Gymi-Vorbereitung für alle: Der Kanton Zürich will flächendeckend Lernstudios einführenJede Gemeinde soll neu Kurse für Gymi-Kandidierende anbieten müssen. Eine aufsehenerregende Forderung – doch wie viel wird sie tatsächlich an der Praxis ändern?10.07.2026, 05.05 Uhr3 LeseminutenDer Nutzen von Vorbereitungskursen für die Gymi-Aufnahmeprüfung ist umstritten.Odilon Dimier / GettyDer wichtigste Befund ist tief vergraben, auf Seite 66 eines Evaluationsberichts, den die Universität Zürich für die kantonale Bildungsdirektion erstellt hat. In trockenen Worten umschrieben, auf grauen Grafiken dargestellt, steht er da. Er lautet: Die Zürcher Volksschulen bereiten ihre Schülerinnen und Schüler nur ungenügend auf die Gymi-Prüfung vor. Zumindest, wenn man die Jugendlichen selbst fragt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bemerkenswert ist der Befund, weil genau das der Anspruch der Zürcher Schulen wäre, wieder und wieder artikuliert von Politikern und Bildungsbeamten. Nicht das Geld für private Vorbereitungskurse soll entscheidend sein für den Übertritt ans Gymnasium. Sondern die Leistung, die Intelligenz der Kinder. Auch wer kein privates Lernstudio besucht, soll in der Schule genug Unterricht erhalten, um an der Prüfung eine Chance zu haben.Dass das in den Augen der Prüflinge selbst nicht so ist, zeigt der Bericht der Uni Zürich eindrücklich auf. Er basiert auf einer Umfrage unter 3600 Jugendlichen. Laut der Umfrage setzten 90 Prozent der Prüflinge auf Vorbereitungskurse, davon ist ein substanzieller Anteil privater Natur.Zwar nehmen insgesamt mehr an öffentlichen Vorbereitungskursen teil, die von der eigenen Schule angeboten werden. Doch ist deren Einfluss auf den Prüfungserfolg mutmasslich geringer. Das zumindest legt eine Auswertung für das Fach Mathematik nahe. Dort hatten Besucher eines privaten Kurses im Schnitt eine um 0,23 Punkte höhere Note. Bei öffentlichen Kursen war die Note nur um 0,12 Punkte höher. Es handelt sich allerdings in beiden Fällen um eine Korrelation, die allein noch keinen kausalen Zusammenhang beweist. Im Fach Deutsch hatte der Besuch von Kursen so gut wie keine Wirkung.Effekt höchst umstrittenInsgesamt stellt die Umfrage den Zürcher Volksschulen ein gemischtes Zeugnis aus. Fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler fühlte sich beim Übertritt ins Gymnasium von ihrer Schule nur wenig unterstützt. Dagegen war die Unterstützung durch die Eltern – zumindest gefühlt – sehr hoch.Auf diese wenig erbaulichen Befunde will die Zürcher Regierung nun reagieren. Wie sie am Donnerstag mitteilte, sollen Gemeinden künftig dazu verpflichtet werden, Gymi-Vorbereitungskurse und gezielte Begabtenförderung anzubieten. Es ist ein Obligatorium, das neben der Vorbereitung auf gymnasiale Maturitätsschulen auch Prüfungen für Fach-, Berufs- und Informatikmittelschulen umfasst. In der Ausgestaltung der Kurse sollen die Gemeinden frei sein. Sie müssen allerdings ein entsprechendes Konzept erstellen.Die Schulen sollen neu ausserdem Schulkinder «mit ausgewiesenen besonderen Fähigkeiten oder mit dem Potenzial zu hoher Leistungsfähigkeit» unterstützen müssen. Der Kanton denkt dabei etwa an gezielte Deutschkurse für begabte Kinder mit Migrationshintergrund. Die entsprechende gesetzliche Regelung ist allerdings so schwammig gehalten, dass sie an der bisherigen Praxis kaum etwas ändern dürfte.Das gilt auch für die neu obligatorischen Gymi-Vorbereitungskurse. Solche finden nämlich bereits heute in sehr vielen Gemeinden des Kantons statt. In wie vielen genau, erhebt die Bildungsdirektion zwar nicht. Es dürften jedoch abgesehen von einigen kleinen Landkommunen fast alle sein. Da der Kanton das neue Obligatorium ausserdem nicht mit zusätzlichen finanziellen Zuschüssen verknüpft, sondern die Kosten den Schulen aufbürdet, dürfte sich der Effekt der neuen Regel in Grenzen halten.Selbst wenn plötzlich überall gut dotierte Kurse aus dem Boden schössen, wäre ein Effekt nicht garantiert. Eine Auswirkung auf den Prüfungserfolg ist nämlich keineswegs belegt, er wird von namhaften Forschenden vielmehr bestritten.Steiners nächster StreichWozu also die neue Regel? Ist es blosse Symbolpolitik? Um die Antwort darauf zu verstehen, ist ein Blick auf die Absenderin wichtig: die abtretende Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte), eine Politikerin der kleinen Schritte und unmerklichen Veränderungen, die irgendwann durch tausend kleine Stiche das Monster der ungleichen Bildungschancen erlegen sollen.Noch ist es allerdings lange nicht so weit. Jeden Frühling treten Tausende zur Gymi-Prüfung an. Und jeden Frühling sind Kinder aus reichen Gegenden wie der Goldküste um ein Vielfaches erfolgreicher als solche aus weniger goldenen Regionen wie etwa der Zürcher Agglomeration im Limmattal.Ob obligatorische Gymi-Vorbereitungskurse der richtige Weg sind, um daran etwas zu ändern – darüber wird nun das Zürcher Kantonsparlament befinden. Dort hat die Gesetzesänderung gute Chancen auf eine Annahme, dank einer Koalition aus Linksparteien, GLP und Mitte.Passend zum Artikel