PfadnavigationHomeSportFußballWMÜberlastung der Spieler„Die Alarmglocken läuten seit Längerem“, sagt Frankreichs Trainer zur Mammut-WMVon Torsten RumpfStand: 07:37 UhrLesedauer: 6 MinutenEndlich rollt der Ball. Mexiko gewinnt das WM-Auftaktspiel gegen Südafrika mit 2:0. Drei rote Karten überschatten das Spiel. Jens Lehmann spricht sich mit Blick auf die Zukunft bei „WELT am Ball“ für eine Regelrevolution im Fußball aus.104 Spiele sind bei der WM zu bestreiten, ehe der Titelträger feststeht. Didier Deschamps, Trainer des Favoriten Frankreich, sieht darin ein großes Übel. „Die Gefahr eines Burn-outs ist nicht wegzudiskutieren“, sagt er im Gespräch.Es wird seine letzte Weltmeisterschaft als Cheftrainer der Franzosen – und zum Abschied will Didier Deschamps noch einmal den Titel holen. Wenige Tage vor dem Auftakt des Turniers traf WELT am SONNTAG den 57-Jährigen im nationalen Fußball-Leistungszentrum in Claire Fontaine, etwa 60 Kilometer südwestlich von Paris. WELT AM SONNTAG: Monsieur Deschamps, mit dem ersten Vorrundenspiel gegen Senegal am 16. Juni beginnt Ihre Abschiedstour als französischer Nationaltrainer. Kommt Wehmut auf?Didier Deschamps: Ich zähle nicht jeden Tag, ich genieße jeden Tag. Denn es ist ein Privileg für mich, der Nationalmannschaft dienen zu dürfen, mit ihr Siege feiern zu können. So war ich schon als Spieler. Aber ich weiß: Die Zeit vergeht jetzt schnell. Doch ich konzentriere mich nun auf das Wesentliche, um bei der WM nochmals erfolgreich zu sein. WamS: Die „Équipe Tricolore“ gilt als Favorit. Teilen Sie diese Meinung?Deschamps: Natürlich wissen wir um unsere Stärke. Wir wurden 2018 Weltmeister, standen 2022 gegen Argentinien im Finale. Wir haben viele gute Fußballspieler mit sehr hoher Qualität. Aber es gibt sechs, sieben Mannschaften, die den Titel holen können: Spanien, Portugal, England, Deutschland, Brasilien und Argentinien zählen dazu. Und bei dieser WM gilt es erneut, Etappen mit vielen Widrigkeiten zu überwinden. Lesen Sie auchWamS: Das heißt?Deschamps: Die klimatischen Voraussetzungen etwa, die Reiserei aufgrund der weiten Entfernungen. Das fußballerische Niveau ist sehr hoch. Man muss nur auf unsere Vorrundengruppe schauen, die ist mit den Gegnern Senegal, Irak und Norwegen schwierig. Oder man sollte sich an die WM 2022 in Katar zurückerinnern. Damals qualifizierte sich mit Marokko erstmals ein afrikanisches Land für das Halbfinale. Warum sollte es eine derartige Überraschung nicht wieder geben? WamS: Gelingt Ihnen mit Frankreich der Coup, wäre es Ihr dritter WM-Triumph nach 1998 als Spieler und 2018 als Trainer. Nur Franz Beckenbauer und Mario Zagallo wurden ebenfalls als Spieler und Trainer Weltmeister. Was bedeutet Ihnen das?Deschamps: Mein Antrieb ist nicht, Rekorde zu jagen, sondern mit Frankreich Titel zu gewinnen. Und was viele unterschätzen: Ein Trainer ist von seinen Spielern abhängig, sie haben im Erfolgsfall den größten Verdienst. Das heißt nicht, dass ein Trainer keine Bedeutung hat, im Gegenteil. Aber am Ende steht eine Mannschaft auf dem Platz. Sie haben Franz Beckenbauer erwähnt. Der hat es auch so gesehen. Sein Tod vor wenigen Jahren hat mich sehr bewegt.WamS: Warum?Deschamps: Franz Beckenbauer hat den Fußball für die Ewigkeit geprägt. Als Spieler war er elegant und Weltklasse. Hinzu kommt sein Glanz als Persönlichkeit. Vor seiner Leistung habe ich riesigen Respekt.WamS: Den Sie in der Heimat nicht immer bekamen. Der Vorwurf: Sie würden zu oft pragmatischen Fußball spielen lassen.Deschamps: Im Ausland würde ich vielleicht mehr Anerkennung finden (schmunzelt). WamS: Trotzdem betreuen Sie seit 2012 die Nationalmannschaft und sind somit der dienstälteste Trainer einer Top-Nation bei dieser WM. