Einmal mehr liefert ein Leistungsvergleich ernüchternde Befunde. Selbst bei einfachsten Aufgaben sind viele Schüler überfordertTrotz simplen Anforderungen erreichen immer mehr Kinder die minimalen Kompetenzen nicht. Vor allem, wenn sie daheim kein Deutsch sprechen.21.05.2026, 15.00 Uhr4 LeseminutenBereits in der Primarschule überfordern simple Aufgaben die Kinder.Karin Hofer / NZZManchmal ist der Ort ein anderer, ab und an wechselt das Personal, aber eines bleibt immer gleich: Wird die Leistungsfähigkeit der Schweizer Schüler vermessen und anschliessend das Ergebnis kommuniziert, ist das Fazit stets ein ansprechendes. Vielleicht, so wird eingestanden, ist nicht alles perfekt, aber zufrieden dürfe man auf jeden Fall sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An diesem Donnerstag in Bern ist es Christophe Darbellay, dem diese Rolle (neuerlich) aufgetragen wird. Darbellay ist Präsident der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK), und diese hat erstmals die Grundkompetenzen in den Bereichen Schulsprache – Lesen und Hören – und Mathematik im 4. Schuljahr überprüft. Das ist die zweite Primarklasse, die Kinder sind sieben oder acht Jahre alt.Darbellay gibt sich, natürlich, erfreut über die Resultate, die gut seien; die zeigten, dass die Vereinheitlichung der kantonalen Lernziele funktioniere. Herrliche Harmonisierung. Der Walliser, ein begnadeter Rhetoriker, kann bald schon abschweifen in nationale und internationale Gefilde. Wie gut es unser Land mache im Vergleich zu anderen Staaten. Dass man bloss nicht an der Ressource Bildung sparen solle. Eine Rede als Loblied auf die Schweiz.Was Darbellay präsentiert, klingt auf den ersten Blick tatsächlich akzeptabel. Die Überprüfung von knapp 20 000 Schülern aus allen Kantonen (ausser Zug und Nidwalden) zeigt: In der Schulsprache erreichen 87 Prozent (Hören) und 79 Prozent (Lesen) der Schüler die Grundkompetenzen, in der Mathematik sind es 76 Prozent. Wie üblich sind es städtisch geprägte Kantone, die das Resultat nach unten ziehen. Genf etwa schneidet beim Lesen schlecht ab oder Basel-Stadt beim Hören. In Mathematik sind es wiederum Basel-Stadt und Luzern.«Zeichne einen Stern aufs Papier»Blickt man genauer auf die Resultate, weicht die politisch verordnete Zufriedenheit der Ernüchterung. Die Ansprüche beispielsweise wirken so niedrig, dass man durchaus zu dem Schluss kommen könnte, dass diese von den allermeisten Zweitklässlern erfüllt werden sollten. Eine Aufgabe sieht so aus: Zu sehen ist ein Foto von einem Kind, das gut ersichtlich einen Engel zeichnet. Die Frage: Was malt das Kind? Die Antwortmöglichkeiten: Tisch, Engel, Stift.Eine andere Aufgabe besteht aus einem kurzen Textchen, in dem unter anderem steht: «Zeichne einen Stern aufs Papier. Schneid den Stern dann aus.» Beantwortet werden soll die Frage, was man bei der Erstellung dieses Sterns braucht. Leim? Schnur? Oder vielleicht doch die Schere? Da wirkt es auf einmal nicht mehr so erbaulich, wenn nur acht von zehn Schülern eine solche Aufgabe lösen können.Problematisch ist auch, dass sich die Schweizer Schulen immer mehr zu Zweiklassengesellschaften entwickeln. Was bereits in früheren Leistungsvergleichen offensichtlich wurde, ist auch beim neusten wieder der Fall: Schüler, die eine «privilegiertere soziale Herkunft» haben (und daheim Deutsch reden), sind gut bis sehr gut – selbst Kinder mit Migrationshintergrund, die daheim eine Fremdsprache sprechen, fallen kaum ab.Drastisch schlechter sind die Leistungen bei Kindern aus sogenannt sozial