Es passierte, was auf keinen Fall passieren durfte. Gerade hatte der Spielmacher des WM-Favoriten noch das Champions-League-Finale entschieden und war mit vorbildlicher Laune zur Weltmeisterschaft aufgebrochen, da fuhr ihm im letzten Vorbereitungsspiel ein Schmerz in den Oberschenkel. Die Diagnose „kleiner Muskelfaserriss“ ließ den Spielmacher hoffen, im Laufe des Turniers wieder eingreifen zu können, was sich auf eine gewisse Art auch bewahrheiten sollte. Im dritten Gruppenspiel lief er wieder auf, aber da war es schon zu spät. Nach zwei vorangegangenen Niederlagen schied der amtierende Welt- und Europameister in der Vorrunde aus.So war das damals mit Frankreich und Zinédine Zidane und der WM 2002 in Japan und Südkorea. Und die Franzosen nahmen eine schwere Debatte mit auf den Heimflug, die aus heutiger Sicht nahezu putzig klingt. Es ging darum, dass Zidane keine ausreichende Vorbereitungszeit auf die WM gehabt habe, weil er mit Real Madrid kurz vor Turnierbeginn noch ein Champions-League-Finale gewinnen musste. Umfangreiche Zeitungsartikel wurden damals zum Thema „Überbelastung von Fußballprofis“ erstellt, und mancher Experte befürchtete bereits ein Humpel- und Torkel-Turnier bei asiatischer Hitze und Luftfeuchtigkeit.Assan Ouédraogo:Er weiß gar nicht, wie gut er istNein, er war natürlich nicht betrunken: Der nachnominierte Assan Ouédraogo bereichert den DFB-Kader mit seiner Euphorie und seinen vielfältigen Qualitäten. Sein WM-Debüt? Ist jederzeit möglich.Es war, wie man heute sagen kann, eine glückliche Zeit. Fußballspieler bestritten Punkt-, Pokal- und Europacup-Spiele, manche bestritten darüber hinaus noch einige Partien für ihr Land.Kurz bevor die deutsche Nationalelf 24 Jahre später zu einer WM mit nordamerikanischer Hitze und Luftfeuchtigkeit aufgebrochen ist, saß der Nationalspieler Jonathan Tah im Trainingslager in Herzogenaurach und sprach auf dermaßen beredte Art nicht über dieses Thema, dass das Kalkül dahinter offensichtlich war. „Ich habe gerade gar keine Zeit und gar keine Lust, um über Müdigkeit nachzudenken“, sagte er, „es ist der absolut falsche Zeitpunkt.“ Er freue sich „extrem auf die WM“, er werde „jedes einzelne Spiel bereit sein, Vollgas zu geben“.Jonathan Tah könnte theoretisch auf 76 Saisonspiele kommenEs ist ein bisschen wie bei kleinen Kindern, die sich die Hände vor die Augen halten. Wenn ich den riesigen, schwarzen Hund nicht sehe, dann sieht er mich auch nicht!Tah ist ein reflektierter Profi und hat schon häufiger seriöse Bedenken zum Thema „Überbelastung“ geäußert, aber er kennt die Regeln. Er weiß genau, wann er etwas sagen kann und wann nicht. Tah gehört zu den höchstbelasteten Profis der Welt, laut einer Hochrechnung der Spielergewerkschaft Fifpro könnte er bis zum Ende der WM inklusive aller Freundschaftsspiele mit dem FC Bayern auf 76 Saisoneinsätze kommen. In dieser Hochrechnung wird das DFB-Team zwar freundlicherweise bis zum Finale durchgebucht, dennoch ist diese Zahl so absurd hoch, dass man sie den beteiligten Muskelfasern lieber verschweigen sollte.Jonathan Tah, 30, spielt gerade den dritten Sommer durch. Nach der EM im Sommer 2024 spielte er im Sommer 2025 mit dem FC Bayern die Klub-WM, und im Sommer 2026 bereitet er sich jetzt auf die richtige WM vor, bei der inzwischen so viele Teams mitmachen, dass man ein sehr breites Internet braucht, um den Spielplan auf einen Blick vor sich zu haben. Auch tritt Tah ständig in der Champions League auf, bei der inzwischen so viele Teams mitmachen, dass man eine sehr hohe Altbauwohnung braucht, um die Tabelle an die Wand zu hängen.76 Spiele. Das sind mehr als zwei Bundesligasaisons, reingequetscht in ein Jahr. Auf mehr Spiele als Tah könnten es laut Fifpro nur die Arsenal-Spieler David Raya, Martin Zubimendi, Viktor Gyökeres und Declan Rice bringen; bei Virgil van Dijk vom FC Liverpool könnten es 75 Spiele werden. Sie sind alle bei der WM dabei.