Die Weltmeisterschaft hat gerade erst angefangen, aber für eine der größten Figuren der Turniergeschichte schwingt auch ein Gefühl von Abschied mit, wenn Frankreich am Dienstag (21 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) mit einem Spiel gegen Senegal in die WM 2026 startet. Didier Deschamps, der 1998 als Spieler und 2018 als Trainer Weltmeister war, tritt nach 14 Jahren als Nationaltrainer der Équipe Tricolore zurück.Jedenfalls, wenn es Kylian Mbappé nicht gelingen sollte, seinen Chefcoach umzustimmen. Er sei längst dabei, Deschamps „unter Druck zu setzen“, sagte Mbappé, aber die Aussichten sind gering. Der Trainer sucht eine neue Herausforderung. Er beendet eine Ära, eine historische Phase des nationalen Fußballs, in der Frankreichs Nationalmannschaft ihr Wesen veränderte.Deschamps übernahm das Team nach einer Zeit der Konflikte und des Chaos. 2010 kam es bei der WM in Südafrika zum „Fiasko von Knysna“, als der Stürmer Nicolas Anelka Trainer Raymond Domenech wüst beleidigt hatte und suspendiert wurde, woraufhin sich das Team mittels eines von Kapitän Patrice Evra verlesenen Briefs mit dem Kollegen und gegen den Trainer solidarisierte. Zwei Jahre später, bei der EM in Polen und der Ukraine, wurde unter Laurent Blanc weitergestritten, einzelne Spieler wurden für ihr Verhalten mit Sperren des nationalen Verbandes bestraft, und dem gesamten Team wurden die Erfolgsprämien gestrichen. Es liegt nahe, dass unter solchen Umständen kaum große Erfolge möglich sind.Die Vorgeschichte ist mitentscheidendWer das phantastische Werk Deschamps’ verstehen möchte, muss diese Vorgeschichte kennen. Denn es war der in Bayonne geborene Baske, der die Nation mit den wahrscheinlich talentiertesten Spielern auch zur erfolgreichsten machte. „Ehrgeiz ist gut, aber man darf nicht die Bescheidenheit verlieren“, sagt Deschamps, um die Herausforderung zu erklären, die er seit mehr als einem Jahrzehnt bravourös meistert. „Auf höchstem Niveau gibt es kein Pardon“, alle müssten sich den gemeinsamen Interessen unterordnen. Eitle und Egozentriker sind unerwünscht, sie sind entweder aussortiert worden oder zu Teamplayern geworden.Nach dem WM-Finale 2018 in Moskau: Weltmeistertrainer Deschamps wird gefeiert.dpaHeute spricht Deschamps ähnlich viel über das Zwischenmenschliche, die Wirkung von Emotionen innerhalb einer Gruppe, über Demut und Zusammenhalt wie über Fußballfachthemen. Kein Kollege konnte seinen WM-Kader aus einem derart großen Spielerfundus auswählen, und Deschamps hat dabei auch einige der bekanntesten Spieler unberücksichtigt gelassen: Eduardo Camavinga, Benjamin Pavard oder Christopher Nkunku. „Meiner Entscheidung ging ein langer Überlegungsprozess voraus, mit Informationen, die nur wir im Trainerstab haben“, sagt Deschamps in einem Gespräch mit dem „Kicker“. „Eine Liste auf dieser Basis zusammenzustellen und eine Gruppe zu bilden, die am besten geeignet erscheint, unsere Farben bei diesem großen Turnier zu vertreten, ist nicht einfach.“Wie in jedem Team gibt es ein paar Unverzichtbare, Mbappé, Dayot Upamecano, Michael Olise, William Saliba. Aber die Besetzung der hinteren Reihen im Kader folgte konsequent der Idee, eine möglichst konstruktiv harmonierende Gruppe mit zum WM-Turnier zu nehmen. Deschamps spricht diese Argumente offen an, denn kaum einer verfügt über mehr Erfahrung in der Kunst, eine zerstrittene Topmannschaft in einen Weltmeister sowie einen Nations-League-Gewinner zu verwandeln.Darüber hinaus stand Deschamps mit seiner Mannschaft im EM-Endspiel 2016 und im Finale der Weltmeisterschaft vor vier Jahren. Nimmt man seinen WM-Sieg als Spieler 1998 und den EM-Erfolg 2000 dazu, wird klar: Es gibt keinen Fußballturniermenschen, der auf diesem Niveau ähnlich vielseitig erfolgreich war. In den USA soll nun der dritte persönliche WM-Titel hinzukommen, wodurch er zu Pelé (dreimal Weltmeister als Spieler) und dem unvergessenen Mario Zagallo (zwei Titel als Spieler, einer als Trainer) aufschließen würde. Und dennoch sah sich der Trainer fast während seiner gesamten Amtszeit mit dem Vorwurf konfrontiert, gemessen am Talent der vielen brillanten Spieler nicht genug künstlerischen Zauber zu entfachen.In den USA soll sein dritter persönlicher WM-Titel folgenAls Chefcoach der Franzosen hat Deschamps den Ruf des radikalen Pragmatikers, was durch seine nüchterne Rhetorik noch verstärkt wird. „Im Ausland würde ich vielleicht mehr Anerkennung finden“, sagt er. „Wenn die französische Nationalmannschaft als pragmatisch gilt, hindert uns das nicht daran, Spitzenleistungen zu erzielen.“ Die vielen Erfolge sind tatsächlich ein ziemlich gutes Argument gegen alle Skepsis.Zuletzt hat der Siebenundfünfzigjährige die Mannschaft aber doch etwas offensiver spielen lassen, was zu offeneren Spielen führte. Im laufenden Kalenderjahr hat Frankreich kein einziges Mal zu null gespielt, und bei der Nations League 2025 war die Équipe Tricolore an einem denkwürdigen Neun-Tore-Spektakel beteiligt: Im Halbfinale verlor das Team 4:5 gegen Spanien.Ob Deschamps unter dem Einfluss der WM-Herausforderungen – dem Klima und der Dauer des Wettbewerbs beispielsweise – wieder stärker zum alten Pragmatismus neigen wird, zählt zu den spannenden Fragen der kommenden Wochen. „Wir gehen mit großen Ambitionen in diese WM, sollten aber bescheiden bleiben“, sagt Deschamps. Es ist davon auszugehen, dass er trotzdem nur zufrieden nach Hause fliegen wird, wenn sich der Goldpokal im Gepäck seiner Reisegruppe befindet.