PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBundesjugendspieleWir brauchen mehr Sport an unseren SchulenStand: 11:56 UhrLesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Alan PosenerQuelle: Claudius Pflug/WELTNach drei Jahren ohne harten Wettbewerb soll es bei den Bundesjugendspielen wieder um echte Leistung gehen – für die Schüler, die es wollen. Das ist ein sinnvoller Kompromiss.Am Schulsport scheiden sich seit jeher die Geister. Eingeführt wurde er in Englands Eliteschulen, wo man sich rühmte, der Sieg über Napoleon und die Unterwerfung der halben Welt sei auf den Sportplätzen von Eton und Harrow vorbereitet worden. In den USA hingegen, wo früh die Gesamtschule für alle als Baustein der Demokratie eingeführt wurde, gab der Sport auch jenen Schülern eine Möglichkeit, sich zu profilieren – und sogar eine Universitätskarriere zu machen –, die akademisch eher mittelmäßig waren.Doch sind die Annalen gerade der angelsächsischen Literatur voll mit den Leidensgeschichten der sportlichen Versager. Stephen King etwa schrieb: „Der Sportunterricht hat nichts mit Fitness zu tun; es handelt sich um ein gesetzlich vorgeschriebenes Ritual der Erniedrigung, wo die Schwachen systematisch von den Starken ausgesondert werden.“Lesen Sie auchSo drastisch muss man es nicht schildern; aber wer klein und schwach oder groß und dick, ängstlich oder ungeschickt ist, leidet oft im Sportunterricht. Sportlehrer sind selten hilfreich, da sie selbst als Schüler gut in Sport waren und wenig Verständnis dafür haben, dass jemand vor einem Sprungbock oder einem Fußball Angst hat. Die Mitschüler sind eher noch schlimmer. Wer die Qual der Mannschaftswahl erlitten und das Stöhnen erlebt hat, wenn man einer Mannschaft zugeteilt wurde, lernt früh, den Sportunterricht zu hassen.Bei den Bundesjugendspielen bekamen die unsportlichen Schüler ihr Versagen in Zentimetern und Stoppzeiten zertifiziert. Kann man machen. Nur dürfte das kaum jemanden motivieren, sich sportlich zu betätigen. Daher war es richtig, als vor drei Jahren der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) beschlossen, das Wort „Spiele“ bei den Bundesjugendspielen ernst zu nehmen und den Leistungsgedanken zurückzudrängen.Nur wurde das übertrieben. Zwar macht es wenig Sinn, einen laufschwachen Schüler zu zwingen, sich beim Hundertmeterlauf vor der ganzen Schule zu blamieren. Aber es gibt viele Schüler, vielleicht sogar eine Mehrheit, die sich gern leichtathletisch erproben. Ihnen das zu verwehren, war widersinnig, und es ist gut, dass DOSB und KMK nach drei Jahren ihren Irrtum eingesehen haben und nun den Wettbewerb wieder ermöglichen wollen.Lesen Sie auchEinige Begründungen freilich klingen merkwürdig. Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) meint: „Für das Funktionieren unserer Gesellschaft hat das Leistungsprinzip eine grundlegende Bedeutung. Kinder wollen sich messen.“ Nein, nicht alle Kinder wollen sich im Sport messen. Und das Leistungsprinzip wird nicht verneint, wenn man das anerkennt. Bundesbildungsministerin Karin Prien (ebenfalls CDU) behauptet: „Schule kann hier anleiten, mit Misserfolgen umzugehen, Frust tolerieren zu lernen, damit Kinder resiliente Erwachsene werden.“ Aber „Frust“ inszenieren, um den Versagern „Resilienz“ zu lehren, ist schwarze Pädagogik. Lesen Sie auchWer sich messen will, soll es dürfen. Überhaupt sollte der Sport eine größere Rolle an den Schulen spielen, wie in den angelsächsischen Ländern. Schulmannschaften und Wettbewerbe zwischen den Schulen fördern die Identifikation mit der Schule und die Integration. Die unsportlichen Schüler werden darunter leiden, dass die Sportskanonen Helden sind. Macht nichts. Wofür gibt es die Theater- oder Musik-AG? Nur sollte niemand sie zwingen, jedes Jahr ihre Unsportlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Beschluss der KMK und des DOSB, den Wettbewerb wieder zu ermöglichen, aber nicht vorzuschreiben, ist darum richtig.