„Eine gewisse Müdigkeit verspürt, die mich zum Nachdenken gebracht hat“: der aus dem DFB-Team zurückgetretene Ilkay Gündogan, hier bei der EM 2024 mit Bundestrainer Nagelsmann. Christian Charisius/dpaDie Gelegenheit ist günstig, um dieses Thema auch mit Ilkay Gündogan zu besprechen, denn der ehemalige DFB-Kapitän und aktuelle Galatasaray-Spieler hat gerade etwas, was er selbst kaum glauben kann: Urlaub. Sieben Wochen am Stück! Gündogan, 35, ist das Thema „Belastung“ so wichtig, dass er es sogar in seinen Abschiedsbrief aufgenommen hat. Zuletzt habe er „im Körper, aber auch im Kopf eine gewisse Müdigkeit verspürt, die mich zum Nachdenken gebracht hat“, so formulierte er es anlässlich seines DFB-Rücktritts im August 2024. „Es wird auch weiterhin eher mehr Spiele geben als weniger“, sagt er, als ihn die SZ in dieser Woche im Urlaub erreicht, „man kann sich ja kaum vorstellen, dass Wettbewerbe wieder abgeschafft werden.“Gündogan mag nicht darüber klagen, dass die Verbände mehr denn je jeden Cent aus den Wettbewerben und noch den letzten Tropfen Benzin aus den Spielerkörpern pressen, er weiß ja, wie die Gegenrede lautet: Aber ihr Profis und eure Berater profitiert doch auch davon! Er macht sich lieber Gedanken, wie sich mit dem Wildwuchs an Spielen am kreativsten umgehen lässt: Er schlägt konsequentes Kräftemanagement vor, bei Turnieren und auch in der Liga.Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA:Spielplan der Fußball-WM 2026: Alle Gruppen, Spiele und TermineDie Fußball-WM 2026 läuft, Mexiko gewinnt den Auftakt gegen Südafrika. Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.Rotationen und frühe Wechsel könnten bei diesem Turnier wichtiger werden denn je„Ich denke, dass bei dieser WM die Bankspieler so wichtig sein werden wie selten zuvor“, sagt er. „Ich rechne mit vielen auch frühen Auswechslungen und Rotationen, selbst bei Mannschaften, die erfolgreich unterwegs sind. Und vielleicht müssen auch die Vereine immer mehr darüber nachdenken, noch mehr in die Breite zu investieren statt immer nur in die absolute Spitzenklasse.“ Aber Gündogan wäre nicht Gündogan, würde er nicht auch schon die Kollateraldebatten antizipieren: „Man muss medial dann aber auch mal geduldiger werden und darf nicht sofort den Trainer scharf kritisieren, weil man vielleicht mal nur Unentschieden gespielt hat, weil der Topstürmer nach zehn Spielen in Serie auf der Bank saß.“Tatsächlich müssen ja nicht immer gleich Muskelfasern reißen, um die Folgen von Überbelastung zu illustrieren, ein Fußballprofi sieht und spürt auch andere Zeichen. So war Gündogan bei der WM 2022 in Katar zunächst überrascht von der Intensität des Wettbewerbs, die Spieler hätten „extrem fit gewirkt“, sagt er. „Aber das lag wahrscheinlich daran, dass dieses Turnier im europäischen Herbst stattgefunden hat, mitten im Ligabetrieb. Die Spieler waren noch voll im Saft und nicht müde am Ende einer langen Saison.“ Fürs Niveau der aktuellen WM prophezeit er, „dass sich die Dauerbelastung qualitativ bemerkbar machen wird. Vielleicht wird am Ende die Mannschaft Weltmeister, die am besten mit ihren Kräften umgeht“.Am liebsten wäre allen Beteiligten wahrscheinlich, wenn die kleine, verrückte Idee wahr würde, die Pep Guardiola gegenüber Gündogan mal geäußert hat. „Pep hat da mal was Lustiges gesagt“, erzählt Gündogan, „er meinte, er müsste eigentlich mal mitten in der Saison der Hälfte der Mannschaft freigeben, damit die Spieler mit ihren Familien zwei Wochen wegfliegen können.“Das wird nicht so kommen, das wissen Guardiola, Gündogan und Tah. Und falls doch, würden die Verbände für diese zwei Wochen noch schnell einen Wettbewerb erfinden.