Spanisch mag die Weltsprache des Fußballs sein, aber dies ist tatsächlich das erste rein spanischsprachige Finale seit der WM-Premiere im Jahr 1930. Uruguay gewann damals im Estadio Centenario von Montevideo 4:2 gegen Argentinien, die damals vor 96 Jahren, man glaubt es kaum, tatsächlich ohne Lionel Messi angetreten waren. Diesmal trifft der amtierende Copa-América-Sieger Argentinien auf den amtierenden Europameister Spanien (21 Uhr/MagentaTV und ZDF).Und wer spielt mit?Im Grunde alle, denn: Alle sind fit. Sagen jedenfalls die Trainer. Gewisse Restzweifel gab es zuletzt bei Spaniens Lamine Yamal, der im Training am Freitag mit einem Verband am linken Oberschenkel gesichtet worden war. Er hatte laut Trainer Luis de la Fuente im Halbfinale gegen Frankreich einen „Pferdekuss“ bekommen (“Un bocadillo“, wie es auf Spanisch heißt, „ein Sandwich“), und zwar in jener Szene, in der er den Elfmeter herausgeholt hatte. Außerdem deuten Indizien darauf hin, dass die Verletzung aufgebrochen ist, die Lamine Yamal vor der WM erlitten hatte. De La Fuente versuchte bis zuletzt dennoch, alle Bedenken für einen Einsatz im Endspiel zu entkräften: „Lamine geht es gut.“Lionel Messi und Lamine Yamal im WM-Finale:Der alte König hat seinen Thronfolger schon auserkorenBei ihrer ersten Begegnung war eine Quietsche-Ente dabei, nun trifft Lionel Messi im WM-Finale auf Lamine Yamal – und damit der beste Fußballer der Gegenwart auf jenen, der die Rolle übernehmen könnte.Wie gut kennen sich die beiden Trainer?Bestens. Sie nennen einander sogar Freunde. De la Fuente war vor knapp einem Jahrzehnt Trainerausbilder im spanischen Verband, Lionel Scaloni besuchte seinen Kurs. Gleichwohl wollten sie vor dem Finale jeden Kontakt vermeiden. Allerdings zwang die Fifa sie zu einem reichlich absurden Promo-Termin in New York, den der frühere Weltklasseverteidiger Rio Ferdinand moderierte, heute die Lieblingsmarionette von Infantino. Scaloni und De la Fuente umarmten sich auf der Bühne innig und flüsterten sich ins Ohr, wie idiotisch die Ideen der Fifa seien. Das jedenfalls ließ Scaloni deutlich erkennen, als er einen Satz abbrach: Er wolle den Dialog „nicht wörtlich wiedergeben, weil wir da in einer surrealen Situation waren, die…“ – wie gesagt, jeder Beschreibung spottete.Wie sind die Sympathien verteilt?Im Stadion von East Rutherford dürften die argentinischen Fans deutlich in der Überzahl sein. Die meisten Latinos, die in New York und um New York herum leben, haben aber eher ein gespaltenes Verhältnis zum Argentinien der Javier-Milei-Ära. Und sie haben auch nicht vergessen, dass Messi im März im Weißen Haus vorbeischaute und Donald Trump ein Trump-Trikot seines Klubs Inter Miami schenkte. Die Latino-Community von New York und New Jersey dürfte daher mehrheitlich zu Spanien tendieren, dem Land, mit dem Trump keine Geschäfte mehr machen will.Was besagt das Kapverden-Orakel?WM-Neuling Kapverden ist tatsächlich die einzige Mannschaft, die im Verlauf des Turniers gegen die beiden Finalisten gespielt hat. Spanien holte ein 0:0 (und machte Kapverden-Torwart Vozinha schlagartig berühmt); Argentinien siegte im Sechzehntelfinale mit Ach und Krach, das heißt: 3:2 nach Verlängerung. Gefühlt schoss den Argentiniern die Angst sehr viel tiefer in die Knochen. So gesehen: Vorteil Spanien.Wie lauten die letzten Trainerweisheiten vor dem Anpfiff?Luis de la Fuente, Spanien: „Der Bienenstock ist wichtiger als die Biene.