Während Raymond Domenech die Spieler nach dem Horoskop aufgestellt hat, vereint Didier Deschamps FrankreichDer französische Nationaltrainer geht in sein letztes Turnier. Die Verdienste seiner langen Ära verdeutlicht nichts so gut wie die jüngste Skandaldoku über die französische Blamage an der WM 2010.Florian Haupt, Barcelona16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDidier Deschamps (links) und sein Starspieler Kylian Mbappé empfingen vor der WM den französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Nationalen Fussballcenter.Thomas Padilla / ReutersBei der WM-Kadernominierung des Mitfavoriten Frankreich geht der Blick des Trainers erst einmal ins Horoskop: «Ich schaute mir die Sternzeichen der Spieler an. Es gab sechs oder sieben Skorpione. Das Ziel war, so viele wie möglich zu eliminieren. Zwei blieben.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese sonderbare Selektion gehört in eine jüngste Netflix-Dokumentation über die WM 2010, die für «Les Bleus» in einer denkwürdigen Blamage endete: in Trainingsstreik, öffentlicher Selbstzerfleischung und politisch-medialer Hinrichtung. «Le Bus», so der Doku-Titel, stützt sich unter anderem auf die Tagebucheinträge des Nationaltrainers, Hobbyastrologen und Laienschauspielers Raymond Domenech, einer so irren Figur, dass sie nicht einmal Hollywood erfinden könnte.Am Ende steht ein beachtliches Dokument der Fussballzeitgeschichte, das wie ein guter Kriminalfilm noch an Reiz dadurch gewinnt, dass die Wahrheit auch danach Interpretationssache bleibt.Einige Jahre bevor die Situation 2010 eskalierte: Frankreichs Trainer Raymond Domenech im Stade de France 2004.Andy Lecoq / Reuters2026 ist eine andere Welt als 2010Vorgespult um 16 Jahre, am Dienstag um 21 Uhr MEZ startet Frankreich mit einem Spitzenspiel gegen Senegal ins Turnier. In Fachkreisen rumort es, weil die Angriffsgranden Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé in den Tests nicht harmonierten, womöglich spielen sie auch auf falschen Positionen. Privat sollen sie sich aber glänzend verstehen, Dembélé habe es sich gar erlaubt, Mbappé freundschaftlich zu mehr defensiver Mitarbeit zu animieren.Es gibt also Debatten, aber kaum Gefahr für Zerwürfnisse. 2010 und 2026 – zwei Welten. Was dazwischen passiert ist? Im Wesentlichen: Didier Deschamps.Nach Domenechs Desaster änderte der französische Verband FFF seine Trainerpolitik. Wo zuvor meist Übungsleiter aus dem eigenen Haus rekrutiert wurden, erinnerte man sich jetzt an eine Generation, die zwar nicht über so viel pädagogischen Hintergrund verfügte, aber durch ihren Titelgewinn mit dem multikulturellen «Black, blanc, beur»-Team von 1998, «Schwarz, Weiss, Araber», über umso mehr Standing und Sozialkompetenz.Ousmane Dembélé harmoniert noch nicht ganz mit Kylian Mbappé – aber die Stimmung ist gut vor dem Auftaktspiel gegen Senegal.Peter Cziborra / Reuters«Wer sich nicht unterordnet, wird aussortiert»Als Erstes durfte Laurent Blanc ran, der Abwehrchef der 1998er-WM. Er begann ganz gut, glättete einige Wogen, setzte sich dann wegen zweideutiger Aussagen über die Spielerprofile in der Ausbildung aber Rassismusvorwürfen aus und setzte die EM 2012 ziemlich in den Sand. Manche Spieler verweigerten ihm den Handschlag, andere lästerten über Teamkollegen, Samir Nasri bepöbelte die Presse: Man war zurück auf Los.Dienstantritt Deschamps, mit klarer Ansage: «Nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist, dürfen sich die Nationalspieler nichts mehr erlauben – nicht den kleinsten Ausrutscher», erklärte der Captain der 1998er-WM: «Wer sich nicht unterordnet, wird aussortiert. Ich fühle mich als Hüter der Werte.»Herausgekommen ist eine 14-jährige Ära, die nach dieser WM enden wird. Deschamps übergibt dann an die Überfigur von 1998, Zinédine Zidane. Vielleicht coacht er die Blauen zum Abschluss noch ein zweites Mal nach 2018 zum Titel, dank seinem Angriff ist Frankreich einer der Topfavoriten. Für das notorische Fehlen kreativer Spielgestalter wiederum kann Deschamps wenig, das ist tatsächlich den – fussballerischen – Ausbildungsschwerpunkten in Frankreich geschuldet, der Fixierung auf die Physis. Deschamps wird daher im Mittelfeld wohl auf eine Achse aus Aurélien Tchouaméni und Adrien Rabiot setzen. Doch wie es in den USA auch ausgeht: In seinem Kernanliegen, die «Équipe de France» moralisch zu rehabilitieren, hat er grandios reüssiert.Den bedrohlichsten Skandal überstand er relativ früh, 2016 – den Fall Karim Benzema. Der Starstürmer warf ihm Rassismus vor, nachdem er von Deschamps wegen seiner Verwicklung in eine Erpressung des Teamkollegen Mathieu Valbuena («Sextape-Affäre») aussortiert worden war. Doch spätestens als Lilian Thuram, ebenfalls 1998er-Weltmeister und dank seiner Basisarbeit eine Leitfigur im Antirassismuskampf, die Einlassungen Benzemas als selbstgerecht kritisierte, war die Öffentlichkeit aufseiten des Trainers. Deschamps hatte einige Jahre später sogar die Grösse, Benzema zurückzuholen, und parierte auch neuerliche Lästereien des Stürmers, nachdem dieser wegen einer Verletzung aus dem WM-Quartier 2022 heimgeschickt worden war.Warf dem Trainer Deschamps 2016 Rassismus vor: Karim Benzema.ReutersDie übrige Mannschaft stand in all den Jahren stets hinter Deschamps. Oder hatte wie Antoine Griezmann die Güte, zurückzutreten, als er sich bei der Neuvergabe des Captainarmbands nach der EM 2024 an Mbappé übergangen fühlte.Gegen Domenech ging das ganze Team auf die BarrikadenAnders 2010: William Gallas sah sich als natürlichen Anwärter auf das Amt, wurde aber nicht berücksichtigt – und war daher im südafrikanischen Teamquartier «voller Hass», wie sich der Kollege Bacary Sagna in der Doku erinnert. Eine von vielen Episoden, die das Ambiente schon vor dem ersten Anstoss negativ aufluden.Als es dann sportlich nicht lief, explodierte die Gemengelage nach einer hitzigen Diskussion zwischen Domenech und dem Stürmer Nicolas Anelka in der Pause des zweiten Gruppenspiels gegen Mexiko. Die Sportfibel «L’Équipe» publizierte auf der Titelseite vulgäre Beleidigungen, die der Spieler dem Coach entgegengeschleudert haben soll. Auch wenn Domenech, wie alle interviewten Beteiligten, bis heute darauf insistiert, dass diese Worte nicht gefallen seien, weigerte er sich damals, sie zu dementieren («Mir war alles egal»). Anelka wurde heimgeschickt, der Meute zum Frass vorgeworfen – so empfanden es die Spieler, die in alter Landestradition solidarisch auf die Barrikaden gingen. Ihre Streikerklärung las Domenech in einer grotesken Szene am Trainingsplatz selbst der Presse vor, während die Profis hinter ihm im Mannschaftsbus sassen.Der Name Deschamps hingegen fällt in «Le Bus» kein einziges Mal. Und doch illustriert seinen Dienst an der Nation vielleicht nichts so deutlich wie dieser Film.Passend zum Artikel