Wer sich bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft umschaut, entdeckt bekannte Gesichter nicht nur in den Stadien, auch davor. Manche Zuschauer tragen ihre Lieblingsspieler mit sich herum – zumindest ihr überdimensionales Antlitz auf Pappe. Kaum versieht man sich, blicken einen Lionel Messi, Harry Kane oder Lamine Yamal mit großen Augen an, dutzendfach.Oder Didier Deschamps. Eigentlich passt der französische Nationaltrainer nicht so recht in eine Fab-Four-Reihe mit dem argentinischen Superstar, dem englischen Superschützen und dem spanischen Supertalent, die in dieser Woche in den WM-Halbfinalspielen auf dem Platz stehen werden.Didier Deschamps, Supertrainer?Doch es sagt viel aus über Deschamps, wenn einige französische Fans wohl auch an diesem Dienstag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) zum Superduell mit Spanien nicht allein die Pappkameraden Kylian Mbappé oder Ousmane Dembélé mitbringen, sondern auch das Konterfei ihres Supertrainers.Didier Deschamps, Supertrainer? Es ist keine Bezeichnung, die Deschamps selbst wählen würde, niemals. Als etliche Pappen beim WM-Test gegen die Elfenbeinküste Anfang Juni zu sehen waren, lächelte Deschamps, der auf den Schildern und der echte. Mehr nicht. Es sollte hier ja auch nicht um ihn gehen, auch wenn Deschamps ein Heimspiel hatte in Nantes, wo für den Basken aus Bayonne Ende der Achtzigerjahre fußballerisch alles begann.Deschamps ist auf einer Mission, einer letzten. Nach dieser WM wird er die Nationalmannschaft verlassen, nach 14 Jahren als ihr Trainer, diesen Schritt verkündete er schon vor eineinhalb Jahren. Er wird die Équipe de France ein zweites Mal verlassen, nachdem er 2000 nach elf Jahren seine Länderspielkarriere beendet hatte. Diesmal aber wohl endgültig.Zwei Spiele bleiben ihm noch, zwei Spiele bleiben den Franzosen noch mit Deschamps, der vor Beginn des Turniers sein Leitmotto skizzierte: „Wenn man in die französische Nationalmannschaft kommt, kommt man nicht, um zu nehmen. Man ist da, um zu geben.“ Kein Wunder, dass er schon als Nationalspieler „Le Porteur d'Eau“, der Wasserträger, getauft wurde.Es gibt eine Zeit vor Deschamps und nach DeschampsUnd er gab reichlich. Deschamps, der Champion, gewann als Spieler die WM 1998 und die EM zwei Jahre danach, als Trainer die WM 2018, vielleicht nun auch noch die 2026. Er ist, trotz der französischen Fußballberühmtheiten wie Just Fontaine, Raymond Kopa, Michel Platini, Zinédine Zidane oder Thierry Henry, das Gesicht, das die Erfolge der Équipe verbindet, derjenige, der die beiden erfolgreichsten Epochen verbindet.Allein seine WM-Bilanz teilt die französische Fußball-Geschichte in eine Zeit vor und nach Deschamps: Vor seinem Debüt 1998 gab es 34 Spiele mit 15 Siegen und keinen Titel, seither 79 Spiele mit 45 Siegen und zwei Titeln.Höhepunkt der Spielerkarriere: Deschamps mit dem WM-Pokal nach dem Finalsieg 1998 gegen Brasilien in ParisMichel LipchitzDas wohl dunkelste Kapitel französischer WM-Geschichte fiel zwischen diese Epochen und diente Deschamps als Mahnmal. Vor diesem Turnier erinnerte eine Dokumentation an den Eklat von Knysna, als die Mannschaft sich bei der WM 2010 streikend in den Bus setzte. Deschamps, damals Trainer bei Olympique Marseille, erfuhr, so erzählte er es später, am Vortag von den Turbulenzen, die sich in Südafrika anbahnten. Tun konnte er nichts.Doch sie prägten ihn, als er es zwei Jahre später als Nationaltrainer konnte. Vor der nächsten WM, 2014, war der Skandal noch einmal ein Thema, daher sprach Deschamps weniger über die Aufstellung als über die Einstellung: „Die Dynamik im Team und die Mentalität der Spieler werden entscheidend sein“, sagte er. „Damit gewinnt man zwar keine Spiele, aber ich glaube auch nicht, dass man ohne sie Erfolge erzielen kann.