Gymilehrer warnen: Hochbegabte werden zu wenig gut gefördertEigentlich sind Gymnasien für die klügsten Köpfe gedacht, doch sind dort viele unterfordert. Nun verlangt der Verband der Gymnasiallehrer flächendeckende Massnahmen in der Schweiz. Er spricht von «verschleudertem Potenzial». Unterforderung kann auch psychische Probleme auslösen.23.05.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenBandbreite der intellektuellen Leistungsfähigkeit ist gross: Schülerinnen eines Schweizer Gymnasiums.Gaëtan Bally / KeystoneIrgendwann begann sich Julie Lang im Mathematikunterricht zu langweilen. «Es ist mir immer schwerer gefallen, mich zu konzentrieren», erzählt die heute 18-Jährige, die die Kantonsschule Hohe Promenade in Zürich besucht. Der Stoff sei zu einfach gewesen, vieles habe sie schnell verstanden. Zuerst habe sie zur Ablenkung auf dem Tablet gespielt oder Sudoku gelöst. «Aber eigentlich wollte ich lieber selbständig weiterarbeiten oder mich mit Differentialrechnungen beschäftigen.» Schliesslich sprach sie ihren Lehrer darauf an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Inzwischen darf sie auf Empfehlung ihres Gymnasiums Vorlesungen an der Universität Zürich besuchen. Das erste Modul in Analysis hat sie bereits abgeschlossen, derzeit arbeitet sie am zweiten. «Ich geniesse es mega, dass ich bereits jetzt Uni-Luft schnuppern darf», sagt sie im Park hinter dem Schulhaus mit Blick auf den Zürichsee.Problem hat sich verschärftJulie Lang gehört zu jenen begabten Gymischülerinnen, die zusätzlich gefördert werden. Doch in der Schweiz bleiben viele Fälle unentdeckt. «Das kann für die Bildungsbiografie der jungen Menschen fatal sein», sagt Lucius Hartmann, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und -lehrer (VSG). «Und es ist verschleudertes Potenzial für unsere Gesellschaft.» Hartmann schätzt, dass rund fünf Prozent aller Mittelschülerinnen und -schüler hochbegabt sind und eigentlich zusätzliche Förderungen benötigten. «Doch das Problem wird hierzulande zu wenig konsequent angegangen.»Julie Lang.PDNun fordert der Verband eine stärkere Begabtenförderung an Gymnasien. «Im Moment werden Schüler mit ausgesprochen hohen Kompetenzen nur selten angemessen und meist nicht systematisch gefördert», steht in seinem Positionspapier, das er kürzlich verabschiedet hat. Als konkrete Massnahmen steht dort, dass jeder Kanton ein kantonales Rahmenkonzept und jede Schule ein Begabtenförderungskonzept entwickeln muss. Zudem brauche es an sämtlichen Gymnasien mindestens eine speziell ausgebildete Person, die sich darum kümmert, dass Begabte abgeklärt, unterstützt und begleitet werden. Hartmann schätzt, dass es rund 100 zusätzliche Stellenprozente pro Schule bräuchte, um spezifische Angebote für Hochbegabte zu schaffen.Das Thema Hochbegabung hat sich auf Volksschulstufe über die letzten Jahrzehnte etabliert, wenn auch nicht flächendeckend und konsequent. Zunehmend werden Kinder bereits auf Kindergarten- und Primarschulstufe abgeklärt. Private oder schulische Förderprogramme sind entstanden, um unterforderte Schüler auszulasten. Dass es nun auch die Gymnasien erreicht, wirkt zunächst überraschend. Die Eintrittshürden sind hoch. Sie gelten als Orte, an denen selbst die Leistungsstärksten gefordert sind.Dem ist offenbar nicht immer so. Selbst in den Gymnasien ist die Bandbreite der intellektuellen Leistungsfähigkeit gross. Eine Studie der ETH Zürich hat ergeben, dass der mittlere Intelligenzquotient der Gymnasiasten bei bloss 112 Punkten liegt, also 12 Punkte über dem Durchschnitt der Bevölkerung. Würden jedoch tatsächlich nur die Intelligentesten pro Jahrgang das Gymnasium besuchen, müsste der Mittelwert bei etwa 121 liegen. Zum Vergleich: Hochbegabung beginnt ab einem Wert von 130 Punkten.Laut Lucius Hartmann hat sich die Problematik in den letzten Jahren zunehmend verschärft. Das hat auch damit zu tun, dass die Zahl der Gymnasiasten stark gestiegen ist - zum einen wegen des Bevölkerungswachstums, zum anderen auch, weil die Gymiquote gestiegen ist, das heisst der Anteil der Schüler, die den Sprung an die Mittelschulen