Die Kritik an der Umgestaltung der Zürcher Gymnasien war heftig. Jetzt zeigt sich: Auch nach 2029 werden Schwerpunkte zur Wahl stehen, die kaum nachgefragt werden dürften.16.06.2026, 11.03 Uhr4 LeseminutenLe français existe encore: Zürcher Maturanden können Französisch weiterhin als Schwerpunkt wählen – wenigstens an zwei Gymnasien im Kanton.Karin Hofer / NZZDie Maturareform im Kanton Zürich ist ein Schrittchen weiter. Die Gymnasien, ihre Rektoren und Prorektorinnen und die Lehrerinnen und Lehrer durften sich in einer weiteren Runde zu den Vorschlägen äussern, die Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) im vergangenen Spätsommer auf den Tisch gelegt hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ab dem Schuljahr 2029/30 soll für die Zürcher Mittelschulen eine neue Zeitrechnung beginnen: In den Grundlagenfächern – also den ordentlichen Lektionen im Unterricht – werden künftig alle Gymnasiasten in allen Fächern gleich viele Stunden besuchen. Bisher waren die einzelnen Schulen frei, einzelnen Fachbereichen mehr Gewicht zu geben als anderen. Jugendliche des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums Rämibühl in Zürich etwa werden in Mathematik und Naturwissenschaften umfassender unterrichtet als anderswo.Das wird künftig nicht mehr möglich sein. Alle Maturanden sollen hier ungefähr gleich fit gemacht werden für ein Studium an einer Universität – egal, welches Fach sie später studieren. Der Kanton Zürich erfüllt damit eine Vorgabe des Bundes. Allzu viel wird sich hier nicht ändern, wie diese Grafik zeigt.Das Fach Wirtschaft und Recht wird mehr Lektionen erhalten, genauso wie Kunst und Musik. Französisch, Italienisch und Englisch müssen etwas abgeben. Die beiden wichtigsten Fächer – Deutsch und Mathematik – bleiben unangetastet. Die Verantwortlichen sind sich einig, dass die Zahl der Schulstunden insgesamt und damit die Belastung der Jugendlichen nicht erhöht werden soll.«Nachhaltige Gesellschaft»?Mehr zu reden gaben die neuen Schwerpunkte. Vor dem letzten Zwischenstand der Reform im vergangenen September hatte es viel Kritik gegeben: Die Maturareform sei überladen, die interdisziplinären Schwerpunktfächer seien viel zu breit aufgestellt. Ein Kernziel des Vorhabens – Vertiefung – werde so ad absurdum geführt, hiess es.Hinzu kamen inhaltliche Bedenken. In einem der damals debattierten Schwerpunkte – «nachhaltige Gesellschaft» – hätten künftige Schülergenerationen zum Beispiel «die Resilienz von ökologischen, ökonomischen und sozialen Systemen untersuchen und Strategien zur Stärkung dieser Resilienz entwickeln» sollen.Die Klimajugend hätte hier bestimmt gerne mitgemacht. Die Projektskizze klang zeitgeistig, sie ritt auf der grünen Welle. Maturanden hätten «Lösungsansätze für aktuelle Nachhaltigkeitsherausforderungen» entwickeln sollen. Sie hätten Daten sammeln sollen, um «evidenzbasierte Entscheidungen» zu treffen – für mehr «Nachhaltigkeit». Mit einer echten Auseinandersetzung mit Klimawandel, Konsum, Umwelt, Wohlstand und Wachstum hatte der Textentwurf wenig zu tun. Kritisches Denken – ein Lernziel, das alle Maturanden erreichen sollten, ob vor oder nach der Reform – drohte von politisch korrekten Weltbildern verdrängt zu werden.Laute Klagen hatte es auch wegen des geplanten Schwerpunkts «Wirtschaft, Recht und Gesellschaft» gegeben. Eine Gruppe von Gymnasiallehrern fürchtete um die ökonomischen Grundkompetenzen von Zürcher Gymnasiasten, wenn sich die neue Vertiefungsrichtung nicht nur mit Wirtschaft und Recht, sondern auch