Mit der Einigung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran auf eine Öffnung der Straße von Hormus haben die Aussichten für die deutsche und die internationale Konjunktur sich entschieden verbessert. Diese Meinung haben Ökonomen in ersten Reaktionen auf die Wochenenddiplomatie gegenüber der F.A.Z. vertreten.„Wenn die Einigung zwischen den USA und dem Iran sich als dauerhaft erweist und die Straße von Hormus geöffnet wird, wird das die Konjunktur in Europa erheblich stützen“, sagte Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts in München. „Die sinkende Inflation wird es der EZB erlauben, von weiteren Zinserhöhung abzusehen, und die Probleme bei der Versorgung mit Vorprodukten werden sich entspannen“, sagte Fuest. „Im dritten Quartal werden die Effekte des Konflikts noch spürbar sein, im vierten Quartal dürfte die Lage sich spürbar verbessern.“Der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Stefan Kooths, sprach von einer „deutlich verbesserten Situation“ für die Weltwirtschaft. Der Schaden durch die höheren Energiepreise sei schon eingetreten, aber mit dem Rahmenabkommen sei eine Rezession jetzt ausgeschlossen, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer.An den Finanz- und Rohstoffmärkten wurde die Einigung positiv aufgenommen. In Asien, das durch die mehr als drei Monate andauernde faktische Sperre des Schiffsverkehrs im Persischen Golf besonders getroffen war, gingen die Börsenindizes am Wochenauftakt sprunghaft nach oben. Auch der Dax lag am Vormittag im Plus. Rohöl der Sorte Brent wurde mit rund 83 Dollar je Barrel (zu 159 Litern) rund fünf Prozent billiger gehandelt als zuvor. Krämer sprach von einer „sehr positiven Marktreaktion“. Damit liegt der Rohölpreis immer noch fast 40 Prozent höher als zum Jahresbeginn 2026. Die Gaspreise in Europa fielen um rund sechs Prozent, lagen aber noch rund 45 Prozent höher als am Jahresbeginn.„Es wird Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert“„Die höheren Energiepreise kommen verzögert in der Produktion und im Handel an, sodass wir selbst bei einer erfolgreichen Einigung noch etwas länger mit einer höheren Inflation rechnen müssen“, sagte Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Sie verwies darauf, dass es noch unsicher ist, ob und was genau am Freitag unterzeichnet wird.Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnte auf der Konferenz „Euro Finance Summit“ in Frankfurt, dass die Inflationsrisiken nicht gebannt seien. „Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert“, sagte Nagel. Der Preisdruck in der Wirtschaft könne zudem nochmals steigen, wenn fiskalpolitische Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise ausliefen. In Deutschland läuft Ende Juni der Tankrabatt aus, der die Inflation im Mai gedämpft hatte.Reparatur zerstörter Anlagen braucht ZeitAmerika und Iran hatten sich am Wochenende auf ein Rahmenabkommen für ein Kriegsende geeinigt, das am Freitag in Genf unterzeichnet werden soll. Danach soll die Straße von Hormus geöffnet werden, auch wenn Details einer Friedensvereinbarung noch ausgehandelt werden müssen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte optimistisch mit Blick auf die Blockade des Öltransports durch die Straße von Hormus erklärt: „Schiffe dieser Welt, startet eure Motoren! Lasst das Öl fließen!“An den Finanzmärkten war schon in den vergangenen Wochen erwartet worden, dass die Kontrahenten sich einigen könnten und dass die Ölpreise etwa von der Jahresmitte an sinken würden. Die Einigung auf ein Rahmenabkommen erhöhe nun die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu komme, erklärte Kooths vom IfW in Kiel. „Es wird in jedem Fall noch eine Zeit dauern, bis der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder normal läuft und die Lieferketten sich stabilisieren“, sagte Schnitzer vom Sachverständigenrat. „Der Wiederaufbau der zerstörten Produktionsanlagen, etwa beim LNG-Gas in Qatar, wird noch länger dauern, und die Gaspreise werden entsprechend erhöht bleiben.“Chance zur preisgünstigen Füllung der GasspeicherDeutschland könnte von der Einigung besonders profitieren, weil die Gasspeicher für diese Jahreszeit nur sehr wenig gefüllt sind, sagte Kooths. Das traditionelle Kalkül, die Gasspeicher bei niedrigeren Preisen im Sommerhalbjahr aufzufüllen, sei bislang wegen der hohen Spotpreise nicht aufgegangen. Nun böte sich eine Chance, dass die Speicher noch rechtzeitig vor dem Winter zu niedrigeren Preisen gefüllt werden könnten. Das könnte Deutschland eine Debatte über Gasmangellagen im Winter ersparen, sagte Kooths.Die Ökonomen aus Kiel hatten gerade erst für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent in diesem und von einem Prozent im kommenden Jahr prognostiziert. Kooths sagte, dass ein Friedensvertrag sich vor allem wohl auf das Wachstum im kommenden Jahr auswirken würde. Das IfW rechnet wegen der höheren Energiepreise in diesem und im kommenden Jahr insgesamt mit einem Kaufkraftentzug in Deutschland von 35 Milliarden Euro. Dieser Kaufkraftentzug werde mit dem Rahmenabkommen geringer sein, aber nicht gänzlich schwinden, sagte Kooths.Mit ihrer Prognose von 0,8 Prozent Expansion in diesem Jahr liegen die Kieler Ökonomen höher als andere Forscher. Die Bundesregierung und der Sachverständigenrat erwarten ein Plus des Bruttoinlandsprodukts um 0,5 Prozent. Der Sachverständigenrat hatte dabei in Anlehnung an die Finanzmärkte unterstellt, dass es im Laufe des Sommers zu einer Entspannung kommen werde. Es gebe keinen Grund, „unsere Prognose jetzt nach oben zu revidieren“, sagte Schnitzer. „Es wird lediglich weniger wahrscheinlich, dass wir unsere Prognose nochmals nach unten revidieren müssen.“Inflationsdruck bleibt noch für Monate bestehenDie Commerzbank hielt trotz des Rahmenabkommens an ihrer bisherigen Prognose eines „mageren Wachstums“ von 0,6 Prozent in Deutschland und im Euroraum in diesem Jahr fest. Nach Krämers Berechnungen kostet der Irankrieg in diesem Jahr beide Regionen 0,4 Prozentpunkte Wachstum. Dabei ist unterstellt, dass der Ölpreis mit einigem politischen Hin und Her in den kommenden beiden Monaten deutlich um 100 Dollar schwanken wird.Die Inflationsrate im Euroraum würde demnach bis zum Jahresende um drei Prozent schwanken. Schon jetzt zeigen Umfragen, dass die Unternehmen die gestiegenen Energiepreise an die Kunden weitergeben. Die längerfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher sind auf mehr als zwei Prozent gestiegen. Krämer geht deshalb davon aus, dass die Europäische Zentralbank den Leitzins noch einmal um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent anheben werde.