benachteiligten Familien. Die untersten 25 Prozent haben ein dreieinhalbmal so hohes Risiko, die Grundkompetenzen nicht zu erreichen. Was bedeutet, dass nur sechs von zehn Schülern das Mindestniveau in Mathematik schaffen. Im Lesen und im Hören sieht es nur wenig besser aus. Das sind miserable Werte. Wie sähe es wohl in den schwierigeren Disziplinen – Schreiben und Sprechen – aus? Gerade wenn man die niedrigen Anforderungen berücksichtigt. Selbst die Autoren des Berichts schreiben, dass viele Aufgaben «relativ einfach» seien, während eine «genügende Anzahl anspruchsvollerer Aufgaben» fehle, um höhere Leistungsbereiche zuverlässig zu messen.«Aversion gegen das Testen»Wenig überraschend wird die Debatte vermieden, ob dieser Leistungsabfall etwas mit Migration zu tun hat. Doch der Zusammenhang ist offensichtlich: Wenn «benachteiligte» Kinder daheim Deutsch sprechen, sind sie nur 10 bis 20 Prozentpunkte schlechter als die allerbesten Schüler. Wer daheim eine andere Sprache redet, ist 30 bis 40 Prozentpunkte schwächer. Diese Schere, das zeigen alle Checks in den vergangenen Jahren, geht zudem immer weiter auf. Aus mehreren Bildungsdirektionen ist zudem zu hören, dass «grottenschlechte Schüler» wenig diskret gebeten würden, am Testtag doch «krankzumachen» – damit die Statistik nicht noch schlechter ausfalle.Die Gesamtentwicklung ist denn auch dramatisch. Im neuen Bildungsbericht zeigt sich, dass Schüler – im Vergleich zu früheren Generationen – zum gleichen Zeitpunkt mehrere Monate hinterherhinken. Das zeigte sich im vergangenen Jahr auch in einem «Check» der vier Nordwestschweizer Kantone. In nur fünf Jahren verloren die Schüler fast ein Semester. Das bestätigt den Befund der letzten Pisa-Studie: 25 Prozent aller 15-Jährigen gelten als leistungsschwach. Die Jugendlichen sind also kaum in der Lage, einfache Alltagstexte richtig einzuordnen.Das hat auch direkt mit der Zuwanderung zu tun. Aktuelle Zahlen der Universität Basel zeigen auch, dass 55 Prozent der Kinder eine oder mehrere Fremdsprachen sprechen. Jedes fünfte redet daheim sogar nie oder nur selten Deutsch. Ein Rückstand, der sich kaum mehr aufholen lässt. Erwiesen ist auch: Je mehr Eltern pro Quartier oder Bezirk nicht deutschsprachig sind, desto schlechter reden ihre Kinder Deutsch.Aus der Landes- ist eine Problemsprache geworden. Eine Sprachstanderhebung – ebenfalls von der Uni Basel – mit über 23 000 Kindern kam in diesem Jahr zu dem Befund: Jedes dritte Kind kann mit zirka drei Jahren nur ungenügend Deutsch. Wenn Deutsch jedoch nicht die Muttersprache ist, brauchen 70 Prozent der Kinder eine Sprachförderung.Genau wissen will man das in der Politik allerdings nicht. Der Eindruck entsteht, dass man lieber auf Begriffe wie «sozioökonomische Faktoren» verweist. So bleibt alles schwammig. Dazu kommt, dass dieser Test für die Zweitklässler – Stand jetzt – in Zukunft nicht wiederholt wird. So können auch keine Lehren aus dem Befund gezogen werden.Oder wie es der renommierte Bildungsforscher Stefan Wolter in einem NZZ-Interview gesagt hat: «Die Schweiz hat eine Aversion gegen das Testen. Das ist für viele ein Vorteil, weil man behaupten kann, was man will. Jeder Vergleichstest ist ein politischer Kraftakt. Weil sich alle davor drücken. So kann man dahindümpeln, weil man sich den Spiegel so selten vorhält.»Passend zum Artikel
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Trotz simplen Anforderungen erreichen immer mehr Kinder die minimalen Kompetenzen nicht. Vor allem, wenn sie daheim kein Deutsch sprechen.