mit Geografie zu beschäftigen habe – und mit Subthemen wie «Klimaökonomik» oder «Kreislaufwirtschaft». Sekundiert wurden diese Mahner von der Zürcher Handelskammer, dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Zürcher FDP.Breite ZustimmungVon solch grundsätzlichen Vorbehalten gegen das Reformvorhaben ist offenbar nicht viel übrig geblieben. Der Fokus «nachhaltige Gesellschaft» verschwand in der Schublade der Bildungsdirektion. Statt mit zweifelhaften Inhalten sollen sich künftige Maturanden mit sachlich-kritischen Fragestellungen auseinandersetzen.In der jüngsten Vernehmlassungsrunde stiessen die Vorschläge der Bildungsdirektion auf breite Zustimmung, wie Niklaus Schatzmann, der Chef des Zürcher Mittelschulamts, am Dienstag gegenüber der NZZ betonte. Das gelte auch für den Schwerpunkt «Wirtschaft, Recht und Gesellschaft», wo sich die Schüler unter anderem mit Fallstudien, Gerichtsverhandlungen und Marktanalysen befassen werden.Die übrigen, vom Zürcher Bildungsrat Anfang Juni beschlossenen Schwerpunkte lauten:Medien, Identität und KommunikationSprache und Kultur: ItalienischSprache und Kultur: SpanischSprache und Philosophie: LateinNaturgesetze und mathematische StrukturenEngineeringLife SciencesGeopolitikPhilosophie, Pädagogik und Psychologie (PPP)Kunst und DesignMusik und PerformanceÄnderungen seit September gab es keine. Mit einer Ausnahme: Was damals unter «Individuum und Gemeinschaft» figurierte, nennt sich nun PPP – ein Schwerpunkt also, den einzelne Zürcher Gymnasien 2024 bereits als Maturaprofil eingeführt haben, zum Beispiel die Kantonsschule Wiedikon. Der neue Fokus hat sich als Renner erwiesen, vor allem bei Schülerinnen.Nicht alle Schulen werden sämtliche Schwerpunkte anbieten. Aber die Vertiefungsrichtungen sollen so verteilt werden im Kanton, dass interessierte Gymnasiasten keine allzu weite Schulwege auf sich nehmen müssen.Drei weitere Schwerpunkte werden ebenfalls angeboten, wenigstens an vier Gymnasien: Französisch, Russisch und Griechisch. Die Kantonsschule Rychenberg in Winterthur wird alle drei führen, die Kantonsschule Enge wird sich gemäss hauseigener Tradition auf Russisch, die Kantonsschule Zürich Nord auf den Schwerpunkt französische Sprache und Kultur, die Hohe Promenade auf Griechisch und Philosophie konzentrieren.Nach der Vernehmlassung ist vor der VernehmlassungEs ist davon auszugehen, dass diese Fachrichtungen nicht überrannt werden. Sie gelten bereits heute als Nische für sehr wenige Jugendliche (ähnlich wie die heutigen Maturaprofile mit Italienisch, Spanisch und Latein – wie viele Maturanden werden wohl diese Schwerpunkte wählen?). Die verantwortlichen Schulen hatten jedoch darum gebeten, die drei Vertiefungsrichtungen weiterhin führen zu dürfen. Der Bildungsrat hat ihrem Wunsch entsprochen, wie Schatzmann weiter sagte.Aber auch hier soll gelten: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn einzelne Schwerpunkte gar nicht gewählt werden sollten, dürften sie an dieser oder an jener Schule nach ein paar Jahren gestrichen werden.Nun, da das Schwerpunkt-Programm in groben Zügen steht, geht es an die Feinarbeit. Neue Rahmenlehrpläne müssen her. Die Vernehmlassung dazu startet im kommenden Herbst. Danach werden sich die einzelnen Gymnasien damit beschäftigen, mit welchen Ergänzungsfächern sie ihre Schwerpunkte ergänzen wollen – und wie. Bevor es in gut drei Jahren endlich losgeht mit einer neuen Zeitrechnung an Zürcher Mittelschulen.Passend zum Artikel
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