Der andere BlickBildungsministerin Karin Prien hat entschieden, beim jährlichen Sportfest in den Schulen wieder mehr echten Wettkampf zuzulassen. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Ist es aber nicht.16.06.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDie Bundesjugendspiele in Berlin.Thomas Imo / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Morten Freidel, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unzählige Kalendersprüche und Lebensweisheiten besingen das Scheitern, meist mit der wohlmeinenden Botschaft, man lerne erst beim Fallen, wie man wieder aufsteht. Und doch ist das Scheitern in Deutschland schleichend in Verruf geraten. Nicht etwa, weil die Herzen der Menschen versteinert sind und sie Verlierer verabscheuen. Sondern weil sie ihren Mitmenschen das Verlieren nicht unnötig zumuten wollen. Es könnte sie ja verletzen.Die Partei Die Linke etwa möchte Hausaufgaben abschaffen, um Kinder aus bildungsfernen Haushalten nicht unnötig zu benachteiligen. Sogar Schulnoten gelten mittlerweile als umstritten. Es könnte die Kinder schliesslich entmutigen, wenn sie erfahren, dass sie in manchen Fächern schlechter sind als andere. Dann lieber alle im Glauben wiegen, sie seien gleich, wenigstens aber gleich gut.Ein weiteres Opfer dieser Leistungsaversion waren vor einigen Jahren die Bundesjugendspiele. Ursprünglich mussten Schulkinder von Klasse 1 bis 10 dabei zeigen, wie schnell sie laufen, wie weit sie springen oder werfen konnten. Dann schaute man in einer Tabelle, wie gut diese Leistung im Vergleich zu Altersgenossen zu bewerten war. Im besten Fall gab es eine besondere Urkunde, andernfalls nicht. Das war vielen zu hart. Deshalb ging es seit Herbst 2023 weicher zu, zumindest in der Grundschule. Nicht mehr das kalte Ergebnis sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der Spass.Nun beschlossen die Kultusminister der Länder auf Initiative der Bildungsministerin Karin Prien, wieder mehr Wettkampf zuzulassen. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Doch Kritiker sahen düsterste Zeiten anbrechen. «Diese Körperleistungsschau war für viele Kinder kränkend, demütigend und ausgrenzend», schrieb etwa Ulrich Schneider, der frühere Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Prien sei ein «pädagogischer Totalausfall».Die satt gewordene LeistungsgesellschaftDie stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, Nicole Gohlke, befand gar, man könne sich das alles nicht ausdenken. Während «Kinder hungrig zur Schule» gingen und die Schulen darbten, beschäftige sich Prien mit Nebensächlichkeiten.Man sollte sich vom fürsorglichen Tonfall der Kritiker allerdings nicht täuschen lassen. Es geht hier nur zum Teil um den Schutz der Schwächsten. Mindestens ebenso sehr geht es darum, sich selbst zu schonen. Die satt gewordene Leistungsgesellschaft fremdelt mit sich selbst.Natürlich braucht niemand mehr Sportlehrer in abgewetzten Jogging-Anzügen, die Kinder mit der Trillerpfeife und der Stoppuhr quälen. Genauso wenig sollten Kinder, die beim Rechnen einen längeren Atem haben als beim Laufsport, unter ihren Ergebnissen auf der Tartanbahn leiden.Wer aber sagt, dass sie darunter leiden müssen? Ein guter Lehrer bringt seinen Schülern bei, dass Misserfolge zum Leben gehören. Dass nicht alle das Gleiche können, jeder aber irgendetwas. Dass der Wert eines Menschen sich nicht an seiner Leistung bemisst, aber der Wille, das Beste aus sich herauszuholen, eine unbändige Kraftquelle ist.Wer Kinder vor aller Unbill bewahren will, der erzieht sie am Ende zur Unmündigkeit. Er erschafft Menschen, die blindlings hineingeworfen sind in eine hartherzige Welt. Man kann nicht alle Stolpersteine aus dem Weg räumen. Besser ist es, den Menschen beizubringen, wie sie wieder aufstehen, sollten sie einmal fallen.Passend zum Artikel