Träumt den «Italian Dream»! Ein früherer Berater von Hillary Clinton und Barack Obama will Italien aus der Lethargie weckenDer Investor und Technologie-Experte Alec Ross sieht in Italien ein Land mit enormem ungenutztem Potenzial. Nun wirbt der Amerikaner mit italienischen Wurzeln in einem Bestseller für einen neuen italienischen Aufbruch.16.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAutor, Investor und Experte für Innovation und Technologie: Der Italo-Amerikaner Alec Ross ist derzeit ein gefragter Mann in Italien.ImagoDie Italiener mögen es in der Regel nicht sonderlich, wenn ein Aussenstehender ihnen sagt, was sie zu tun haben. Bei ihm ist es etwas anders: «Seine Worte geben mir einen Energieschub», meint Dacia Maraini, Grande Dame im italienischen Literaturbetrieb. Michelle Hunziker, schweizerisch-italienische TV-Entertainerin, ist ganz euphorisch und empfiehlt ihren 5,9 Millionen Followern auf Instagram, sein Buch in den Sommerferien unbedingt zu lesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fans von Maraini bis zu «La Hunziker»: Alec Ross hat einen Nerv getroffen, kein Zweifel. Noch liegt sein Buch «The Italian Dream» auf den Sachbuch-Bestsellerlisten Italiens einige Plätze hinter der jüngsten Enzyklika des Papstes zu KI, aber es hat einen fulminanten Start hingelegt.Blendender SelbstvermarkterRoss, der 54-jährige, jünger wirkende Autor, ist derzeit zu Gast auf allen Kanälen. Er spricht fliessend Italienisch, mit unverkennbar amerikanischem Einschlag zwar und einem etwas übertrieben rollenden R. Er ist ein blendender Selbstvermarkter, schlagfertig und unterhaltsam – und er hat eine gute These: dass Italien mehr könnte, wenn es denn nur wollte.Das hören sie gern in Italien. Nicht nur, weil es sich um ein implizites Lob handelt. Sondern auch, weil die These gut begründet ist und der Autor das Land kennt.Seine Urgrosseltern stammen aus den Abruzzen, waren Bauern und Analphabeten. Um 1900 hatten sie sich aufgemacht, den amerikanischen Traum zu suchen. Während sie in den Kohleminen von West Virginia ein karges Auskommen fanden, hat es der Nonno von Alec schliesslich geschafft. Er konnte sich aus der Armut befreien, schaffte für sich und seine Nachkommen den sozialen Aufstieg. Eine klassische amerikanische Erfolgsgeschichte.Alec macht Karriere und bringt es in höchste Kreise. Er wird Berater für Innovation im Aussenministerium von Hillary Clinton und leitet den Teil des Wahlkampfteams von Barack Obama, der sich mit Technologie beschäftigt. Inzwischen betätigt er sich unter anderem auch als Investor und lehrt an der Business School der Universität von Bologna, wo er mehrere Monate pro Jahr lebt.Alec Ross gehörte zum Wahlkampfteam von Barack Obama: Hier bei einem Treffen im Jahr 2013.PDDie grosse NostalgiewelleHier fällt ihm auf, dass Italien der Glaube an die Zukunft fehlt. Das Land, das den Verbrennungsmotor erfunden hat, die Schreibmaschine, den PC, das Barometer, den Mikroprozessor, die Brille, das Banking – es ist steif geworden.Seit Jahrzehnten stagnieren die Löhne, junge und gut ausgebildete Leute suchen das Weite und wandern aus, in Sachen Wirtschaftswachstum bewegt sich wenig bis nichts; die Gesellschaft altert rapide. Italien gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate weltweit.Eine kulturelle Nostalgiewelle hat das Land erfasst. Statt nach vorne blickt man lieber zurück und sucht Inspiration in den Errungenschaften der Vergangenheit. Öffentliche Aufmerksamkeit erhält nicht derjenige, der eine Innovation präsentiert, sondern der, der unter Verweis auf mitunter zweifelhafte Dokumente vermeintlich belegen kann, vor langer Zeit die Pizza Margherita, die Spaghetti Carbonara oder das Tiramisu erfunden zu haben.Als Ferrari jüngst ein neues, hochmodernes E-Auto präsentierte (über dessen Ästhetik man in guten Treuen streiten kann), gab es fast nur Hohn und Spott. Der Automobilkonzern