Die EU-Beitritts-Verhandlungen mit der Ukraine gehen nun richtig los – aber Kiew sollte sich nicht zu früh freuenDie neue ungarische Regierung hat das Veto gegen die Eröffnung von Verhandlungskapiteln aufgegeben. Die Stärken der Ukraine sind gleichzeitig ihr Problem.16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWird er eines Tages mit Stimmrecht an einem EU-Gipfel teilnehmen? Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski.Florian Gärtner / Photothek / GettyFür die Ukraine beginnt ein neues Kapitel – buchstäblich. In feierlicher Atmosphäre sind am Montagabend in Luxemburg die ersten fünf sogenannten Verhandlungskapitel eröffnet worden, an deren Ende die EU-Mitgliedschaft des osteuropäischen Landes stehen soll. Doch bis es tatsächlich so weit ist, dürfte noch viel Zeit ins Land ziehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Die neue Regierung von Peter Magyar hat nun Anfang Juni mit Kiew ein Abkommen geschlossen, das insbesondere in bildungs-, verwaltungs- und kulturpolitischen Bereichen die Rechte der 100 000 Exilungarn sichern soll. Das erlaubte es Budapest, sein Veto gegen die Eröffnung des ersten Verhandlungsabschnittes aufzuheben. Die neue ungarische Aussenministerin Anita Orban strahlte am Rande des EU-Aussenministertreffens in Luxemburg über beide Ohren, als sie von der «ungarischen Heimkehr nach Europa» schwärmte.Was erhofft sich die EU?Für die Ukraine endet damit ein zweijähriger Schwebezustand. Jetzt gehen die Verhandlungen über Themen wie Grundrechte, die Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen oder die Effizienz der Verwaltung los. Das von allen Seiten verwendete Wort «Verhandlungen» ist allerdings reichlich euphemistisch. Unter dem Strich diktiert Brüssel, welche Reformen Kiew zu erledigen hat.Die Ukraine, wie auch die Moldau, hofft, bereits diesen Juli sämtliche sechs Cluster eröffnet zu haben – was angesichts des bisherigen Tempos überaus forsch wäre. Die EU-Kommissarin für Erweiterung, Marta Kos, hält diesen Fahrplan allerdings für möglich. «Die Ukraine hat geliefert, nun liefern wir auch», sagte sie am Montag und verwies auf die umfangreichen Vorbereitungsarbeiten, die während der ungarischen Blockade gemacht worden seien.Dass die kriegsgebeutelte, finanzschwache Ukraine ein Interesse hat, der Europäischen Union beizutreten, liegt auf der Hand. Aber was erhofft sich die EU davon? Auch in dieser Hinsicht hat die Zeitenwende, die durch den russischen Überfall auf die Ukraine ausgelöst worden ist, zu einem Umdenken geführt. Es liegt im ureigenen Interesse der europäischen Staaten, an der Grenze zu Russland loyale, ins eigene Regelwerk eingebundene Länder zu haben – umso mehr, als ein Nato-Beitritt der Ukraine in absehbarer Zeit nicht realistisch ist. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Chancen, die sich bei einer engeren Zusammenarbeit mit dem rohstoffreichen Riesenstaat auftun.Landwirtschaft als HürdeSolange in der Ukraine Krieg herrscht, ist ein EU-Beitritt der Ukraine illusorisch. Abgesehen von den innerstaatlichen Reformen, die unter Kriegsrecht nicht vollständig umsetzbar sind, würde alleine schon die im EU-Vertrag verbriefte Beistandsklausel eine einstimmige Position der Europäer verunmöglichen. Die Lage auf dem Schlachtfeld hat sich in letzter Zeit aber zugunsten der Ukraine entwickelt, womit eine wie auch immer geartete Friedenslösung weniger weit entfernt scheint als noch vor ein paar Monaten. Auch die Frage des EU-Beitritts könnte Gegenstand von Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau sein.Selbst bei einem langfristigen Waffenstillstand blieben die Hürden, die sich der Ukraine auf dem Weg in die EU stellen, aber immens. So ist die landwirtschaftliche Stärke der Ukraine gleichzeitig ihr grosses Problem: Würden die Agrarsubventionen der EU, die rund ein Drittel des gesamten Budgets ausmachen, nach den heutigen Massstäben auf die Ukraine angewandt, wäre im restlichen Europa ein Aufstand der politisch einflussreichen Bauern gewiss. Auch Kohäsionsgelder flössen in massivem Umfang nach Kiew.Merz preschte vorDer deutsche Kanzler Friedrich Merz hat im Mai daher eine «assoziierte Mitgliedschaft» vorgeschlagen, auch am EU-Gipfel vom Donnerstag dürfte er für die Idee weibeln. Die Ukraine könnte demnach bei EU-Treffen teilnehmen und in EU-Gremien Einsitz haben – allerdings ohne Stimmrecht. Die ukrainische Regierung, die eine Vollmitgliedschaft anstrebt, will davon nichts wissen, und auch Marta Kos sagte in Luxemburg, dass es «keine halben Mitgliedschaften» geben dürfe. Hingegen böten die Verträge eine Vielzahl von Möglichkeiten zur «schrittweisen Integration», so die EU-Erweiterungskommissarin – ohne allerdings auszuführen, inwiefern sich diese vom Merz-Vorschlag unterscheiden würden.Mit dem feierlichen Akt vom Montag werden sich die Unterhändler der EU und der Ukraine noch häufiger austauschen. Ein baldiger Beitritt scheint, trotz positiver Dynamik, derzeit nicht umsetzbar. Per 2027, wie vor ein paar Monaten herumgeisterte, ist er undenkbar. Selbst im laufenden Jahrzehnt ist ein solcher Schritt ambitioniert, zumal in mehreren Ländern EU-skeptischere Regierungen an die Macht kommen könnten. Die Tatsache, dass die Gespräche nun intensiviert werden, ist noch kein Garant für Tempo: Mit der Türkei begannen die Beitrittsverhandlungen im Jahr 2005.Passend zum Artikel