PfadnavigationHomeSportFußballWMHitze in den USA„Was die Leistungsfähigkeit der Akteure angeht, schafft sich die Fifa fußballerisch Probleme“Stand: 10:42 UhrLesedauer: 6 MinutenDie deutsche Nationalmannschaft steht kurz vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao. Aus Houston berichtet WELT-Reporter Steffen Schwarzkopf über die letzten Vorbereitungen des DFB-Teams. Trotz hoher Temperaturen in Texas dürfte die Hitze keine Rolle spielen.Bei der WM werden viele Spiele unter extremer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit stattfinden. Klimaforscherin Friederike Otto kritisiert die Fifa für fehlende Aufklärung und zu wenige Maßnahmen. Der Verband spiele mit der Gesundheit von Spielern und Fans.Die Wettervorhersage ist nicht erbaulich. An vielen Spielorten der Weltmeisterschaft werden in der kommenden Woche Temperaturen jenseits der 30 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit erwartet. Neben den anderen Teams werden bei dem Turnier auch die klimatischen Bedingungen in vielen Stadien ein Gegner sein. Friederike Otto ist eine deutsche Klimaforscherin, Physikerin und Philosophin. Die 43-Jährige forscht am Imperial College London und war zuvor an der Universität Oxford tätig. Sie ist bekannt für ihre Arbeit zur Attributionsforschung bei Extremwetter. Die Mitgründerin von World Weather Attribution beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Frage, wie stark der Klimawandel einzelne Wetterextreme wahrscheinlicher oder intensiver macht. Sie gilt als eine der bekanntesten Stimmen in der Klimafolgenforschung und wurde 2023 mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet.Ihre Arbeit macht Klimawandel für konkrete Ereignisse greifbar und ist deshalb auch für Sport, Eventplanung und Hitzebelastung von großer Bedeutung.WELT: Was ist der Wet Bulb Globe Temperature? Friederike Otto: Der WBGT ist ein Hitzestress-Index, der die Belastung für den Menschen beschreibt. Er ist ein medizinisch begründeter Index, der bemisst, wie die Kombination von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, aber auch Sonneneinstrahlung und Wind auf den Körper einwirkt. Wir messen, wie die Umgebungs- und Wetterumweltbedingungen auf den menschlichen Körper wirken. Er wurde vor allem für Sportler erfunden, Sportmediziner arbeiten mit dem WBGT. WELT: Also reicht es nicht, nur auf das Thermometer zu schauen? Lesen Sie auchOtto: Genau, Sport bei 26 Grad bei 85 Prozent Luftfeuchtigkeit etwa kann viel gefährlicher sein als bei 30 Grad und trockener Luft. WELT: Auch die Fifa arbeitet bei der Risikobewertung mit diesem Index. Otto: Ja, aber der Verband setzt extrem hohe Werte an. Die Fifa sagt ein Spiel erst bei einem Wert von 32 ab. Da ist es schon gefährlich, nur draußen zu sitzen. Die Gewerkschaft der Spieler hat gefordert, dass Spiele schon bei einem Wert von 28 abgesagt werden. Dieser ist etwa bei einer Temperatur um die 30 Grad, einer Luftfeuchtigkeit von 75 bis 85 Prozent bei voller Sonneneinstrahlung erreicht. Die Fifa hält an der 32 fest, was wirklich extrem gefährlich ist. Schon bei 26 WBGT wird Sport im Freien wirklich gefährlich. WELT: Besteht die Gefahr, dass diese Werte bei der WM erreicht werden? Otto: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wetterbedingungen so sind, dass es extrem gefährlich wird, Sport zu treiben, ist in einigen Spielorten sehr hoch. Nur drei Stadien haben eine Klimatisierung, nur sieben sind überdacht. Die gefährlichsten Orte sind Dallas, Houston und Atlanta. Die haben Klimaanlagen, aber natürlich nur für die Stadien. WELT: Dann gibt es dort doch keine Probleme. Otto: Für die Spieler nicht, aber für die Fans sehr wohl. Viele sind schon Stunden vorher am Stadion, andere sind beim Public Viewing – um diese Zuschauer muss man sich am meisten Sorgen machen. Das ist furchtbar stressig und anstrengend für den menschlichen Körper. Wir sehen immer wieder, dass Menschen unterschätzen, wenn es Hitzewellen in Deutschland oder in Europa gibt, wie gefährlich das ist. Es sterben jedes Jahr in Europa Tausende Menschen in Hitzewellen – darunter auch viele gesunde Menschen, die unterschätzen, wie verletzlich sie sind. Ich fürchte, dass Fußballfans am Spieltag oft nicht diejenigen sind, die das Risiko am besten einschätzen können. Die Fifa hat sich im Vorfeld der WM keine Mühe gegeben, Aufklärung zu betreiben. WELT: Was müsste die Fifa tun? Otto: Das Mindeste wäre, dass es kostenloses Wasser für die Zuschauer gibt. An den Stadiontoren müssten Mitarbeiter Informationen verbreiten, wie man sich bei großer Hitze und Luftfeuchtigkeit verhalten sollte. Man muss Schatten und Kühlungsmöglichkeiten bereitstellen. WELT: 1994 war es bei der WM in den USA aber auch schon heiß. Otto: Klar. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es Spiele geben wird, die diese Temperatur von 28 WBGT erreichen, hat sich seit 1994 verdoppelt. Auch für etwas niedrigere WBGT-Werte hat sich die Wahrscheinlichkeit seit der letzten WM in den USA deutlich erhöht. Es war auch damals schon heiß, aber es ist jetzt halt deutlich heißer. Und gerade am extremen Ende der Verteilung macht sich der Klimawandel am deutlichsten bemerkbar. WELT: 32 Jahre später sind von den 16 Stadien nur sieben überdacht. Otto: Gefährliche Werte dürften neben Dallas, Houston und Atlanta auch in New York, Kansas, Philadelphia, Miami und Monterrey in Mexiko erreicht werden. Dort gibt es weder eine Klimatisierung noch ein Dach, hier betrifft es dann auch die Spieler. WELT: In New York findet das Finale statt. Anpfiff ist um 15 Uhr Ortszeit. Otto: In New York ist die Wahrscheinlichkeit, dass sehr gefährliche Bedingungen herrschen, sehr hoch. Und 15 Uhr ist von den klimatischen Bedingungen her die gefährlichste Zeit des Tages – für Spieler und Zuschauer. Die Fifa schafft sich fußballerisch, was die Leistungsfähigkeit der Akteure angeht, auf jeden Fall damit Probleme. Es wäre aus medizinischer Sicht sinnvoll, das Spiel morgens oder am späten Abend anzupfeifen, aber das wird nicht passieren. Das Interesse der Fifa scheint im Wesentlichen im finanziellen Bereich zu liegen. WELT: Sind Sportveranstaltungen im Sommer noch zu verantworten? Otto: Solange wir weiterhin Öl, Kohle und Gas verbrennen, wird es zunehmend gefährlich, im Sommer große Sportveranstaltungen zu veranstalten. Wir haben das schon in Paris bei den Olympischen Spielen gesehen, wo es viele Probleme mit der Hitze gab, und auch in Tokio davor. Das wird jedes Jahr schlimmer. WELT: Die WM wird mehr Emissionen als jedes Turnier davor verursachen. Otto: Also die Fifa ist sicherlich nicht hilfreich – sowohl was das Risikobewusstsein für die Thematik als auch den Ausstoß von Emissionen angeht. Lesen Sie auchWELT: Ist das für Sie als Wissenschaftlerin nicht frustrierend? Otto: Wir liefern ja nicht nur Zahlen, sondern auch die Interpretation. Es ist sehr frustrierend, dass nicht schneller etwas passiert. Ich denke aber, dass sich in den vergangenen Jahren etwas verändert hat. Vor 15 Jahren haben viele noch gesagt, man könne individuelle Wettereignisse nicht dem Klimawandel zuordnen. Dies hat sich doch stark gewandelt. Wir wissen, dass der Klimawandel hier und heute stattfindet und dass er sich auch in extremen Temperaturen und Bedingungen, wie sie jetzt bei der WM kommen werden, widerspiegelt. Da hat die Wissenschaft, indem wir ständig darüber reden, schon etwas bewirkt. WELT: Der US-Präsident etwa sieht das anders. Otto: Die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen beiden Jahren deutlich verschlechtert. Es ist auf einmal so, dass die Wissenschaft nicht nur in Klimafragen nicht mehr als Wissenschaft, sondern als Meinung angesehen wird. Bewährte Impfungen etwa sind in den USA plötzlich unwissenschaftlich. Das ist relativ neu, hochproblematisch und auch deprimierend. Von da ist sicherlich keine Lösung zu erwarten. WELT: Sondern? Otto: Umfragen zeigen immer wieder, dass sich auch in den USA mehr als die Hälfte der Bevölkerung mehr Anstrengungen im Klimaschutz wünscht. Das ist eigentlich in jedem Land so. Es ist so, dass die Politik aber darauf momentan überhaupt nicht reagiert. Ich würde mir auch wünschen, dass die Spieler bei der WM das Wort ergreifen. WELT: Mit welchen Inhalten? Otto: Sie sollen die WM ja nicht boykottieren, sondern ihre Plattform nutzen, um darauf hinzuweisen, dass es oft unzumutbar ist, unter solchen Bedingungen zu spielen, und dass der Grund dafür eben auch der menschengemachte Klimawandel ist. Das könnte schon etwas bewirken. Klimaschutz ist nicht nur wichtig, um die Eisbären zu schützen, sondern vor allem, weil wir unsere Lebensgrundlage nicht verlieren wollen, und auch, weil wir im Sommer weiter Fußball spielen wollen.