PfadnavigationHomeSportFußballWMFrankreichEinst untrainierbar, heute eine Einheit – der bemerkenswerte Verdienst des Didier DeschampsVon Florian HauptStand: 09:47 UhrLesedauer: 7 MinutenNach dem Ende der Partie zwischen Frankreich und Marokko kommt es zu einer Begegnung zwischen Jürgen Klopp und Kylian Mbappé. Die beiden haben eine gemeinsame Geschichte. Klopp wollte Mbappé vor dessen Wechsel nach Paris nach Liverpool lotsen.Angeführt von der wohl besten Offensive eines WM-Teams seit Jahrzehnten rauscht Frankreich durchs Turnier. Der Erfolg ist auch die Errungenschaft von Didier Deschamps. Wer seinen Wert einschätzen will, muss nur einen Netflix-Film über die Skandal-WM 2010 schauen.Am Rathaus der französischen Hauptstadt wurde vor dem WM-Viertelfinale gegen Marokko am Donnerstag ein großes Banner angebracht: „Paris avec les Bleus“ stand darauf, Paris hält es mit den Blauen. Es war nicht das erste Mal, dass Sportler des Landes mit solchen Botschaften der Kommune animiert wurden, aber es war doch ein bemerkenswerter Anlass. Denn wegen der vielen französischen Bürger mit marokkanischen Vorfahren und etlicher Franco-Marokkaner im Team der Nordafrikaner wurden starke, widersprüchliche und sogar gefährliche Emotionen befürchtet: ein hitziges Duell in Boston sowie Ausschreitungen auf den Pariser Straßen.Beim 2:0 der Franzosen blieb es in der Kapitale dann aber friedlicher als beim Champions-League-Sieg des lokalen PSG, und die Partie selbst kam für ein WM-Viertelfinale ausgesprochen koffeinfrei daher. Frankreich musste nur selten in den höchsten Gang schalten und bekräftigte seine Titelkandidatur eindrucksvoll. Ohne in sechs Turnierspielen einen echten Schreckensmoment überwinden zu müssen, steht die Auswahl von Trainer Didier Deschamps zum dritten Mal nacheinander im Halbfinale. Nur Deutschland zwischen 2002 und 2014 kam je auf eine längere Serie.Anders als im ruppigen Achtelfinale gegen Paraguay konnte Frankreich diesmal auch auf die Komplizenschaft des Schiedsrichters zählen. Alle Verschwörungstheorien im Vorfeld, wonach ein Referee aus dem Land des vergangenen WM-Finalgegners Argentinien die europäischen Favoriten aus dem Turnier pfeifen würde, erwiesen sich als erwartbar lächerlich. Aber das ist eben die Pandora-Büchse, die der Weltverband Fifa geöffnet hat mit seiner Suspendierung einer Rotsperre von Cristiano Ronaldo für die ersten WM-Spiele und insbesondere seiner Begnadigung des amerikanischen Angreifers Folarin Balogun auf Intervention von US-Präsident Donald Trump: Kein angebliches Komplott kann absurd genug klingen, als dass es viele nicht glauben würden.Marokko längst nicht so wütend auf den Schiri wie ÄgyptenLetztlich fielen am Donnerstag dann strittige Entscheidungen allesamt für Frankreich, insbesondere wurde das Tor zum 1:0 von Kylian Mbappé trotz eines Handspiels von Adrien Rabiot bei der Balleroberung vor dem Angriff anerkannt. Einige seiner Profis hätten wegen des vermuteten Vergehens sogar zwischenzeitlich das Spiel gestoppt, haderte Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi zwar. So wüste Polemik wie nach dem Weiterkommen Argentiniens im Achtelfinale gegen Ägypten gab es trotzdem nicht, als Hossam Hassan, Trainer des Außenseiters, über ein „manipuliertes Spiel“ schimpfte und suggerierte, die Fifa habe Superstar Lionel Messi partout im Turnier behalten wollen. Vielmehr blieb ein diskutabler Elfmeter für Frankreich beim Stand von 0:0 folgenlos, weil Mbappé ihn verschoss. Vor allem aber war die Überlegenheit der Franzosen so klar, dass es an ihrem Weiterkommen nichts zu deuteln geben konnte.