In seiner ersten Schiedsrichterprüfung ist John Langenus durchgefallen bei der Frage: Wie ist zu verfahren, wenn der Ball ein tieffliegendes Flugzeug trifft? Nun, am letzten Tag der ersten Fußball-WM, steht er vor weiteren Fragen, auf die ihn kein Lehrbuch vorbereitet hat. Etwa: Wie bekomme ich ein Endspiel zwischen zwei hitzigen Fußballnachbarn wie Uruguay und Argentinien friedlich über die Bühne? Und vor allem: Wie komme ich heil nach Hause?Der Belgier, der sich auf dem Fußballfeld stets in Sakko, Schlips und Knickerbockern präsentiert, hat ein paar Antworten parat. Das Estadio Centenario ließ er, um einen Ansturm wie bei der Eröffnung des riesigen Stadions zu vermeiden, schon um acht Uhr früh öffnen, acht Stunden vor Anpfiff. Zeit genug, um alle Besucher zu durchsuchen, wobei die Polizei rund 1600 Revolver beschlagnahmt hat – meistens wohl nur mitgenommen, um der Landessitte gemäß nach dem Sieg Freudenschüsse in die Luft zu feuern, aber man weiß ja nie. Zum eigenen Schutz hat Langenus zudem hinter beiden Toren Leibwächter platzieren und ein Fluchtboot auf dem Rio de la Plata für sich chartern lassen.Doch dann, es ist eigentlich schon Anstoßzeit, steht er noch im Gang mit den beiden Kapitänen. Abwechselnd drücken sie ihm einen Ball in die Hand. Jeder will partout mit dem eigenen Leder um den WM-Sieg spielen. Was tun? Auch da hilft kein Lehrbuch weiter. Doch der lange Langenus, mit 1,90 Metern auf dem Platz alle überragend, findet eine Lösung – eine Halbzeit mit dem Ball der „Gauchos“, eine mit dem der „Urus“.Ein Rennpferd als PrämieSo kann er es endlich anpfeifen, das erste Finale einer Fußball-WM, vor mindestens 70.000, vielleicht 90.000 Zuschauern, darunter rund 15.000 Argentiniern, die es trotz Winternebels über den Rio de la Plata geschafft haben. Das Duell gerät hitzig, bleibt aber kontrollierbar für Langenus, der die Partie nicht nur als Schiedsrichter, sondern auch als Reporter verfolgt.In seinem Finalbericht im „Kicker“ werden die Leser allerdings erst vier Wochen später, nach Heimkehr des Autors per Schiff, erfahren können, dass Argentinien der eigene Ball eine 2:1-Pausenführung einbringt. Dass Uruguay dann mit heimischem Leder der Ausgleich glückt. Und schließlich die Wende – durch einen Weitschuss von Santos Iriarte, dem ein begeisterter wie begüterter Fan aus Dank ein kostbares Rennpferd schenkt. Letzte Zweifel am Ausgang beseitigt in vorletzter Minute das 4:2 durch Kopfball von Hector Castro, dem seit einem Unfall mit einer Kreissäge der rechte Unterarm fehlt.Die befürchtete Eskalation nach dem Spielende bleibt aus, Spieler und Schiedsrichter bleiben unversehrt. Nur einen noch in ferner Zukunft liegenden Kollateralschaden hat Castros spätes Tor zur Folge. Im Oktober 2025 wählt ein Kandidat der Quizsendung „Wer wird Millionär“ auf die 125.000-Euro-Frage nach dem häufigsten Ergebnis in WM-Endspielen (Vorschläge: 1:0, 2:1, 3:1, 4:2) die Antwort 2:1. Er fällt von 64.000 auf 500 Euro zurück. Alles nur wegen des „divino manco“, wie man ihn nannte, des „göttlichen Einarmigen“. Ohne sein Tor hätten alle vier Antworten gestimmt.
Fußball-WM 2026: 1600 Revolver und zwei Bälle im Finale von 1930
Das Finale der ersten Fußball-Weltmeisterschaft 1930 pfeift ein salomonischer Schiedsrichter, der an alles denkt. Auch an ein Fluchtboot auf dem Rio de la Plata.














