Ganz am Ende drehte sich doch fast alles um Kylian Mbappé, obwohl der am Ende gar nicht mehr auf dem Platz gestanden hatte. Vielmehr saß der Star der französischen Fußball-Equipe mit einem Eisbeutel am rechten Knöchel auf der Ersatzbank. Doch kaum hatte der Schiedsrichter das Viertelfinale der Weltmeisterschaft gegen Marokko abgepfiffen, erhob sich auch Mbappé von seinem Platz, den er eine Viertelstunde vor dem Spielende im Stadion von Foxborough eingenommen hatte, und schritt zurück auf den Rasen.Es war die Antwort auf die wichtigste Frage um Mbappé, die der französische 2:0-Sieg aufgeworfen hatte. Als der Stürmer lächelnd Mit- und Gegenspieler abklatschte und als Erster – wild hüpfend und stilecht mit zurückerhaltener Kapitänsbinde, die er bei der Auswechslung abgeben musste – vor dem Fanblock auftauchte, war allen, die es mit der Trikolore halten, die größte Sorge in der Freude über den dritten Einzug in ein WM-Halbfinale in Serie genommen: So schlimm konnte Mbappés Verletzung wohl nicht sein.Kylian Mbappé: „Ich habe eine leichte Knöchelverletzung“Plötzlich hatte Mbappé zuvor im Mittelkreis gesessen, die Teambetreuer eilten zu ihm und erkannten schnell, dass es nicht weitergehen würde. Doch das soll nur für dieses Spiel gelten, Mbappé ist guten Mutes, dass er im Halbfinale am kommenden Dienstag wieder mit von der Partie sein kann. „Ich habe eine leichte Knöchelverletzung, aber mir geht‘s bestens“, sagte Mbappé später, als er noch zum Spieler des Spiels gekürt wurde.Bestens? Danach sah es nicht aus, als Mbappé einen Elfmeter so kraftlos in die Arme des marokkanischen Torwarts Yassine Bounou geschossen hatte, als hätte er schon drei Wochen Tour de France in den Beinen. Das sechste Spiel bei dieser extremen Fußball-WM mag kaum minder kraftraubend sein als die „Große Schleife“, doch war Mbappés Problem gar nicht, dass er zu wenig Erholungszeit vor der Ausführung hatte, sondern eher zu viel.Nach einem klaren Foul an ihm entschied Schiedsrichter Facundo Tello auf Elfmeter. Die Franzosen haben ein festgelegtes Ritual, damit sich Mbappé besser konzentrieren kann. Zunächst schnappt sich Ousmane Dembélé den Ball. Erst, wenn die Ausführung kurz bevorsteht, übergibt er an Mbappé. Doch Tello sendete widersprüchliche Signale: Erst war die Überprüfung durch den Videoassistenten angeblich abgeschlossen, dann wieder nicht. Mbappé musste warten, drei Minuten und elf Sekunden schließlich.Dann durfte er schießen, scheiterte an Bounou und gestikulierte wütend in Richtung des Schiedsrichters. Vermutlich hatte sein Videoassistent noch ein Duell von Désiré Doué und Achraf Hakimi begutachtet. Als das geklärt war, musste Mbappé den Ball noch einmal positionieren, weil der Schiedsrichter ihn nicht auf dem Punkt liegen sah. Das brachte Mbappé aus der Fassung. „Ich habe mich ablenken lassen. Das gehört zum neuen Fußball mit dem VAR, man muss sich anpassen“, sagte er nonchalant, wissend, dass sein Fehlversuch nur eine Fußnote eines einseitigen Fußballspiels gewesen war.Wer hat das Extra bei der WM der Stars?Denn Mbappé machte es noch besser. Erst zirkelte er einen Schuss fast ohne Anlauf genau neben den Pfosten zum 1:0 ins Tor, dann übergab er – anders als beim Elfmeter – Dembélé den Ball, den der an Bounou vorbeischoss zum 2:0. Ein Tor, eine Vorlage, wohl dem, der einen Star in seiner Mannschaft hat, der schon acht Tore bei dieser WM und 20 bei all seinen Weltturnieren erzielt hat. Und der sich von seiner ersten Teilnahme, als er mit 19 Jahren 2018 gleich den Titel gewann, bis jetzt von einer Diva zu einem Anführer entwickelt hat. Trainer Didier Deschamps nannte ihn ein „Vorbild“.Doch die Geschichte vom gereiften Star der Franzosen, die in einer Woche ihren dritten WM-Stern erobern wollen, ist nur ein Teil des Erzählstrangs – und das hebt sie über die aller anderen, die auf ein Happy End am 19. Juli hoffen. Es ist die WM der Stars: Kylian Mbappé für Frankreich, acht Tore. Lionel Messi für Argentinien, acht Tore. Erling Haaland für Norwegen, sieben Tore. Harry Kane für England, sechs Tore.Und sonst? Ist es doch eher eine One-Star-Show. Cristian Romero erzielte zwei Tore für Messis Argentinier, Antonio Nusa zwei für Haalands Norweger, Jude Bellingham immerhin vier für Kanes Engländer. Die kommen Mbappés Franzosen am nächsten, die mit Dembélé einen Torschützen haben, der nun schon fünfmal traf. Dass zwei Spieler einer WM-Mannschaft mindestens so viele Treffer erzielt haben, gab es zuletzt 2002 mit Ronaldo (acht) und Rivaldo (fünf). Das Ende dieser Geschichte: Brasilien wurde Weltmeister.Neben Mbappé und Dembélé trafen bei diesem Turnier bisher nur Bradley Barcola und Désiré Doué für Frankreich – keine Abwehrspieler, auch keine Mittelfeldspieler, nur zwei andere Stürmer, zu denen auch Michael Olise, Rayan Cherki oder Marcus Thuram gehören. Deschamps, für den die Zeit als Nationaltrainer nach der WM nach 14 Jahren enden wird, hat ein enormes Weltklasse-Reservoir in der Offensive. Er weiß es zu nutzen. „Der Gegner weiß, dass wir gefährlich sind, von links, von rechts, überall. Ich gebe ihnen diese Freiheiten. Sie sollen nicht zu vorhersehbar sein.“Es scheint, als habe Deschamps seine Erfolgsformel bei der WM der Stars gefunden. Der Star ist nicht die Mannschaft, das war einmal. Der Star ist auch nicht der Star, so ist es bei den anderen. Der Star sind die Stars. Das könnte der entscheidende Vorteil werden: Advantage France.