solle gefälligst sofort das charakteristische, sich aufbäumende Pferd aus dem Logo streichen, hiess es. Der neue Wagen habe den Namen Ferrari nicht verdient.Das Design des neuen Ferrari Luce erntete in Italien nur Hohn und Spott.PDManchmal gefällt sich Italien in der Rolle des Altersheims auf dem alten Kontinent, als Ort, an dem es sich ruhig leben lässt: mit einer gewissen Eleganz, bei gutem Essen, schönem Wetter und mit Blick auf die schönsten Kulturdenkmäler der Welt. Das ist nicht wenig, gewiss. Aber es trägt mit zu dieser eigenartigen Melancholie bei, die über dem Belpaese liegt – ein Befund, den Alec Ross mit vielen Italienkennern und -reisenden teilt.Zu wenig «fiducia» und «agency»Dem Land fehle «fiducia», meint Ross, Vertrauen, und zwar auf allen Ebenen: in die Zukunft, ins Gegenüber, in den Staat. «Dobbiamo stare attenti», wir müssen vorsichtig sein, laute der am häufigsten verwendete (und missbrauchte) Satz in Italien. In der Figur des Notars wird er zu Fleisch und Blut: Es gibt kaum ein Geschäft auf dem Stiefel, und sei es noch so unbedeutend, bei dem nicht ein Notar beigezogen werden muss.«Erfunden» hat man diesen Beruf, als in Italien noch der Analphabetismus grassierte. Der Notar las Verträge mit lauter Stimme vor und stellte sicher, dass sie von allen verstanden wurden. Es war eine Massnahme gegen Betrug. Doch das, «was einst eine Notwendigkeit war, um für Klarheit zu sorgen, hat sich zu einer bürokratischen Last entwickelt, die die Wirtschaft bremst und Ausdruck einer Kultur des institutionalisierten Misstrauens ist», schreibt er.Als – wiederum amerikanisch sozialisierter – Optimist findet Ross: So kann es nicht weitergehen. Italien hat Potenzial. So spannt er einen weiten argumentativen Bogen von den Guelfen und Ghibellinen über Fellinis «Dolce Vita» bis zu Dantes «Göttlicher Komödie». Sein Buch ist ein Panorama italienischer Tugenden und des italienischen Malaise in einem.«Der italienische Traum», schreibt er, «muss die Werte und Widersprüche des Landes widerspiegeln. Er muss dessen Geografie und zersplitterte Kultur, die tiefen historischen Wurzeln und die aktuellen Frustrationen berücksichtigen. Aber er kann auch auf die einzigartigen Stärken Italiens zurückgreifen: die Kunst, den Humanismus, den Sinn für Mass und Schönheit.»Eigentlich ist alles da, findet Ross: der Respekt für das Alte und das Neue, der Sinn für Innovation und Tradition, für das Lang- und das Kurzfristige, für Form und Substanz. Es gilt aber, das richtige Gleichgewicht zu finden und die ewigen Streitereien und kleinlichen tagespolitischen Polemiken hinter sich zu lassen. «L’Italia deve fare squadra», heisst es an einer Stelle, Italien müsse wieder lernen, als Team zu spielen.Was dem Land zudem fehle, sei «agency», ein englischer Begriff, der – bezeichnenderweise – keine Entsprechung im Italienischen findet. Es bedeutet so viel wie Handlungsvermögen oder Eigeninitiative – die Fähigkeit, aktiv zu werden und den Lauf der Dinge zu beeinflussen. «Dieser Mangel an agency und die Neigung zum Pessimismus – die Tendenz, zuerst die Hindernisse zu sehen, anstatt sich die Chancen vorzustellen – sind eines der grössten kulturellen Hindernisse für Innovation und Ehrgeiz in Italien.»Sie reden lieber vom NiedergangMit diesen Argumenten tingelt der Urenkel italienischer Emigranten nun durchs Land, tritt in Talkshows auf, produziert Podcasts und zeigt sich mit wichtigen Vertretern aus Wirtschaft, Kultur und Politik. Sein Erfolg zeigt: Das Thema nagt an Italiens Seele.Doch ob die Italiener wirklich Lust auf diese deftige Ration amerikanischen Fortschrittsglaubens haben? Die Botschaft hören sie wohl, allein, es fehlt ihnen der Glaube.Dieser Tage ist jedenfalls wieder mehr vom «declino» die Rede, vom Niedergang. Der Grund dafür ist der Calcio. Genauer: die Nichtqualifikation der Azzurri für die Fussball-Weltmeisterschaft.Passend zum Artikel