den französischen Trainer Didier Deschamps, 57, ist es trotzdem keine gute Nachricht, wenn, wie Le Monde kürzlich schrieb, im Umfeld Deschamps’ „das Beispiel Löw“ gerade „in allen Köpfen“ ist. Deschamps, das ist klar, wird nach der Fußball-WM seinen Platz als Sélectionneur der französischen Nationalelf räumen, nach 14 Jahren im Amt und mit dem Weltmeistertitel 2018 dekoriert. Es gilt als ausgemacht, das Zinédine Zidane sein Nachfolger wird. Die Frage sei nur, schreibt die Pariser Tageszeitung, ob Deschamps als die Legende abtreten könne, die er zweifellos ist. Oder ob er sich zum Abschied, wie Löw, „die gesamte Bilanz zunichtemacht“.So naheliegend der Vergleich ist, so schief ist er auch. Deschamps war, anders als Löw, schon Weltmeister, ehe er ins Trainerfach wechselte: als Kapitän jener Elf, die 1998 in der Heimat triumphierte. Und Deschamps hat vier Jahre nach dem Triumph 2018 in Moskau auch nicht bei der nächsten WM nach der Vorrunde heimreisen müssen. Im Gegenteil: Er führte seine Bleus 2022 in Katar in jenes sagenhafte Endspiel gegen Argentinien, das nach einem 2:2 in der regulären Spielzeit und einem 3:3 nach Verlängerung erst im Elfmeterschießen verloren ging. Unvergessen, wie Deschamps schon zur 40. Minute zwei Stürmer austauschte und die Partie nach einem frühen Zwei-Tore-Rückstand so zurück ins Gleichgewicht brachte. Es war eine bemerkenswerte Trainerentscheidung, zumal auf der Bühne eines solchen Finales.Aber es geht eben, nach so langer Zeit, auch um den letzten Eindruck. Bei Löw war das – nach dem Titel 2014 in Rio sowie dem Vorrunden-K.-o. 2018 – die Europameisterschaft 2021: ein frühes Scheitern im Achtelfinale gegen England, nach einer Gruppenphase, die man auch nur mit viel Glück überstanden hatte.Und die Franzosen? „Sollten die Bleus vorzeitig ausscheiden“, zitierte Le Monde einen nicht näher benannten „Vertrauten der Mannschaft“, zum Beispiel im Achtel- oder im Viertelfinale, „dann würde die Kritik nicht ausbleiben, mit Kommentaren wie: ‚Er hat ein Turnier zu viel gemacht‘, ‚Warum ist er nicht schon früher gegangen?‘. Didier würde zwar weiterhin eine wichtige Persönlichkeit im französischen Fußball bleiben, aber in diesem Moment könnte das heftig werden.“Eines allerdings hat der späte Deschamps, im Unterschied zum späten Löw damals, schon vor dem letzten Tanz hinbekommen: Er hat sich und seine Mannschaft noch mal neu erfunden. Er lässt die Franzosen jetzt mit vier Angreifern spielen. Bei zehn Feldspielern sind vier Angreifer relativ viel.Didier Deschamps und Kylian Mbappé gewannen 2018 die WM. 2022 schoss Mbappé im Finale einen Hattrick – Argentinien gewann trotzdem. Peter Cziborra/ReutersUm zu verstehen, über wie viele Schatten der baskische Trainer dafür zu springen hatte, muss man sich an den Deschamps-Fußball der zurückliegenden Dekade erinnern. Um Schönheit, um Unterhaltung des Publikums gar, ging es ihm nie. Was ihn antrieb, war radikaler Pragmatismus. Ja, bei der WM 2018 trat mit vier Treffern der neue, damals 18-jährige Superstürmer Kylian Mbappé auf die Weltbühne. Teil der Geschichte ist aber auch, dass der Torwart Thibaut Courtois nach der Halbfinal-Niederlage seiner Belgier gegen weitgehend untätige Franzosen ätzte, man habe heute gegen „Antifußball“ verloren. Deschamps kommentierte es später mit der Grandezza des Gewinners: „Sind wir ein schöner Weltmeister? Wir sind Weltmeister!