Der Bund schreibt den Schulen drei Lektionen Sportunterricht pro Woche vor. Damit könnte bald Schluss seinVertreter von Bund und Kantonen fordern das Ende der nationalen Schulsportpflicht.08.06.2026, 17.37 Uhr4 LeseminutenSind in der Schweiz derzeit Mangelware: Turnhallen.Halfpoint Images / Moment RF / GettyAus dem Klassenzimmer eilen, den Turnsack aus dem «Chästli» holen, dann in die Sporthalle oder auf die Wiese stürmen. Es gilt, die Pfosten für eine Stafette aufzustellen, Bändeli zur Kennzeichnung der Teams beim Völkerball auszuteilen oder die altehrwürdigen Böcke der Marke Alder + Eisenhut für Turnübungen zu platzieren. Es sind Erfahrungen, die alle Kinder in der Schweiz verbinden, von der Ost- bis in die Westschweiz, von der Primarschule bis in die Oberstufe:Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mindestens drei Stunden pro Woche wird in jeder Schule gerannt, gesprungen, gekeucht und geschwitzt – diese Anzahl Sportunterrichtslektionen ist schweizweit gesetzlich vorgeschrieben. Damit hat das Turnen eine Sonderstellung. Es ist das einzige Fach im Land, bei dem der Bund den Kantonen eine obligatorische Anzahl Schulstunden vorgibt. Doch damit könnte es in absehbarer Zeit ein Ende haben.Die «Schulhoheit» wiederherstellenVertreter von Bund und Kantonen arbeiten derzeit an einem Projekt namens «Entflechtung 27», das nächstes Jahr zum Abschluss kommen soll. Das Ziel des Vorhabens: die Aufgabenteilung zwischen den verschiedenen Staatsebenen in verschiedenen politischen Bereichen zu klären und die Aufgaben teilweise neu zu verteilen. In einem Zwischenbericht äussern sich Vertreter der Kantone sowie die finanzpolitische Vertretung des Bundes auch zur Sportförderung in den Schulen und machen klar: Sie wollen das Obligatorium ersatzlos streichen. Darüber berichteten am Sonntag die Tamedia-Zeitungen.Die Verantwortlichen begründen ihren Vorschlag im Bericht ordnungspolitisch. In der Schweiz wird das Schulwesen von den Kantonen geregelt. Durch das Obligatorium werden sie aber heute etwa dazu gezwungen, Turnhallen zu bauen, ohne dafür vom Bund finanziell entschädigt zu werden. Es geht laut dem Bericht somit nicht darum, den Sportunterricht zu schwächen, sondern «die Schulhoheit der Kantone» wiederherzustellen. «Negative Auswirkungen» auf die Aufgabenerfüllung seien «nicht zu erwarten».Dieser Ansicht ist auch der Mitte-Ständerat und Jurist Benedikt Würth, der sich bereits in der Vergangenheit gegen das Schulsport-Obligatorium engagiert hatte. Das Obligatorium widerspricht laut Würth «verfassungsmässigen Grundsätzen» für die Zuweisung staatlicher Aufgaben, weshalb es nun eine verfassungsrechtliche Klärung im Rahmen des Entflechtungsprojekts brauche. Die Verfassung halte fest, dass der Bund nur Aufgaben übernehmen solle, welche die Kraft der Kantone überstiegen, sagt Würth auf Anfrage der NZZ. «Wir schreiben den Kantonen auch nicht vor, wie viel Mathematik sie pro Woche unterrichten sollen.»Dass ein Ende des Obligatoriums tatsächlich zu weniger Sportstunden führt, bezweifelt Würth. Über die genaue Anzahl Lektionen soll aber derjenige entscheiden, der auch die Kosten für die Infrastruktur übernehmen muss: «der kantonale Souverän».Die Gesundheit und andere BedenkenAnders sieht dies freilich Jonathan Badan, Präsident des Sportlehrerverbands (SVSS). «Ohne Obligatorium sind wir überzeugt, dass Kantone die Sportstunden reduzieren werden», sagt Badan zur NZZ. Zum einen, weil es in der Schweiz derzeit etwa hundert Turnhallen zu wenig für Schul- und Vereinssport gebe. Zum anderen, weil die Stundenpläne der Schüler bereits sehr voll seien, was zu einer Konkurrenz zwischen den Fächern führe.Für Badan wären weniger Schulsportstunden «ein grosser Verlust». Viele Schüler bewegten sich zu wenig und hätten ungünstige Ernährungsgewohnheiten, sagt er. «Wenn wir dem in der Schule nicht entgegenwirken, dann tragen die zukünftigen Generationen gesundheitliche Schäden davon.» Im Sinne der Chancengleichheit ist es laut Badan wichtig, dass landesweit alle Kinder und Jugendlichen dieselbe Anzahl Sportlektionen erhalten.Stefan Valkanover ist Dozent für Sportdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Bern. Die Forderung nach der Abschaffung des schweizweiten Sport-Obligatoriums kann er aus Sicht der Kantone im Grundsatz nachvollziehen, teilt diese aber nicht. «Die Diskussion kommt ungefähr alle zehn Jahre wieder auf», sagt Valkanover.Der Schulsport ist im 19. Jahrhundert aus einer militärisch motivierten Idee der Körperertüchtigung gewachsen. Die Landesregierung konnte das Turnobligatorium nur deswegen durchsetzen, weil sie es an den Kantonen vorbei direkt in die Verfassung schrieb. In Teilen handelte es sich dabei um einen Vorunterricht für die Armee. Mittlerweile hat der Bund die inhaltliche und finanzielle Verantwortung für den Unterricht aber weitgehend an die Kantone überantwortet, wie Stefan Valkanover erklärt.Valkanover sagt: «Einzelne Kantone werden die Anzahl Sportstunden aus Spargründen reduzieren wollen.» Um dies zu verhindern, müsste Druck aufgebaut werden. Den Wert des Schulsports sieht Valkanover auch im Aufbau von sozialen Kompetenzen: etwa im friedlichen Mit- und Gegeneinander in Sportspielen.Völkerball für alleWas in den Diskussionen rund um Gesundheitsrisiken und kantonale Hoheiten vielleicht zu kurz kommt: die tiefe kindliche Freude daran, sich zwischen zwei Lektionen Französisch und einer Doppellektion Mathematik eine Sporthose anziehen und einander mit Bällen bewerfen zu dürfen. In dieser kleinen staatlich verordneten Auszeit vom Erwachsenwerden namens Schulsport, wenn statt Arithmetik «Affenfangis» auf dem Stundenplan steht.Wie sehr sich viele Personen nach diesem Erlebnis zurücksehnen, zeigt sich beim Akademischen Sportverband Zürich (ASVZ). Dieser bietet seit einigen Jahren sogenannte «Burner Games» an. Dort spielen Studenten und Alumni Schulsportspiele wie Völkerball oder Sitzball. Wer sich anmelden will, muss schnell sein. Ausgebucht sind die Events innerhalb von Sekunden.Passend zum Artikel
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