PfadnavigationHomePolitikAuslandEU-ErweiterungDie EU öffnet der Ukraine die nächste Tür – doch der schwierigste Teil beginnt erstStand: 15:30 UhrLesedauer: 6 MinutenAugust 2025: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen trifft den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in BrüsselQuelle: Uncredited/AP/dpaDie EU startet die nächste Phase der Beitrittsgespräche mit der Ukraine und Moldau. Zahlreiche Hürden stehen einem Beitritt aber im Weg. Aus Sicht der Europäer birgt vor allem ein Faktor Risiken.Die Ukraine und Moldau haben auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft die erste große Hürde genommen. An diesem Montag beginnt beim Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg das sogenannte erste Cluster der Beitrittsverhandlungen, unter anderem geht es um Rechtsstaatlichkeit. Für Kiew ist das ein erster großer Erfolg, der erst mit dem Machtwechsel in Ungarn möglich geworden ist. Der ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán hatte Fortschritte noch blockiert. Die Entscheidung, die erste Phase der Beitrittsverhandlungen einzuleiten, fiel bereits am Freitag. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sieht darin eine Anerkennung der „Entschlossenheit, des Mutes und des unermüdlichen Einsatzes“ der beiden Länder für Reformen. Es sei zudem ein Signal dafür, dass das Angebot der EU „Frieden, Stabilität und Chancen“ bedeute und „unübertroffen“ sei. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei seinen Partnern in der EU für den „starken Schritt für Europa“. Selbstbewusst fügte er hinzu, die Ukraine tue, was „nötig“ sei – und es sei wichtig, dass auch die EU ihr Wort halte. Darin schwingt die Befürchtung mit, dass ein tatsächlicher Beitritt noch in weiter Ferne liegt. Denn die Herausforderungen sind groß und viele Fragen weiterhin ungeklärt. Lesen Sie auchZentral ist etwa die Frage der Sicherheit. EU-Beamte rechnen nicht mit einem Beitritt vor Mitte des nächsten Jahrzehnts und definitiv auch nicht vor einem Ende des russischen Angriffskrieges. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte daher zuletzt vorgeschlagen, der Ukraine einen Sonderstatus bei den Gesprächen zu verleihen. In einer Übergangszeit könnte das Kiew etwa die Teilnahme an EU-Gipfeln und Ministerräten ermöglichen, wenn auch ohne Stimmrecht.Aus Sicht Kiews wäre ein solcher Deal allerdings mit Nachteilen verbunden. So gibt es die Befürchtung, dass der Beitritt damit verschleppt werden könnte. Außenminister Andrij Sybiha beharrte jüngst gegenüber Journalisten auf einer „vollwertigen, gleichberechtigten Mitgliedschaft in der EU“. Selenskyj erklärte ebenfalls, die Präsenz der Ukraine in der EU müsse vollwertig sein – mit allen Rechten.Lesen Sie auchDie Ukraine hofft wohl auch darauf, in möglichen Gesprächen mit Russland über ein Kriegsende mehr Gewicht zu bekommen. Relevant ist für Kiew auch die EU-Beistandsklausel, die besagt, dass im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats die anderen Mitgliedstaaten ihm ihre Unterstützung schulden. Lesen Sie auchAus Sicht der Europäer stellt sich hingegen die Frage, wie ein Land, das im Krieg steht, Mitglied einer Friedensunion werden kann. Und wie groß angesichts der russischen Bedrohung das Risiko für die Europäer wäre – nicht nur im Fall der Ukraine. Ungelöste TerritorialkonflikteSicherheitspolitische Fragen spielen auch im Fall von Moldau eine Rolle, das ungelöste Territorialkonflikte mit Moskau hat. Die selbsterklärte Republik Transnistrien, ein schmaler Landstreifen im Osten des Landes an der Grenze zur Ukraine, wird seit Anfang der 1990er Jahre von einer separatistischen, prorussischen Führung kontrolliert. Das Problem des abtrünnigen Transnistriens steht zwar in keinem Vergleich zum offenen Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, ist aber ein Hindernis auf dem Weg zum Beitritt des Landes.Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere ungelöste Fragen. In beiden Ländern grassieren Korruption und fehlende Rechtsstaatlichkeit. Zwar wurden etwa in der Ukraine seit 2014 mit westlicher Hilfe ein halbes Dutzend neuer Institutionen vom Antikorruptionsbüro bis zum Obersten Antikorruptionsgerichtshof neu geschaffen. Doch wurden auch die neuen Behörden schnell in das bestehende Korruptionssystem integriert und sind nicht selten selbst Gegenstand von Skandalen und Ermittlungen. Die ukrainischen Korruptionsskandale der vergangenen Jahre reichen inzwischen bis ins Umfeld des Präsidenten. Auch die Angleichung der Lebensverhältnisse dürfte teuer werden. Die Ukraine ist seit dem Beitritt Polens im Rahmen der EU-Osterweiterung vor mehr als zwanzig Jahren der größte Beitrittskandidat – das gilt für die Fläche als auch für die Bevölkerungszahl. Trotz massiver Fluchtbewegungen wegen des Krieges leben, je nach Schätzung, bis zu 38 Millionen Menschen in dem Land. Zugleich liegt das Pro-Kopf-Einkommen niedriger als in Bulgarien.Lesen Sie auchDazu kommt: Eine vom Krieg angeschlagene, aber große und diversifizierte Wirtschaft muss in Einklang mit europäischen Gesetzen und Regularien gebracht werden. Die Landwirtschaft ist der ukrainische Wirtschaftssektor mit dem größten Potenzial. Doch ausgerechnet hier gibt es Konfliktpotenzial, das den Beitritt ausbremsen könnte.Die fruchtbare ukrainische Schwarzerde verteilt sich auf eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die einem Viertel der gesamten Agrarfläche der EU entspricht. Einer der größten Agrarexporteure der Welt müsste ins EU-System der Agrarsubventionen integriert werden – wohl auf Kosten derzeitiger Profiteure in Osteuropa, die von EU-Beihilfen profitieren. Schon jetzt protestieren polnische und rumänische Bauern gegen den Import und Transit ukrainischer Landwirtschaftserzeugnisse.Symbolisch aufgeladene GesprächeVor allem für die Ukraine geht es bei den Beitrittsverhandlungen aber um weit mehr als Außenpolitik, Agrarsubventionen oder Sicherheit. Sie sind inzwischen symbolisch aufgeladen, es geht um Fragen der nationalen Identität. Der Weg in die EU steht für die Abkehr vom russischen Aggressor, für den Höhepunkt einer Abnabelung, die bereits mehr als zwei Jahrzehnte andauert.Noch zu Zeiten der Orangenen Revolution 2004/2005 war nicht ausgemacht, dass sich die Ukraine der EU zuwenden würde. Das änderte sich spätestens mit der Annexion der Krim und dem russischen Angriff auf den Donbass 2014. Nach der russischen Großinvasion im Februar 2022 ist der proeuropäische Kurs in der ukrainischen Gesellschaft endgültig zum Mainstream geworden. Während in vielen EU-Ländern am Sinn und Zweck der Union gezweifelt wird, scheint die Mehrheit der Ukrainer vom vereinten Europa überzeugt zu sein.Heute unterstützen laut einer Umfrage des Razumkow-Zentrums, einer Kiewer Denkfabrik, 83 Prozent der Ukrainer den EU-Beitritt. Knapp elf Prozent sind dagegen, der Anteil der Unentschiedenen ist mit sechs Prozent marginal. Zugleich sind den Ukrainern die Herausforderungen auf dem Weg zur Mitgliedschaft bewusst, sowohl innerhalb der Ukraine, als auch innerhalb der EU. Laut einer vor drei Wochen durchgeführten Umfrage des Soziopolis-Instituts halten die meisten Ukrainer die Korruption im Land für die größte Hürde auf dem Weg zur Mitgliedschaft. 35,6 Prozent der Befragten äußerten die Sorge, dass der Beitritt hieran scheitern könnte. An zweiter Stelle stand die unzureichende Bereitschaft der EU, die Ukraine aufzunehmen, von der 28 Prozent der Befragten ausgehen. Den russischen Angriffskrieg halten 14 Prozent für die größte Hürde. Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt zudem, dass die ukrainische Regierung nicht genug unternimmt, um die Aufnahmekriterien zu erfüllen. Ein Viertel der Befragten glaubt sogar, dass die Regierung überhaupt nichts dafür leistet. Verglichen mit der euphorischen Rhetorik der Selenskyj-Regierung scheint die Mehrheit der ukrainischen Bürger einen nüchterneren Blick auf die EU-Perspektive zu haben. Sie sehen vor allem die eigene Regierung in der Bringschuld.mit dpaPavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.