“Spätestens bei der EM vor zwei Sommern in Deutschland kippte allerdings die Stimmung. Deschamps’ ewiges Streben nach Equilibre, nach Gleichgewicht, wirkte da endgültig mutlos, risikoscheu, als eine Verschwendung von Ressourcen. Nur ein Tor gelang den Franzosen aus dem Spiel heraus, im gesamten Turnier bis zum Halbfinal-Aus gegen Spanien. Nach der Europameisterschaft wünschte sich laut einer Umfrage eine Mehrheit der Franzosen Deschamps’ Rücktritt, 83 Prozent bedauerten den Mangel an Offensivambitionen. Wirklich eingelassen auf die Kritik hat sich Deschamps nie. Wenn Leute die Länderspiele langweilig fänden, sagte er mal, könnten sie ja „was anderes gucken“.Frankreichs zwischenzeitliche Serie: neun von zehn Länderspielen gewonnen, insgesamt 31 ToreDann allerdings, man muss es wohl so sagen, ist Didier Deschamps zu seinem Glück gezwungen worden. Wie jemand, der im eigenen Garten die reifen Mirabellen direkt vom Baum pflücken kann. Der muss im Supermarkt auch weniger Kirschen und Pflaumen kaufen, wenn er einen Obstsalat machen will.Eine kleine Auswahl der süßen Offensivfrüchte, die im französischen Fußball irgendwie im Überfluss an den Bäumen zu wachsen scheinen: Kylian Mbappé (Real Madrid), Ousmane Dembélé (Paris Saint-Germain), Michael Olise (FC Bayern), Désiré Doué (Paris Saint-Germain), Rayan Cherki (Manchester City), Bradley Barcola (Paris Saint-Germain). Und viele weitere mehr.Viel Speed auf einem Bild: Ousmane Dembélé (links), Kylian Mbappé (Mitte) und Désiré Doué. Martin Meissner/AP/dpaDer Wendepunkt war das Viertelfinale der Nations League gegen Kroatien im März 2025. Das Hinspiel ging 0:2 verloren. Im Rückspiel im Stade de France standen die Franzosen mit dem Rücken zur Wand. Vermutlich brauchte es einen solchen Alles-oder-nichts-Moment. Mit Mbappé, Dembélé, Barcola und Olise in der Startelf gewann Frankreich 2:0 – und 5:4 im Elfmeterschießen. Seither wich Deschamps nie mehr von seinem neuen Vier-Stürmer-System ab. Er sei „im Hinblick auf das Qualifikationsziel ein Risiko eingegangen“ sagte er damals nach dem Spiel, „aber es war an der Zeit, diesen Schritt zu wagen“.Im Anschluss gewannen die Franzosen neun von zehn Länderspielen und erzielten dabei 31 Tore. Mbappé traf eine Weile in jedem Spiel mindestens ein Mal; ein scharfer Kontrast zu seiner Krisensaison mit Real Madrid. Man könnte meinen, es sei ein Leichtes gewesen, das ganze Team vom neuen Sturm-und-Drang-Konzept zu überzeugen. Allerdings müssen die Angreifer jetzt auch verstärkt nach hinten mitarbeiten. Insbesondere Mbappé, schrieb Le Monde, „musste man das erst beibringen“.Mbappé vorne zentral, dahinter Dembélé, rechts Olise, links Doué, so könnte es aussehen, wenn die Franzosen am Dienstag in New Jersey gegen Senegal in die WM starten. Und auf der Bank fünf weitere Angreifer, um die sie fast alle anderen WM-Teilnehmer beneiden, sowie ein Trainer, der sich auf seiner Abschiedstour dem radikalen Offensivfußball verschrieben hat. Oder vielleicht doch nicht?Nun, „es sind zwangsläufig gewisse Anpassungen erforderlich“, sagte Deschamps kurz vor der Abreise ins Teamquartier nach Boston. Es gehe darum, „ein Gleichgewicht zu wahren“ zwischen der neuen Offensivkraft und der notwendigen defensiven Stabilität. Dieses Gleichgewicht sei noch „fragil“. Dass er zum alten, zynischen, bisweilen kaum zu ertragenden aber halt immer wieder Erfolg versprechenden Antifußball zurückkehrt, das ist dennoch nicht zu erwarten.
Frankreich bei der Fußball-WM: Ab jetzt mit vier Angreifern auf einmal
Didier Deschamps wurde mit pragmatischem Defensivfußball Weltmeister. Doch jetzt stellt er alle seine Superangreifer gleichzeitig auf.