„Unser Gefühl auf dem Platz war, dass wir von ihnen wenig zu befürchten hatten“, sagte Rabiot über den im Vorfeld wegen seiner Spielstärke hochgehandelten Gegner: „Das war schon überraschend.“ Aber natürlich auch Folge der Souveränität der „Équipe Tricolore“. Nur Senegal in der ersten Hälfte des Auftaktspiels (3:1 für Frankreich) und Norwegen in einzelnen Phasen eines wilden, weil für das Weiterkommen nicht mehr entscheidenden letzten Gruppenspiels (4:1) haben den Mitfavoriten bei diesem Turnier etwas ärgern können. „Glauben Sie mir, wir wollten bessere Dinge mit dem Ball anstellen“, erklärte Ouahbi. Allein, gegen Frankreich ging das nicht.Das Panorama unterscheidet sich damit völlig von jenem der EM 2024 in Deutschland, als sich Frankreich gegen jeden Rivalen schwertat und bis zum verlorenen Halbfinale gegen Spanien nur durch Elfmeter und gegnerische Eigentore zu Treffern kam. 2026 in den USA hat die Deschamps-Elf nach sechs Spielen bereits 16 Tore erzielt.Lesen Sie auchDas hat sicher auch mit den etwas einfacheren Gegnern zu tun – Mbappé kommt bei Weltturnieren auf phänomenale 20 Tore aus ebenso vielen Partien, derweil er bei Europameisterschaften in neun Spielen nur einmal traf, per Elfmeter. Es liegt aber auch an einer Systemumstellung des Trainers, der statt Dreier-Mittelfeld und Dreier-Sturm wie vor zwei Jahren nun eine Doppelsechs mit vier Angreifern davor aufbietet.Wohl die beste Offensivreihe seit Brasilien 1970Der Pragmatiker Deschamps tat damit das Offensichtliche: Wer über so viel Weltklasse im Angriff verfügt (und vergleichsweise wenig im Mittelfeld), sollte diese Stärke auch ausspielen. Im Vergleich zu 2024, als Mbappé nach einem Nasenbeinbruch im Auftaktspiel mit Gesichtsmaske agieren musste, ist nicht nur der Vorzeigestar ohne Verletzungssorgen. Auch ist aus dem damals noch als wankelmütig verschrienen Ousmane Dembélé der Leader des PSG und amtierende Weltfußballer gereift. Und sind in dem Pariser Desiré Doué sowie Bayerns Michael Olise zwei Ausnahmetalente hinzugekommen, die 2024 noch für Frankreichs Olympiaauswahl kickten.Mbappé, Weltmeister 2018 und WM-Zweiter 2022, nennt bei einem Spaziergang durch seine Teams das von 2026 „zweifelsohne das mit dem meisten Potenzial“. Womöglich seit Brasiliens famoser Offensive 1970 aus Pelé, Gerson, Rivellino, Jairzinho und Tostão war bei einer WM nicht mehr eine Angriffsreihe von solcher Opulenz und Mobilität zu erleben gewesen wie dieses Frankreich mit Mbappé, Olise, Dembélé und Doué (oder Bradley Barcola). Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass große Namen auch großen Fußball zeigen, wie der Vergleich mit einem anderen Brasilien illustriert, dem der WM 2006. Zur WM in Deutschland wurde damals ein „magisches Quartett“ mit Ronaldinho, Kaká, Adriano und Ronaldo angekündigt. Aber wegen fehlender Spielfreude und Feinabstimmung erwies es sich als Vierer der traurigen Gestalt.Bei Frankreich 2026 erklärte Dembélé seinen Treffer zum 2:0 folgendermaßen: „Zwei oder drei Minuten vorher sagte Kylian zu mir, dass ich in der Mitte bleiben soll, weil wir die Gelegenheit zum Konter bekommen würden. So kam es. Er hat dann einen sehr guten Lauf gemacht, um Raum zu öffnen.