Anders als in Deutschland, wo Berichte der ersten Fußball-Weltmeisterschaft erst Wochen später erscheinen, lässt sich am 16. Juli 1930 in Wiener Caféhäusern, etwa in der „Illustrierten Kronen Zeitung“, das Neueste aus Uruguay erfahren. In der Spalte „Volkssport“ liest man nach dem Vorrundenauftakt von „Sensationen im Zeichen Europas“. Vor allem den Jugoslawen ist die lange Schiffsreise mit dem beliebten Mix aus wenig Bewegung und viel Ernährung offenbar gut bekommen. Torwart Milovan Jakšić, laut Klage eines Funktionärs „in 16 Tagen 16 Kilo“ schwerer geworden, hält gegen Brasilien kolossal. Das rein serbische Team gewinnt 2:1 und erreicht das Halbfinale.Auch die Rumänen, eine von vier Nationen aus Europa, die der Einladung nach Uruguay folgten, jedoch erst nachdem der deutschsprachige König und Fußballfan Carol II. per Dekret den Spielern den Erhalt ihrer Arbeitsplätze garantierte (und ihre Auswahl für die WM angeblich selbst vornahm), sind gut in Schuss. Adalbert Deşu, im unbezahlten Urlaub von der Bank „Romano-Italiana“, trifft gegen Peru nach fünfzig Sekunden.Entschädigung für ein übles Foul„Perus Fußball zeigt sich auf keiner besonderen Stufe, was die Südamerikaner durch Derbheiten wettzumachen suchen“, klagt jedoch der Reporter des Wiener Blattes: „Die Folge ist, dass der Spieler Steiner einen Beinbruch erleidet.“ Für das üble Foul erhält das Opfer von den Veranstaltern als Entschädigung zweihundert Gold-Pesos, der Täter, Luis Souza Ferreira, als Strafe aber nicht mal einen Platzverweis. Sondern erst – für einen Faustschlag – Kollege Placido Galindo, als Erster der WM-Historie.Fast die halbe rumänische Elf, die Peru 3:1 am 14. Juli 1930 vor dreihundert Zuschauern besiegt (Minusrekord in der WM-Historie) und eine Woche danach vor 70.000 gegen Uruguay 0:4 ausscheidet, trägt deutsche Namen wie Bürger, Wetzer oder Vogl. Die meisten stammen aus dem Banat. Der Auffälligste allerdings ist Alfred Eisenbeisser aus Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die heute zur Ukraine gehört.Mutter fällt in OhnmachtAnders als sein Name suggeriert, ist Eisenbeisser kein Treter, sondern ein Künstler. Und das nicht nur am Ball. Seine Laufbahn weist eine einmalige Bilanz auf: vier rumänische Meistertitel im Fußball (mit Venus Bukarest) – und sechs im Eiskunstlauf (mit Irina Timcic), den letzten 1958, mit fünfzig Jahren. Auch bei den Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen war das Paar am Start. Damit ist Eisenbeisser einer von nur drei Menschen, die bei Fußball-WM und Winter-Olympia antraten, neben dem Schweden Orvar Bergmark (Bandy 1952) und dem Bulgaren Aleksandar Schalamanow (Abfahrtslauf 1960).Vorher aber hat Eisenbeisser noch die lange Heimkehr von der WM 1930 überstehen müssen. An Bord der Conte Verde erwischt ihn eine Lungenentzündung. In Genua kommt er in kritischem Zustand ins Hospital. Anders als der Blitz-Torschütze Deşu, der 1937 an einer Lungenentzündung stirbt, überlebt Eisenbeisser. Drei Monate nach der Abreise kehrt er von diesem längsten aller WM-Trips in die Heimat zurück – wo längst das Gerücht kursiert, er sei tot. Als sie ihn sieht, fällt seine Mutter in Ohnmacht. Sie hält ihn für einen Geist. Aber gestorben ist dieser Ball- und Eiskünstler erst 1991, in Berlin, wo er seine letzten Jahre verbrachte.
Kuriose Geschichten zur Fußball-WM 2026: 200 Gold-Pesos für einen Beinbruch
Erst ein Faustschlag führt beim vierten WM-Spiel der Geschichte zum ersten Platzverweis. Alfred Eisenbeisser gehört nicht zu den Tretern. Er macht noch im Eiskunstlauf von sich reden – und als Geist.













