Évian war wiederholt Schauplatz der Weltgeschichte – 1961 kam es zu einem Mord, dessen Plan es war, Algeriens Unabhängigkeit scheitern zu lassenÉvian am Genfersee hat als Konferenzort einen rühmlichen wie einen unrühmlichen Ruf. 1938 verweigerte die Welt den von den Nazis bedrängten Juden die Aufnahme; 1961 schaffte man den Durchbruch zur algerischen Unabhängigkeit – nicht ohne dass Blut floss.Michael Wirth16.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBegräbnis des Bürgermeisters Camille Blanc in Evian, 1961.RDB / Ullstein / GettyDer G-7-Gipfel im französischen Évian hat das beschauliche Bad am Südufer des Genfersees in eine Festung verwandelt. Die Schweizer Behörden beteiligen sich mit nicht unerheblichen Mitteln am Sicherheitskordon um die Stadt. In Évian weckt das Erinnerungen an die Friedenskonferenz im März 1961, die den Kolonialkrieg zwischen Algerien und Frankreich beendete und ein Jahr später Algerien die Unabhängigkeit brachte. Nicht zuletzt dank den Guten Diensten des Schweizer Diplomaten Olivier Long wurde sie dann doch noch ein Erfolg. Dabei hätte die Ermordung des Bürgermeisters von Évian die Konferenz beinahe scheitern lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Siebenjähriger GuerillakampfBombenattentate, Drohbriefe und Erpressungen gehörten zu den dramatischen Begleitumständen, unter denen Olivier Long mit seinen französischen und algerischen Partnern die Friedenskonferenz von Évian-les-Bains vorbereitete.Ende Januar 1961 überreichte der Schweizer Bundesrat dem französischen Staatschef General de Gaulle eine Note der Provisorischen Regierung der Republik Algerien, mit der diese ihre Bereitschaft erklärte, nach siebenjährigem Guerillakampf gegen die französische Kolonialmacht mit 1,5 Millionen Toten auf algerischer Seite in Friedensverhandlungen mit Frankreich zu treten.Eintreffen der Delegierten an der Friedenskonferenz von Evian, 1961.RDB / Ullstein / GettyVorausgegangen waren viele geheime Zusammenkünfte: Mehrere Male hatte sich Olivier Long mit dem Vertreter der Provisorischen Regierung Algeriens in Rom, Taïeb Boulahrouf, und dem französischen Algerienminister Louis Joxe getroffen und dabei auch Vertreter beider Seiten in seinem Haus in Veyrier empfangen. Langsam, in kleinen Schritten war es Long in geheimer Mission gelungen, von Bundesrat Max Petitpierre gedeckt, Vertrauen zwischen den verfeindeten Parteien aufzubauen.Die algerische Delegation war zwar einverstanden, in Frankreich zu verhandeln, sie wollte allerdings in der Schweiz wohnen, um ungestört mit der Heimat und den Medien kommunizieren zu können. Angesichts dieser Bedingungen fiel die Wahl auf Évian-les-Bains als Konferenzort. Olivier Long bot der algerischen Delegation an, in der Nähe von Genf, in der Residenz Bois d’Avault, Unterkunft zu nehmen, einem Besitz, den der Emir von Katar zur Verfügung gestellt hatte. Mit Helikoptern der schweizerischen Armee, so war man übereingekommen, würde die algerische Delegation jeweils nach Évian fliegen.Seit es dem Bürgermeister Camille Blanc in den fünfziger Jahren gelungen war, Évian aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und neue Hotels sowie ein neues Kongresszentrum entstehen zu lassen, galt Évian nicht zuletzt wegen seiner geografischen Lage als einer der sichersten internationalen Konferenzorte überhaupt. Tatsächlich dachte man, dass der Genfersee vor der Stadt und die Bergkette der Savoyer Alpen dahinter Évian für Terroristen, welche die Konferenz sabotieren wollten, schwer zugänglich machen würden.Der später ermordete Bürgermeister Camille Blanc.Ullstein / GettyRadikale auf beiden SeitenAls ehemaliges Mitglied der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg hatte Camille Blanc aus seinen Sympathien für den Kampf der algerischen Aufständischen gegen die französische Kolonialmacht nie ein Hehl gemacht. Die Folge war eine Serie von Drohbriefen von in Algerien stationierten französischen Offizieren, welche die Entlassung der Kolonie in die Unabhängigkeit unbedingt verhindern wollten. Aber Blanc konnte das nicht beeindrucken. Was ihn vielmehr sorgte, war die Sicherheit der beiden Verhandlungsdelegationen.Aufenthaltsort der algerischen Delegation während der Konferenz war die Villa im Bois d’Avault in