“ Solche Sätze sprechen nicht nur für ein gutes Zusammenspiel, sondern auch für eine hervorragende Teamchemie. Für beides in erheblichem Maße verantwortlich ist im Fußball der Trainer.Lesen Sie auchDidier Deschamps ist zu bescheiden, um seine Errungenschaften in großem Stil zu inszenieren. Aber man muss nur den kürzlich erschienenen Netflix-Film „Le Bus“ über die französische Skandal-WM 2010 schauen, um die Leistung des 2012 angetretenen Deschamps gebührend einzuordnen. Unter seinem Vorvorgänger Raymond Domenech blamierten sich die „Bleus“ mit Spieleraufstand und Trainingsstreik, wozu die Dokumentation neue und abenteuerliche Einblicke liefert. Frankreich galt in jenen Jahren als nahezu untrainierbar. Deschamps hingegen hat bei keiner seiner vier Weltmeisterschaften nennenswerte Reibereien in der Équipe gehabt, und das, obwohl sich die Gepflogenheiten geändert haben, wie er vor der WM in einem Interview mit WELT AM SONNTAG betonte. Die Spielergeneration von heute „will zum Beispiel mehr Austausch“, so der Coach: „Ich kritisiere das nicht, ich stelle nur fest und passe mich an, um keinen aus der Gruppe zu verlieren.“ Denn letzteres sei der Schlüssel.Bei Real eine Diva, in Frankreich ein AnführerNie verloren hat er beispielsweise Mbappé, der bei seinem Verein Real Madrid die Anhänger durch einen Hang zum Diventum irritiert – von Deschamps infolge des Abgangs von Torwart Hugo Lloris nach der WM 2022 aber als Kapitän in die Verantwortung genommen wurde. „Viele denken, dass Kylian eine Art Diktator ist, der nur an sich selbst denkt“, erklärte Deschamps nach dem Marokko-Spiel und griff damit einen in den sozialen Medien verbreiteten Spitznamen auf. „Aber als Kapitän ist er vorbildlich, das zeigt er auf dem Platz, auch jenseits all seiner Tore.“Hinzugewonnen hat Deschamps derweil Olise, einen Angriffsallrounder mit einer Omnipräsenz, wie sie an guten Tagen fast an die eines Messi erinnert. Mit WELT AM SONNTAG sprach der Trainer im vorigen Monat auch über die Anfänge des Bayern-Stars in der A-Nationalelf. „Es hat etwas gedauert, bis er aufgetaut ist. Denn es ist kein Geheimnis, dass er eher introvertiert ist.“ Die klassische, aber effektive Methode von Deschamps: „Wir versuchen, ihn durch Gespräche zu unterstützen.“Im Ergebnis spielt das in der Deschamps-Ära bisweilen als defensivorientiert und langweilig kritisierte Frankreich plötzlich oft geradezu aufregenden Offensivfußball. Soweit kann es sich das gut erlauben, weil die alten Tugenden wie taktische Disziplin und mentale Abgeklärtheit dabei nicht verloren gegangen sind.Ist es das beste Frankreich des letzten Jahrzehnts? Solange das Abschneiden bei dieser WM nicht feststehe, vermöge er keine Aussage darüber zu treffen, erklärte Mbappé. Aber eines sei unbestreitbar: „Es erlaubt uns zu träumen.“
WM 2026: Frankreich einst untrainierbar, nun eine Einheit – Deschamps bemerkenswerter Verdienst - WELT
Angeführt von der wohl besten Offensive eines WM-Teams seit Jahrzehnten rauscht Frankreich durchs Turnier. Der Erfolg ist auch die Errungenschaft von Didier Deschamps. Wer seinen Wert einschätzen will, muss nur einen Netflix-Film über die Skandal-WM 2010 schauen.