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?Deschamps: Das gilt für alle Trainer: Dass ich heute noch im Amt bin, liegt daran, dass die französische Mannschaft in der Zeit viele Spiele gewonnen hat, 2018 Weltmeister wurde. Sonst hätte es früher für mich enden können. Hinzu kommt sicherlich, dass ich bis heute immer mit der gleichen Leidenschaft und Entschlossenheit Trainer bin.WamS: Hat sich Ihre Arbeit verändert?Deschamps: Die Spielergeneration ist nicht mehr die gleiche wie die von 2012 oder 2014. Sie will zum Beispiel mehr Austausch. Ich kritisiere das nicht, ich stelle es nur fest und passe mich an, um keinen aus der Gruppe zu verlieren. Das ist ganz wichtig, um ein erfolgreiches Turnier zu spielen.WamS: Hat sich auch der Mensch Didier Deschamps seither verändert?Deschamps: Natürlich, ich bin 14 Jahre älter. Die Prioritäten eines 40-Jährigen sind mit denen eines über 50-Jährigen nicht zu vergleichen. Man wird routinierter, ohne die Gier zu verlieren. Aber ich konzentriere mich auf das Wesentliche. Wenn ich aufstehe, weiß ich, was ich tun muss und was schlecht ist, um keine Zeit zu verlieren. Aber klar ist auch: Keiner kann perfekt sein. WamS: Perfekt scheint Ihr Kapitän Kylian Mbappé auch nicht zu sein, sonst hätte er vorige Saison mit Real Madrid einen Titel gewonnen.Deschamps: Kylian ärgert das, denn er hat an sich sehr hohe Ansprüche. Gleichwohl hat er eine sehr gute Saison gespielt, ist noch effektiver geworden. Für uns ist er ein toller Anführer, der sehr viel gelernt und sich als Kapitän weiterentwickelt hat. Er übernimmt viel Verantwortung und weiß, dass er nicht mehr nur für sich spricht. Das macht er mit Bravour.WamS: Michael Olise von Bayern München erzielte alle drei Treffer beim 3:1 im letzten Testspiel gegen Nordirland. Welche Bedeutung hat er für Ihr Team?Deschamps: Eine sehr hohe Bedeutung. Er hat diese Saison sowohl bei Bayern als auch bei uns herausragend gespielt. Er strotzt vor Selbstvertrauen und ist unglaublich entscheidungsfreudig. Außerdem hat er eine bemerkenswerte Laufbereitschaft. Wir brauchen einen Michael auf diesem Niveau. Hut ab vor ihm.WamS: Warum?Deschamps: Er kam nach guten Olympischen Spielen (2024 – d.R.) zu uns. Es hat etwas gedauert, etwa vier Spiele, bis er aufgetaut ist. Denn es ist kein Geheimnis, dass er eher introvertiert ist. Doch er ist ein sehr sympathischer Junge. Wir versuchen, ihn durch Gespräche zu unterstützen. Er entwickelt sich prächtig, er hat alles dafür getan, dieses Niveau zu erreichen.WamS: Es fällt auf, dass bei der WM auf Spieler wie Ronaldo, Modrić, Messi oder Neuer gesetzt wird, obwohl sie alle um die 40 sind.Deschamps: Früher lag die Altershöchstgrenze bei 35, heute spielen einige länger. Das fällt auf. Natürlich liegt das daran, dass sie alle ausgezeichnete Sportler sind. Aber die Spieler heutzutage werden medizinisch und mental anders und besser betreut als zu meiner aktiven Zeit. Und sie leben bewusster für den Fußball. Das beste Beispiel ist Cristiano Ronaldo: ein Musterprofi.WamS: Trotzdem schlagen Sie Alarm und warnen vor einer Überbelastung.Deschamps: Die Alarmglocken läuten seit Längerem. Der Kalender war für einen Top-Spieler schon immer überladen, jetzt kommen noch mehr Partien dazu. Allein an der WM nehmen 48 Mannschaften teil, es gibt zusätzliche Wettbewerbe wie die Klub-Weltmeisterschaft. WamS: Mit der Konsequenz?Deschamps: Dass die Erholungsphasen für die Spieler kürzer werden, aber auch die Vorbereitungsphasen auf ein Turnier. Mittlerweile kann man berechnen, wie es um die körperliche Müdigkeit eines Spielers bestellt ist. Was aber nicht messbar ist: Wie geht es der Psyche eines Spielers? Und die spielt eine wichtige Rolle im Fußball. Die Gefahr eines Burn-outs ist deshalb nicht wegzudiskutieren. Solche Themen sollten nicht außer Acht gelassen werden.WamS: Spätestens mit dem WM-Finale endet Ihre Zeit als Nationaltrainer. Wie bewerten Sie Ihre Karriere als Spieler und Verantwortlicher der „Équipe Tricolore“ bisher?Deschamps: Die Erfolge kann uns keiner nehmen. Weltmeister geworden zu sein, hinterlässt Spuren. Spieler und Trainer, die das geworden sind, egal aus welchem Land, haben ihren Vor- und Nachnamen behalten. Aber man hat dieses eine Wort hinzugefügt: Weltmeister.
Überlastung der Spieler: „Die Alarmglocken läuten seit Längerem“, sagt Frankreichs Trainer zur Mammut-WM - WELT
104 Spiele sind bei der WM zu bestreiten, ehe der Titelträger feststeht. Didier Deschamps, Trainer des Favoriten Frankreich, sieht darin ein großes Übel. „Die Gefahr eines Burn-outs ist nicht wegzudiskutieren“, sagt er im Gespräch.