“Lionel Scaloni, Argentinien: „Jeden Morgen geht die Sonne auf.“Wer pfeift?Slavko Vincic, als Slowene Landsmann von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin und somit eine kuriose Wahl. Schon bei allen südamerikanisch-europäischen WM-Finalduellen des laufenden Jahrhunderts fiel die Spielleitung an einen Europäer. Der Pole Szymon Marciniak pfiff 2018 beim Sieg der Argentinier gegen Frankreich; der Italiener Nicola Rizzoli war 2014 der Referee des deutschen WM-Siegs gegen Argentinien; sein Landsmann Pierluigi Collina leitete 2002 den Finalsieg Brasiliens gegen Deutschland. Der letzte neutrale Schiedsrichter in diesem Lichte war der Marokkaner Said Belqola (1998, Frankreich gegen Brasilien). Auch ein Deutscher hat es ins Finale geschafft. Bastian Dankert aus Schwerin wird beim Finale der Videoschiedsrichter sein.Gianni Infantino:Die seltsamen Schreiben im Fifa-WahlkampfWegen der vielen Skandale regt sich selbst im Fußball großer Unmut über Gianni Infantino. Der Fifa-Boss muss um seine Wiederwahl kämpfen. Nun rückt ein möglicher Verstoß gegen den Ethik-Kodex in den Fokus.Vincic war gerührt, als er erfuhr, dass er pfeifen darf. Vielleicht, weil er seit 2020 damit leben muss, dass er im Rahmen einer Razzia wegen angeblichen Waffen- und Drogenhandels sowie Zuhälterei hopsgenommen (und später für unschuldig erklärt) wurde. Andererseits: Er ist nicht der einzige Referee, über den belastendes Material zusammengestellt werden könnte.Was ist die aktuelle Problemdebatte?Die Argentinier haben sich von Sieg zu Sieg geheult und dabei vermutlich ihre Kleenex-Vorräte aufgebraucht. Die Spanier fragen sich indes, wie man Messi stoppen kann. De la Fuente hat dazu einen alten Schwank parat: Als er Jugendtrainer beim FC Sevilla war, trafen sie in einem Pokalspiel auf den FC Barcelona und einen gewissen Lionel Messi. De la Fuente ließ ihn, ohne ihn zu kennen, in Manndeckung nehmen; nach etwa 70 Minuten nahm er den Verteidiger vom Feld, der Messi bewacht hatte, weil er Gelb gesehen hatte. Messi machte gegen den zweiten Manndecker vier Tore. Was man daraus folgert? Es ist egal, was man tut.Was gibt’s im Rahmenprogramm?Wie es sich für ein Turnier, das angeblich aus 104 Super Bowls hätte bestehen sollen, gehört, schreitet die Super-Bowlisierung auch in diesem Endspiel voran. Es tanzen, singen und musizieren für Sie: Justin Bieber, Madonna, Shakira, Burna Boy, Coldplay, BTS, Post Malone, Robbie Williams, Nicole Scherzinger sowie Laura Pausini. Der Dirigent Gustavo Dudamel hat sich auch angekündigt – ob mit oder ohne seinem neuen New Yorker Symphonieorchester bleibt abzuwarten. Insgesamt werden am Sonntag vor dem Anpfiff und in der Halbzeit fast mehr Popstars als Fußballspieler zu sehen sein. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen scheint es dem Fifa-Festival-Komitee aber nicht gelungen zu sein, in eine der Trinkpausen noch einen Auftritt der Beatles in Originalbesetzung reinzuquetschen.Wie lange dauert denn dann die Halbzeit?Länger als sonst und vor allem: als in Regel 7 vorgesehen ist (maximal fünfzehn Minuten). Aber Gianni Infantinos Fifa sind die Regeln des Fußballs offenbar in etwa so wichtig wie es der Internationale Strafgerichtshof zur Verfolgung von Völkermord und