schaffen. Viele Gymnasien platzen aus den Nähten, die Klassen werden grösser. «Das macht es schwieriger, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen», sagt Hartmann. «Lehrpersonen legen ihren Fokus dann tendenziell eher auf die schwächeren Schülerinnen und Schüler.»Bis zur DepressionFür manche kann diese Unterforderung in Frust, Rückzug oder psychische Probleme münden. «Die einen gehen damit gut um, andere entwickeln im schlimmsten Fall eine Depression», sagt Thomas Hüppi. Der Mathematiklehrer an der Kantonsschule Wil (St. Gallen) hat sich in Begabtenförderung weitergebildet, engagiert sich in einem Verein für Hochbegabte und ist an seiner Schule Ansprechperson für das Thema – eine Rolle, wie sie der Gymnasiallehrerverband künftig an allen Gymnasien etablieren möchte.Hüppi schätzt, dass in jeder Klasse ein bis zwei besonders begabte Schülerinnen oder Schüler zusätzliche Förderung bräuchten. Nicht immer seien das die offensichtlichen Überflieger. «Manchmal landen bei uns Jugendliche mit disziplinarischen oder psychologischen Problemen», sagt er. Einige würden ihre Fähigkeiten lange verbergen oder sich innerlich vom Unterricht verabschieden.Wie wird ihnen geholfen? Hüppi sagt, es brauche ganz individuelle Ansätze. Die einen könnten eine Klasse überspringen, andere als Mentoren für hochbegabte Primarschüler eingesetzt werden. Wieder andere besuchten einzelne Module an der Uni Konstanz. Manchmal aber reiche es auch, wenn sie im Regelunterricht stärker gefordert werden.Das Positionspapier des VSG gehe in die richtige Richtung, sagt er. Allerdings dürfte es politisch auf Widerstand stossen, vermutet er. «In der Politik herrscht oft das Bild vor, dass Gymnasien per se Begabte fördert und es keine speziellen Programme für Hochbegabte braucht.»Eingriff in die InstitutionenWährend Lehrpersonen flächendeckende Massnahmen fordern, sehen die Gymnasien selbst und die Bildungsbehörden die Situation zurückhaltender. «Es gibt durchaus ein gewisses Verbesserungspotenzial», sagt Stefan Zumbrunn, Präsident der Konferenz Schweizer Gymnasialrektorinnen und -rektoren. Und er begrüsse es, dass der VSG das Thema nun auf die politische Ebene bringe: «Das regt zum Denken an.»Es sei die Aufgabe jedes Gymnasiums, Begabungen zu wecken und zu fördern. Entsprechend gebe es an vielen Mittelschulen bereits heute Förderangebote für besonders leistungsstarke Schüler sowie auch zuständige Fachpersonen. Eine flächendeckende Pflicht dafür hält er jedoch für übertrieben, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Grösse der Institutionen: «Das wäre ein Eingriff in die Organisationsfreiheit der einzelnen Schulen», sagt er.Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich verweist ebenfalls auf bestehende Angebote für besonders Begabte, wie etwa die zweisprachige Maturität, das Kunst- und Sportgymnasium oder Möglichkeiten für ein Schülerstudium an Hochschulen. «Ein weiterer Ausbau der Begabtenförderung ist aus unserer Sicht deshalb nicht notwendig», schreibt es.Die Nachfrage nach solchen Angeboten ist durchaus vorhanden. An der Universität Zürich sind derzeit rund 75 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus den Kantonen Zürich, Schwyz und Zug für ein Studium eingeschrieben. Beliebte Fächer sind unter anderem: Neuroinformatik, Astrophysik, Umweltwissenschaften, Biologie und Rechtswissenschaft. Auch andere Universitäten bieten inzwischen entsprechende Programme an.Für Julie Lang hat dieses Angebot eines parallelen Hochschulstudiums einen Unterschied gemacht. «Zwischendurch war es zwar nicht einfach, den Ausführungen des Professors zu folgen», sagt sie. Gleichzeitig musste sie Stoff und Prüfungen im Gymnasium nachholen, da sie rund ein Fünftel der Lektionen verpasste – eine zusätzliche Herausforderung. Doch sei es ihr jetzt garantiert nicht mehr langweilig.Sie hofft nun, dass ihr die beiden Module an der ETH für ihr späteres Studium angerechnet werden. Sie möchte Maschinenbau studieren. Mathematik sei ihr manchmal doch etwas zu theoretisch, sagt sie.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel