Psychische Krankheiten, Mobbing, Essstörungen: Was an den Schweizer Gymnasien Probleme machtDer Ausbruch an der Kantonsschule Wettingen wirft ein Schlaglicht auf die Stimmungslage an den Mittelschulen. Vandalismus und Gewaltausbrüche sind aber nur ein Randphänomen. Sorgen bereitet den Schulen anderes.13.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenTrend zur Individualisierung und Selbstoptimierung: Mittelschüler der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen.Michel Canonica / CH MediaDer erste Vorfall ereignete sich am Mittwoch vor Auffahrt. Rund 50 zum Teil vermummte Personen stürmten das Areal der Kanti Wettingen und bewarfen Schüler mit Essig, Mehl und Eiern, verschmierten Wände und zündeten Böller.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gut zwei Wochen später krachte es an der Schule erneut. Unbekannte verschafften sich Zutritt zum Gebäude, verwüsteten ein Kunstwerk, randalierten in der Bibliothek und verstreuten Hunderte Bücher auf dem Dach des Klostergangs aus dem 13. Jahrhundert.Die Essig-und-Eier-Werfer wurden später mehrheitlich als Schüler der Kanti Baden identifiziert. Wer die Bibliothek verwüstet hat, ist bis heute unklar. Zu beiden Vorfällen laufen nach wie vor Ermittlungen.Dass Abschlussfeiern an Mittelschulen eskalieren, ist kein neues Phänomen. Zum Ende der Schulzeit können sich Euphorie, aufgestauter Frust und Zukunftsängste in einer explosiven Mischung entladen. Der Ausbruch in Wettingen war zwar aussergewöhnlich heftig und brachte es entsprechend zu schweizweiter Bekanntheit. Doch er zeichnet ein verzerrtes Bild der Stimmungslage an den Schweizer Mittelschulen.Denn Vandalismus und Gewaltausbrüche sind an Schulen eher die Ausnahme. Im Gespräch mit mehreren Schulleitungen zeigt sich: Die Schülerinnen und Schüler werden meist als anständig und respektvoll wahrgenommen, der Unterricht funktioniert in der Regel problemlos. Doch in dieser Oberfläche zeigen sich vereinzelte Risse.Umso stärker beschäftigt sind die Schulen mit psychisch belasteten Schülerinnen und Schülern. Einzelne Gymnasien beklagen auch eine Zunahme von digitalem Mobbing und frauenfeindlichen Tendenzen.«Der Umgangston ist teilweise bedenklich»Cyrill Engeli ist Prorektor und Leiter der Wirtschafts- und Informatikmittelschule an der Alten Kantonsschule Aarau. Er stellt eine generelle Überforderung und Orientierungslosigkeit unter den Schülern fest. «Unsere grossen Themen sind psychische und chronische Krankheiten, Panikattacken, Migränen, Essstörungen, alles mit entsprechenden Absenzenfolgen.»Unbekannte suchten über das Pfingstwochenende die Mediothek der Kanti Wettingen heim und richteten ein Chaos an.PDDarunter leidet offensichtlich auch das soziale Gefüge, wie Engeli beobachtet. «Der Umgangston unter den Schülerinnen und Schülern ist teilweise bedenklich», sagt er. Es sei allerdings schwierig zu sagen, ob es vor zehn oder zwanzig Jahren besser gewesen sei.Engeli stellt auch Gegentendenzen fest. So komme es etwa in der Pause weniger zu offenen Konflikten. «Die Mobiltelefone haben hier eindeutig eine sedative Wirkung», sagt er. Auch Alkohol sei kein grosses Thema mehr. «Die Schüler sind dafür vier oder fünf Mal pro Woche im Fitnesscenter.»Beschwerden über männliche MitschülerEinen ähnlichen Trend zur Individualisierung und Selbstoptimierung erkennt auch Marius Gränicher, der Rektor des Gymnasiums Thun. Darunter habe zwar weder das Klima noch der Umgangston an der Schule gelitten. «Zugenommen hat aber die Vulnerabilität von vielen Schülerinnen und Schülern», teilt Gränicher mit. «Es ist ein grösserer Teil psychisch angeschlagen als früher.»Das Gymnasium Thun registriert zudem vermehrt Rückmeldungen von jungen Frauen, «welche sich über den Habitus von einzelnen Klassenkollegen beschweren». Die Schule plant deshalb für das kommende Schuljahr diverse Sensibilisierungsmassnahmen. Angedacht ist zudem eine Ombudsstelle, an die sich die Schülerinnen und Schüler wenden können, wenn sie negative Erfahrungen machen.Dass abwertende Bemerkungen über Frauen und Homosexuelle wieder zum kommunikativen Stammrepertoire an den Gymnasien gehören, bestätigen mehrere Schulleitungen, die aber anonym bleiben wollen. Es gebe Schüler, die sich in der Manosphere bewegten, dem frauenfeindlichen, homophoben und teilweise rechtsextremen Netzwerk aus Internetforen und Blogs mit international bekannten Influencern wie Andrew Tate.Solche Extrempositionen seien zwar nicht verbreitet, doch die Wirkung zeige sich in der Breite. «Konservative Rollenbilder sind wieder in Mode», sagt etwa Daniel Franz, der Rektor der Kantonsschule Baden. Er beobachtet auch, dass die Buben häufig bürgerliche bis rechtsbürgerliche Positionen vertreten, während die Mädchen eher Mitte-links stehen.Von einem gefestigten Weltbild sind die Mittelschüler in den meisten Fällen aber weit entfernt. Vielen fällt es schwer, sich auf der politischen Links-rechts-Skala einzustufen. Eine Sotomo-Studie zu den Aargauer Mittelschulen von 2023 zeigt: Gut die Hälfte kann sich politisch verorten, knapp ein Drittel ist unsicher, und 16 Prozent können es schlecht oder gar nicht. Von jenen, die sich verorten können, stufen sich knapp 30 Prozent auf der linken Seite des politischen Spektrums ein, 5 Prozent rechts und zwei Drittel in der Mitte.Pubertäre OrientierungslosigkeitOb psychische Erkrankungen, Vandalismus, Rassismus, Homophobie oder Misogynie: Auf den ersten Blick verbindet diese Probleme als gemeinsamer Nenner eine pubertäre Orientierungslosigkeit. Die Ursachen sind aber sehr unterschiedlich.Die Jugendlichen verbringen heute viel Zeit in digitalen Echokammern. Für die Schule ist es damit schwierig, frühzeitig auf Entwicklungen zu reagieren, weil der Ausgangspunkt häufig in den sozialen Netzwerken liegt. Lehrer und Schulleitungen haben kaum Einsicht in die entsprechenden Chats und Foren, meistens schwelt ein Konflikt lange unerkannt, bevor er offen eskaliert.Gleichzeitig hat die psychische Belastung in den letzten Jahren messbar zugenommen. Die heutigen Maturanden haben die Pandemie zwar noch nicht als Mittelschüler erlebt, aber die geopolitische Unsicherheit hat bei Jugendlichen zu messbaren Verunsicherungen geführt, wie mehrere Studien zeigen. 2024 befanden sich laut der Pro-Juventute-Studie 12 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Fast ein Drittel der Jugendlichen hatte bereits Therapieerfahrung. Die Ergebnisse lassen sich zwar nicht eins zu eins auf die Gymnasien übertragen, die Tendenzen sind aber die gleichen.Für die Schulen bedeutet das eine zusätzliche Belastung. Sie müssen psychologische Auffangarbeit leisten, neue Präventions- und Beratungsangebote schaffen und vermehrt mit externen Stellen zusammenarbeiten.Klassenchats als BrandbeschleunigerDie Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen verzeichnet derzeit im Untergymnasium pro Jahr einen oder zwei grössere Mobbingfälle, die den Einbezug von externen Stellen wie etwa der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes nötig machen. «Dabei sind vor allem Handys und Computer mit den (inoffiziellen) Klassenchats Brandbeschleuniger», erklärt der Rektor Mike Lütolf. Gerade im Untergymnasium gebe es vermehrt Fälle von Rassismus, Sexismus und anderen Grenzüberschreitungen.Dennoch habe sich das Schulklima insgesamt nicht verschlechtert. «Wir erleben die Schülerinnen und Schüler als anständig und respektvoll», sagt Lütolf. «Einzelne Ausnahmen kommen vor, die auch entsprechend disziplinarisch mit Sanktionen belegt werden müssen. Dies hat aber gegenüber den letzten Jahren nicht spürbar zugenommen.»Was Lütolf formuliert, nehmen auch andere Mittelschulen wahr: Im Schulzimmer und auf dem Pausenplatz bleiben die Schüler angepasst, im digitalen Raum dagegen zeigen sie sich roh und ungefiltert – sofern diese Konflikte an die Oberfläche treten. Und nur in ganz seltenen Fällen eskalieren sie so spektakulär wie in Wettingen.Die Mehrheit jener Randalierer ist mittlerweile identifiziert. Es handelt sich um Schüler der Kantonsschule Baden sowie ein paar Externe, fast ausschliesslich junge Männer, die zum Teil der gewaltbereiten Fanszene zugeordnet werden. Die Kanti Baden hat mittlerweile disziplinarische Massnahmen gegen jene Schüler ausgesprochen, die weiterhin zur Schule gehen.Bei anderen kam die Strafe zu spät – sie haben das Maturazeugnis bereits in der Tasche und verlassen die Schule in wenigen Tagen für immer. In einem Fall versuchte die Schule, einen Schüler mit einer superprovisorischen Massnahme von der Prüfung fernzuhalten. Nachdem die Eltern dagegen Einsprache erhoben hatten, durfte der Schüler wieder zurückkehren.