Kriegsverbrechen für die Regierung von Donald J. Trump ist.Apropos Trump: Gibt’s von dem etwas Neues?Aber klar doch: Am Freitagabend fand in New York eine große Abschlusspressekonferenz statt, bei der die WM-Berichterstatter Trainer und Führungsspieler beider Mannschaften befragen konnten. Manch einer hatte die (zugegeben etwas naive) Vermutung geäußert, dass vielleicht auch der Fifa-Präsident auftauchen und einige dringende Fragen beantworten würde. Stattdessen trat exakt in dem Moment, als in einer Event-Location am River Hudson die Pressekonferenz begann, Infantino ein paar Meilen weiter nordöstlich im Trump-Tower auf. Der Fifa-Boss stellte sich keinen kritischen Fragen der Presse, sondern neben Trump. Er sagte: „Mister President, diese WM wäre nicht so ein unglaublicher Erfolg geworden ohne Sie.“Da lächelt sogar Trump: Der amerikanische Präsident wurde bei einem Empfang in New York von Fifa-Präsident Gianni Infantino mit den üblichen Lobpreisungen überschüttet. Mandel Ngan/AFPUnd wer meinte, das sei schon der Gipfel der Schleimerei gewesen, der sah sich getäuscht. „Dies war nicht nur die großartigste WM aller Zeiten“, sagte Infantino und schmachtete mindestens stärker als Marilyn Monroe, als sie John F. Kennedy „Happy Birthday“ vorsang: „Sie war das größte menschliche, soziale und kulturelle Event, das die Menschheit je gesehen hat.“ Da lächelte Trump: Das größte Event in der Geschichte der Menschheit, das ist für ihn und sein Ego gerade groß genug.Trump stellte dann noch einmal klar, wie das mit seinem Anruf bei Infantino und der plötzlich entfallenen Rotsperre für den US-Stürmer Folarin Balogun ablief. Infantino behauptet ja unverdrossen, es sei alles mit rechten Dingen und unabhängigen Kommissionen zugegangen. Aber Trump schert sich nicht um unabhängige Kommissionen und schon gar nicht um die rechten Dinge. Aus seiner Sicht hat es sich so zugetragen: „Gianni hat eine weitere seiner großartigen Entscheidungen getroffen.“ Nur eines stört Trump: „Nie bekommst du dafür die verdiente Anerkennung.“Und wie wird das Wetter?Heiter bis staubwolkig. Jetzt ist das schon die (Fifa-Ehrenwort!) nachhaltigste WM aller Zeiten – und dann wird sie trotzdem von diesem Klimawandel belästigt. Waldbrände in Kanada brachten zum Ende der Woche riesige Rauchschwaden über den Nordosten der USA. In New York City wurde die drittschlechteste Luftqualität aller Städte weltweit gemessen – hinter Chicago und Detroit.In Manhattan roch es zwischenzeitlich so, als ob jemand den gesamten Central Park in Brand gesetzt hätte, und zwar mit nassem Holz. Die Sicht war diesig, der Rauch brannte in den Augen, die Menschen holten wieder ihre Gesichtsmasken aus der Corona-Zeit heraus. Wegen dieser Feuerkrise wurde unter anderem das erste Spiel von Robert Lewandowski bei Chicago Fire (sic!) abgesagt und in den Oktober verlegt. Die gute Nachricht ist: Das WM-Finale am Sonntag wird höchstwahrscheinlich stattfinden. Denn am Samstag blitzte und donnerte es in New York, Spanien musste das Training abbrechen. Alle weiteren Bedenken spülte der Starkregen hinfort.
Die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem WM-Finale 2026
Ist Lamine Yamals Einsatz in Gefahr? Wie stoppt man Lionel Messi? Wieso hat das Rahmenprogramm in der Halbzeit Überlänge? Und wie wird das Wetter nach den Waldbränden?