“Die Generation Mbappé braucht die GesprächeDaran hat sich zwölf Jahre später nichts geändert. Deschamps arbeitet bei dieser WM auf zwei Ebenen. Auf der sportlichen geht es vor allem darum, die offensive Superkraft zu steuern, die ein Mbappé, Dembélé und andere wie Michael Olise oder Désiré Doué einbringen, wenn sie spielen, auf der menschlichen Ebene darum, ihre Superegos zu steuern, wenn sie nicht spielen.Dafür führt Deschamps etliche Gespräche, nicht nur mit den Superstars, sondern auch mit den anderen im 26 Spieler starken Kader, er erklärt, wer spielt und noch mehr, wer warum nicht spielt. Das machte er zu Beginn der Trainerkarriere nicht, nicht in diesem Umfang zumindest.Einer für alle, alle für einen: Auch Ousmane Dembélé spielt für das französische Kollektiv.AFPDoch die Generation Mbappé braucht das. Also macht Pragmatiker Deschamps das. Und seine stille Diplomatie funktioniert, wie Deschamps nach dem Sieg über Marokko im Viertelfinale erfreut feststellte: „Es ist nicht einer, der individuell glänzen will. Alle freuen sich, als hätten sie selbst getroffen.“Das französische Kollektiv funktioniert, selbst wenn Deschamps nicht dabei ist. Drei Tage vor dem letzten Gruppenspiel starb seine Mutter. Der Trainer reiste in die Heimat zur Beisetzung, sein enger Vertrauter und langjähriger Assistent Guy Stéphan betreute die Mannschaft, die Norwegen 4:1 besiegte. Das Bild einer Einheit, für das Deschamps hauptverantwortlich zeichnet, die Stars, die nicht für sich, sondern für alle spielen, das hat das Bild des Trainers, der lange nicht für das schöne Spiel stand, verschönert.„Das ist das Beste, was mir je passiert ist"Deschamps' Beliebtheitswerte sind nun, da die Geschichte fast auserzählt ist, hoch wie nie. Vielleicht hat es aber auch jetzt, da nicht mehr als eine gemeinsame Woche bleibt, damit zu tun, dass die Franzosen es mit der Angst zu tun bekommen.Weniger mit der Angst vor dem nächsten Gegner, Europameister Spanien, der die Titelträume zwar schon im Halbfinale der EM 2024 und in der Nations League 2025 beendete und das an diesem Dienstag auch am französischen Nationalfeiertag tun könnte. Doch die bisherigen WM-Spiele in den USA haben selbstbewusst gemacht. Angst sollten die anderen haben.Vielmehr mit der Angst, wie das alles werden wird, wenn bald nach der WM zwar all die Superspieler noch für Frankreich spielen, aber nicht mehr unter ihrem Supertrainer. Der hatte vor Endrundenbeginn einen Superlativ bemüht, um seine Zeit für die französische Nationalmannschaft im Interview auf der Website des Weltverbandes FIFA zu bewerten: „25 Jahre meines Berufslebens, elf Jahre als Spieler und 14 Jahre als Trainer. Das ist das Beste, was mir je passiert ist. Etwas Besseres wird es nicht geben, das weiß ich.“Die bange Frage, die sich die Franzosen angesichts von Deschamps' Demission stellen: Wird es einen Besseren als ihn auch nicht geben?
Didier Deschamps mit Frankreich im Halbfinale der Fußball-WM 2026
Nach 25 Jahren als Spieler und Trainer wird Didier Deschamps die französische Auswahl nach der WM verlassen. Erfolgreich war er dabei stets, so beliebt wie jetzt aber nie. Der Pragmatiker hat sich gewandelt.