Valavran, Kanton Genf.Photopress-Archiv / KeystoneIn engem Kontakt mit den französischen und den Schweizer Behörden hatte Camille Blanc Évian zwar zu einer wahren Festung ausbauen lassen, jedoch Schutzmassnahmen für sich und sein Büro immer wieder abgelehnt. Dabei hatten die radikalen Kräfte beider Seiten, auf der einen Seite die algerische Befreiungsfront FLN und auf der anderen die Aktivisten der französischen Geheimarmee OAS, die für ein französisches Algerien kämpften, im März 1961 in Paris, Algier und Oran zahlreiche Attentate begangen. Deren blutige Spur sollte Franzosen und Algerier von ihrem Ziel abbringen, den Frieden und später die algerische Unabhängigkeit auf dem Verhandlungsweg zu erreichen.Am 7. April 1961, dem Tag des Konferenzbeginns, war Évian nur noch aus der Luft und von der Seeseite her zugänglich. 3000 französische Gendarmen, 1000 Inspektoren der nationalen Sicherheit und 500 Soldaten der CRS (Compagnies républicaines de sécurité) wurden in der Stadt postiert, die Nationalstrasse 5 zwischen Thonon und dem schweizerischen Villeneuve war für den Transitverkehr gesperrt.Fotografen und Kameraleute verfolgen das Konferenzgeschehen von weitem genau.Photopress-Archiv / KeystoneStreng überwachte Sicherheitskordons waren um das «Hôtel du Parc» gezogen worden, in dem die Verhandlungen stattfinden sollten. Vor der «Domaine de la Verniaz», in der die französische Delegation wohnte, patrouillierten Polizeistreifen. Doch die Fanatiker finden eine Schwachstelle: In der Nacht vom 31. März auf den 1. April geht um 2 Uhr morgens vor Camille Blancs Haus eine Bombe hoch, Fensterscheiben bersten. Blanc hastet in sein Büro, von wo aus er die Strasse überblicken kann. Ein Auto steht in Flammen.Ort der Konferenz war das Hotel du Parc in Evian.RDB / Ullstein / GettyDrei Lichter auf dem SeeIn diesem Augenblick kommt es zu einer zweiten Explosion: Auf dem Fenstersims war eine weitere Bombe versteckt. Die Attentäter haben Blanc mit dem ersten Sprengsatz in die Falle gelockt. Der Bürgermeister bricht blutüberströmt zusammen. Die Ambulanz des Spitals von Évian wird benachrichtigt, doch sie ist nicht sofort einsatzbereit: Ein Reifen ist zerschnitten – nichts scheinen die Mörder dem Zufall überlassen zu haben.Camille Blanc, ein Symbol für Frieden und Aussöhnung in Algerien, stirbt Stunden später im Spital seiner Heimatstadt. Noch in der Nacht wird die Krankenschwester Tatjana Leblond aussagen, sie habe kurz nach 2 Uhr auf dem Weg zu einer Patientin drei Lichter auf dem See gesehen. Rund um den Genfersee werden alle Boote überprüft, aber der Polizei gelingt es nicht, die Täter zu fassen.Das Attentat trägt die Handschrift französischer Aktivisten der rechtsextremen OAS. Olivier Long befürchtet, dass es den Aktivisten für ein französisches Algerien noch in letzter Minute gelingen könnte, die Friedenskonferenz zu verhindern. Tatsächlich hat, so erfährt Long vom französischen Algerienminister Louis Joxe, de Gaulles Regierung in Algerien keinen Einfluss auf die Aktivisten. Im Gegenteil, sie werden sogar von Teilen der französischen Polizei und des Militärs gedeckt.Ende April kommt es dann auch zum Putsch französischer rechtsextremer Offiziere in Algier. Jetzt greift de Gaulle hart durch, der Aufstand wird niedergeschlagen. Für die Provisorische Regierung Algeriens ist die eindeutige Haltung de Gaulles ein Zeichen, dass er wirklich den Frieden will, und Botschafter Long erkennt, dass seine monatelange Arbeit, Vertrauen zwischen Algeriern und Franzosen herzustellen, Früchte tragen wird.Am 20. Mai 1961 ist es dann auch so weit: In Évian beginnen die Friedensverhandlungen. Ein knappes Jahr später, am 19. März 1962, wird ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Und am 5. Juli 1962 erlangt Algerien die Unabhängigkeit.Die Mehrheit der algerischen Bevölkerung befürwortete die Unabhängigkeit. Demonstration in Algier, März 1962.KeystonePassend zum Artikel
1961 kam es in Évian zu einem Mord, an dem Algeriens Unabhängigkeit scheitern sollte
Évian am Genfersee hat als Konferenzort einen rühmlichen wie einen unrühmlichen Ruf. 1938 verweigerte die Welt den von den Nazis bedrängten Juden die Aufnahme; 1961 schaffte man den Durchbruch zur algerischen Unabhängigkeit – nicht ohne dass Blut floss.








